„Big Time“, Dänemark, 2017
Regie: Kaspar Astrup Schröder; Musik: Ali Helmwein

Big Time

„Big Time“ läuft ab 8. Februar 2018 im Kino

Kalt ist es ja in Dänemark. Skifahren kann man aber trotzdem nicht, es fehlen die Berge. Das soll sich bald ändern, im Sommer soll der Bau einer künstlichen Skipiste abgeschlossen sein. Mitten in Kopenhagen. Auf einer Müllverbrennungsanlage. Ach ja, Cafés soll es dort auch geben, eine begrüntes Dach für Picknicks, zusätzlich die größte künstliche Kletteranlage der Welt. An dieser Stelle ist man als Zuschauer versucht, Big Time kurz anzuhalten und nach Möglichkeit noch einmal zurückzuspulen. Hat er das wirklich gesagt? Wer kommt denn bitteschön auf eine derart seltsame Idee? Bjarke Ingels natürlich.

Als Laie wird einem dieser Name vermutlich erst einmal nicht viel sagen. Wer die Dokumentation über ihn gesehen hat, wird ihn im Anschluss aber sobald nicht wieder vergessen. Da wären zum einen natürlich die unglaublichen Gebäude, an denen er arbeitet, eines origineller als das andere. Um nicht zu sagen kurios, die Demonstration einer entfesselten Kreativität. Und sie sind gefragt. Eines seiner neuesten Coups des mittlerweile international anerkannten dänischen Architekten ist ein am Ground Zero geplanter Wolkenkratzer. Das Time Magazine wählte ihn unlängst zu einem der hundert einflussreichsten Menschen der Welt.

Ich will mehr!
Sein Landsmann Kaspar Astrup Schröder, der mit ihm schon während seiner Parkour-Doku My Playground zusammengearbeitet hat, beschränkt sich dabei aber nicht allein auf die Gebäude. Was einerseits schade ist. Wenn Ingels anfängt, auf einem Bogen Papier wild drauflos zu zeichnen, seine irren Visionen Gestalt annehmen, dann ist man fast schon enttäuscht, wenn Big Time wieder das Thema wechselt. Man könnte dem Dänen ewig dabei zusehen, wie er seine Ideen illustriert. Könnte ihm auch ewig dabei zuhören.

43 Jahre ist er mittlerweile und hat sich dabei doch viel von seinem jungenhaften Charme bewahrt. Schon als Kind habe er immer gern gezeichnet, erzählen seine Eltern zu Beginn des Films. Ansonsten aber hält sich Schröder nicht lange mit dem Thema auf, Infos zu seinem familiären Hintergrund und seinen Anfängen muss man sich wenn dann außerhalb beschaffen. Und doch hat Big Time eine persönliche Note. Zum einen erzählt der Film, welche Auswirkungen Arbeit und Ruhm auf Ingels haben, dessen Leben gerade auf der privaten Seite nicht so lief wie erhofft. Zum anderen kehrt das Gespräch immer wieder zu einer Gehirnerschütterung zurück, unter dessen Folgen der Däne immer noch leidet und die zu einer panischen Angst vor einem Gehirntumor geführt hat.

Viel Licht, ein bisschen Schatten
Es sind die Schattenseiten eines Lebens im Scheinwerferlicht. Auch an anderen Stellen ist Schröder daran interessiert, den Überflieger ein wenig zu erden, indem er ihn in weniger souveränen Situationen zeigt. Die können witzig sein, etwa bei Ingels’ unbeholfenem Versuch, eine Fliege zu binden. Manchmal auch ein wenig erschreckend, wenn bei seinem Umgang mit den Mitarbeitern eine herablassende Natur durchschimmert, in der nur sein Geschmack der richtige ist. Ganz ohne Grund hat er sein Architekturbüro wohl nicht Bjarke Ingels Group – kurz: BIG – genannt. Am Ende überwiegen aber doch die Sympathiewerte. Die Doku kann allein schon aufgrund der Laufzeit von weniger als 90 Minuten nicht allen Themen oder der Person gerecht werden. Aber sie ist ein unterhaltsamer Einstieg, der Lust darauf macht, noch ein bisschen mehr in die wundersame Gebäudewelt des Architekten einzutauchen.

Big Time
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Big Time
Die Gebäude sind ungewöhnlich, die Ideen faszinierend, er selbst sympathisch: „Big Time“ zeichnet ein unterhaltsames Bild des international gefragten Stararchitekten Bjarke Ingels. Gleichzeitig versucht die Doku auch, die Schattenseiten und Mängel des Dänen aufzuzeigen, ohne dabei aber ernsthaft dessen Charme gefährlich werden zu wollen.
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