(„The Man Who Knew 75 Languages“ directed by Anne Magnussen and Paweł Dębski, 2016)

The Man Who Knew 75 Languages

„The Man Who Knew 75 Languages“ läuft im Rahmen des Festival d’Animation Annecy (12. bis 17. Juni 2017)

Es soll ja so Menschen geben, die eine Sprache nur mal beim Vorbeigehen gehört haben zu müssen, um schon beim nächsten Urlaub die Speisekarte rauf und runter bestellen zu können. Georg Sauerwein war so ein Mensch. Ganze 75 Sprachen beherrschte, wie der Titel des Films schon verrät, als er 1904 starb. Das umfasste neben seiner Muttersprache Deutsch und diversen europäischen – darunter Englisch, Französisch und Italienisch – auch solche aus Persien und Indien. Was heute Personalchefs in Verzückung versetzen dürfte, war seinerzeit aber mindestens skeptisch beäugt worden. Warum sollte man so kleine Sprachen lernen wollen, wenn man schon Deutsch kann?

Für den gebürtigen Hannoveraner war dies jedoch Ehrensache, denn Sprache war mehr als Mittel zum Weck. Mehr als ein praktischer Gebrauchsgegenstand. Sprache, das bedeutet auch Identität, gerade auch für Minderheiten. Und so setzte er sich in den späteren Jahren auch sehr für Minderheiten im Deutschen Reich an, so etwa für das Litauische. Das brachte ihm bei eben diesen Minderheiten viel Respekt ein, bis heute wird dort ein Lied gesungen, das auf seinem Text basiert. In seinem Heimatland war er wegen seiner Bemühungen jedoch weniger gut angesehen, als Verräter wurde er von einigen sogar verunglimpft und verprügelt.

Von Wörtern und Liebe
Zwei Aspekte sind es, die das Regieduo Anne Magnussen und Paweł Dębski in The Man Who Knew 75 Languages hervorhebt. Da wäre zum einen seine ungemeine sprachliche Begabung sowie sein Interesse für fremde Kulturen. Beispielsweise dürfen wir erfahren, dass er als 24-Jähriger das erste englisch-türkische Wörterbuch verfasste. Besonders schön bei der Umsetzung des Films ist, dass diese Sprachen auch tatsächlich eine Verwendung finden. Ein Großteil der Geschichte ist in Deutsch und Englisch eingesprochen, aber auch Litauisch und Norwegisch finden eine längere Berücksichtigung, was Untertitelverweigerer in den Wahnsinn treiben wird.

Der zweite Punkt betrifft sein Verhältnis zu der rumänischen Königin Elisabeth zu Wied, dessen Privatlehrer er einst war. Texte zu The Man Who Knew 75 Languages heben ganz gerne mal diesen Aspekt besonders hervor, versuchen die Geschichte zu einer Liebesgeschichte umzudeuten. Prominenter ist der Teil natürlich, aber allein schon aufgrund der kurzen Laufzeit von rund einer Stunde bleibt es eigentlich überall bei kleineren Momentaufnahmen und Andeutungen. Das ist sehr schade, denn zu erzählen gab es hier eine ganze Menge: das Sprachenlernen, die Identitätenfrage, die historischen Kontexte, der Dokumentarfilm stellt eine ganze Menge Themen vor, die sowohl interessant wie auch sehr aktuell sind. Schließlich ist die Frage, wie viel wir von unserer Kultur behalten dürfen, auch im Jahre 2017 heiß diskutiert.

Zwischen Animation und Realfilm
Sehenswert ist die Co-Produktion aus Norwegen, Polen und Litauen aber auch für die ungewöhnliche Optik: Wie bei Die Hälfte der Stadt oder 1917 – Der wahre Oktober wurde hier das Medium der Animation gewählt, um dem Publikum ein historisches Thema näherzubringen, hier eben Sauerwein und dessen Leben. Interessant ist dabei, wie sehr das polnische Animationsstudio Fumi Kunst und Reales ineinandergreifen lässt: Die Rotoskopie-Animationen der gezeichneten Figuren sind überaus flüssig und detailgetreu, die Hintergründe bestehen aus Realaufnahmen, was zusammen sehr reizvolle Bilder ergibt. Auch deshalb ist der impressionistische Dokumentarfilm ein echter Geheimtipp, eine persönliche Geschichtsstunde, wie man sie nur selten sieht. Leider hat sich – trotz der vielen Deutschphasen in der Originalversion – bislang kein hiesiger Verleih gefunden. Wer ihn dennoch sehen möchte, muss auf Festivals ausweichen, beispielsweise das Festival d’Animation Annecy, welches im Juni wieder seine Pforten öffnet.

The Man Who Knew 75 Languages
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The Man Who Knew 75 Languages
„The Man Who Knew 75 Languages“ ist gleichzeitig eine Dokumentation über einen bemerkenswerten Mann und sein historisches Umfeld wie auch ein Denkanstoß zu den Themen Sprache, Identität und Minderheitenschutz. Aufgrund der kurzen Laufzeit bleibt es bei impressionistischen Momentaufnahmen. Die haben dafür, auch aufgrund der reizvollen Realfilm-/Animation-Kombination, aber einiges zu sagen und zeigen.
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