(OT: Midnight Lace, Regie: David Miller, USA, 1960)

Als Kit Preston (Doris Day) eines Abends nach Hause geht, hört sie durch den Nebel eine unheimliche, verzerrte Männerstimme, die ihr den Tod androht. Da weiter nichts passiert, ist der Vorfall bald vergessen, doch schon einige Zeit später erhält Kit anonyme Anrufe, in denen dieselbe Stimme wiederum ankündigt, sie zu töten. Völlig verstört sucht sie mit ihrem Ehemann Anthony (Rex Harrison) Rat bei der Polizei. Inspektor Byrnes (John Williams) gibt sich hilfreich, lässt Anthony hinter vorgehaltener Hand aber wissen, dass Frauen sich solche Geschichten gerne mal ausdenken würden. Obwohl Anthony die Stimme des Anrufers nie selbst gehört hat, glaubt er seiner Frau. Bis diese ihm von einem neuen Anruf berichtet – an einem Tag, an dem das Telefon eine Störung hatte und nicht funktionierte.

Unheimlich starker Einstieg
Mitternachtsspitzen wirft den unvorbereiteten Zuschauer direkt ins kalte Wasser, denn keine zwei Minuten nachdem die Logos über den Bildschirm geflimmert sind, befinden wir uns mitsamt Doris Day auf einem nebligen Friedhof und hören die gruselige Stimme des Unbekannten. Der Einstieg ist wirklich gelungen und sollte eigentlich den Ton für den weiteren Film vorgeben. Leider folgen dann erst mal eine ganze Zeit lang banale Szenen, die von Kit Prestons langweiligem Alltag geprägt sind. Diese haben zwar prinzipiell eine Daseinsberechtigung, denn es bedarf eines Kontrasts zu der Bedrohung durch den Unbekannten, aber gute fünfzehn Minuten hätten hier mindestens gestrichen werden können. Sobald die Durststrecke überwunden ist, geht es dafür spannend weiter, denn Regisseur David Miller versteht es gut, falsche Spuren zu legen und mehr als nur einen möglichen Verdächtigen zu präsentieren.

Mit heutigen Augen gesehen, die auf einen wesentlich größeren Filmfundus zurückgreifen können als das damalige Publikum, ist es zwar nicht unbedingt sonderlich schwierig, zu ermitteln was tatsächlich vonstatten geht. Aber für einen Kinozuschauer im Jahre 1960, der vielleicht – und so viel darf gesagt werden, ohne zu spoilern – noch keinen Film von Alfred Hitchcock gesehen hat, dürfte es schon eine ziemliche Überraschung gewesen sein. Und selbst heute kann man sich nicht dem Eindruck erwehren, dass Mitternachtsspitzen doch noch eine andere Wendung nehmen könnte. Auf der einen Seite haben wir die harten Fakten, wir hören die Stimme auf dem Friedhof, wir sehen den Mann, der in Prestons Wohnung eindringt, auf der anderen Seite hören wir tatsächlich den Anrufer nie und die verschiedenen Charaktere im Film pflanzen den Keim des Zweifels gekonnt im Kopf des Zuschauers, indem sie Anthony Preston davon zu überzeugen versuchen, dass Kit sich das alles nur ausdenkt.

Gute Besetzung durch und durch
Doris Days Verkörperung der Kit Preston wirft einmal mehr die Frage auf, wie diese Frau in ihrer gesamten Karriere nur ein einziges Mal für den Oscar nominiert wurde. Eine Golden-Globe-Nominierung war ihr für Mitternachtsspitzen zwar noch vergönnt, aber dass die Academy sie generell übersehen hat, kann nur mit persönlichen Querelen zu erklären sein. Immerhin gewann Day dreimal den Sour Apple, einen bis Anfang dieses Jahrtausends verliehenen Preis für unkooperative Schauspieler. Rex Harrison als der Ehemann, Myrna Loy als Kits Tante Bea und John Williams als Inspektor aber lassen sich hier keineswegs von Day an die Wand spielen, überhaupt ist der gesamte Cast ziemlich stark.

Mitternachtsspitzen
4.06 (81.25%) 16 Artikel bewerten

Mitternachtsspitzen
"Mitternachtsspitzen" eröffnet stark, verfällt dann in eine beinahe letargische Behäbigkeit, um schlussendlich mit einem spannenden Finale aufzuwarten. Das Schauspiel allein ist jeden Blick wert.
7von 10

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