(OT: „Archipelago“, Regie: Giulio Squillacciotti, Camilla Insom, Iran/Itanien, 2016)

„Archipelago“ läuft im Rahmen des 4. Iranischen Filmfestivals München (12. bis 16. Juli 2017)

Der Iran ist ein durch und durch islamisches Land, das wissen wir durch die Nachrichten. Das wissen wir durch die Bilder, welche Frauen in Ganzkörperkleidungen zeigen. Aber Islam bedeutet eben mehr als das. Es bedeutet auch alte Mythen, die sich etwas unbemerkt bis heute gehalten haben. Aberglauben. Dschinns zum Beispiel, übernatürliche Wesen, die neben Menschen und Engeln die Welt bevölkern sollen und Überreste aus einem vorislamischen Glauben sind. Die sollen, anders als es etwa Aladdin zeigt, größtenteils unsichtbar sein und im Verborgenen werkeln.

Wer Under the Shadow gesehen hat, das im Iran der 1980er spielt, der weiß, wie gefährlich ein solches Geisterwesen sein kann: Dort terrorisiert ein besitzergreifender Dschinn die Bewohner eines Mehrfamilienhauses. Aber nicht jede Begegnung mit einer dieser altüberlieferten Gestalten muss derart böse ausgehen. Dieser Überzeugung sind zumindest die Einwohner einer iranischen Inselgruppe im Persischen Golf, welchen die italienischen Regisseure Giulio Squillacciotti und Camilla Insom nachgehen.

Erklärungen sind Mangelware
Einleitungen und Kontexte braucht man sich von Archipelago jedoch nicht zu erwarten. In dem Dokumentarfilm kommen keine Religionsexperten oder Historiker zu Wort, die von den verschiedenen Entwicklungen des Landes erzählen. Auch die sonst gern verwendete Technik, mit Hilfe eines Lauftextes das Publikum auf die folgenden Ereignisse vorzubereiten, ist hier kein Thema. „Show, don’t tell“ lautet das offensichtliche Motto des Regieduos. Sie zeigen lieber gleich die verschiedenen Rituale, welche die Inselbevölkerung in ihren Alltag integriert hat.

Verständlich ist das Gezeigte dann auch nicht. Wer bislang keinen Zugang zu den alten Mythen hatte, wird ihn hier kaum finden. Doch auch wenn der beim 4. Iranischen Filmfestival München gezeigte, noch nicht fertiggestellte Dokumentarfilm gerne informativer hätte sein dürfen, faszinierend ist er allemal. Ekstatische Bewegungen und Gesänge, voll vermummte Menschen, eigenartige Rituale: Archipelago zeigt uns eine fremde, ganz eigene Welt, die unabhängig von der unseren zu existieren scheint. Unabhängig von der Zeit. Eine Welt, in der die Menschen noch näher an Alltagsbeobachtungen und archaischen Deutungen sind: rau, wild und ein bisschen unheimlich.



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Archipelago
„Archipelago“ thematisiert die alten Mythen und Überzeugungen auf einer iranischen Inselgruppe. Das ist aufgrund fehlender Erläuterungen und Kontexte zwar kaum verständlich, die Gespräche und Rituale bieten aber doch faszinierende Einblicke in eine ganz fremde Welt.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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