(„Die Hälfte der Stadt“ directed by Pawel Siczek, 2015)

Die Haelfte der Stadt

„Die Hälfte der Stadt“ läuft ab 5. November im Kino

Chaim Berman? Wem der Name nichts sagt, muss sich nicht seiner Unwissenheit wegen schämen: Es dürfte nur wenige geben, bei denen das anders ist. 1890 in der polnischen Kleinstadt Kozienice geboren, arbeitete er dort als Fotograf, lebte friedlich und geachtet mit seinen Mitbürgern. Bis sich in den 1930ern die Stimmung rapide verschlechtert, aus Freunden Feinde werden und der Anhänger des jüdischen Glaubens zunehmend um sein Leben fürchten muss. Doch Berman gibt nicht auf, kämpft auch als die Deutschen einfallen für ein friedliches Zusammenleben der einzelnen Bevölkerungsgruppen.

So weit zu den groben Eckdaten. Nein, ungewöhnlich war das Leben Bermans nicht, vielmehr ein trauriger Alltag für viele seiner Zeitgenossen. Ungewöhnlich ist jedoch, dass die Arbeit des Fotografen die finstere Zeit der Besatzung unbeschadet überstanden hat. Knapp 10.000 seiner Porträts auf Glasnegativen lagerten jahrzehntelang in Kellern und auf Dachböden, bis eines Tages klar wurde, welche Schätze da vergessen auf ihre Entdeckung warteten.

Die Hälfte der Stadt ist dann auch weniger eine Verfilmung von Bermans Leben, stattdessen nimmt Dokumentarfilmer Pawel Siczek dieses als Ausgangspunkt, um für uns die damalige Zeit wiederaufleben zu lassen. Und dafür setzt der polnische Regisseur auf mehrere Stilmittel und Erzähltechniken. Da wären zum einen natürlich die eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien selbst, einige über 100 Jahre alt, welche den allmählichen Wandel innerhalb der Stadt festhielten. Zum anderen machte sich Siczek auf die Suche nach Zeitzeugen und Nachkommen, die zwar vielleicht nicht viel zu Berman zu sagen haben, wohl aber dazu, wie aus Kozienice, in der einst die Hälfte der Stadt aus Juden bestand, für viele ein Ort des Schreckens wurde.

Und dann wären da noch die zahlreichen Animationsszenen: Anstatt die Biografie von Berman und Kozienice durch nachgestellte Szenen oder rein durch einen Erzähler wiederzugeben, entschied sich Siczek, dieses eben mithilfe von Zeichentricksequenzen zu tun. Diese sind technisch sicher nicht überragend, gerade die Animationen sind relativ spärlich. Zu sagen haben die gezeichneten Figuren oft auch nichts. Und doch gelingt Die Hälfte der Stadt damit nicht nur, das Problem nicht durch Bilder oder Film festgehaltene Momente elegant zu umgehen, sondern gewinnt dadurch auch eine ganz eigene, leicht entrückte Atmosphäre hinzu. Und auch eine grausame: Die finsteren Momente zum Ende hin werden durch die eigentlich kindlichen Zeichnungen nahezu unerträglich.

Vergangenheit und Gegenwart, Realaufnahme und Animation – in Die Hälfte der Stadt verschwimmen die Grenzen. Die Schrecken von einst sind präsent und doch wieder fern, der ganze Film ist von dem Gefühl des Verlustes geprägt, dem Wunsch sich an etwas zu erinnern, was vor vielen, vielen Jahren geraubt wurde. Ein bisschen ziellos ist diese Zeitreise zuweilen, eine aus Resten zusammengeflickte Collage, bei der sich die Zusammenhänge nicht automatisch erschließen. Wer war Chaim Berman? Das weiß man nach den anderthalb Stunden, die der Film dauert, immer noch nicht. Aber man ist um einige wertvolle (Seh-)Erfahrungen und Eindrücke reicher, die einen auch Jahrzehnte nach dem Tod des Fotografen noch begleiten.

Die Hälfte der Stadt
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Die Hälfte der Stadt
In „Die Hälfte der Stadt“ nimmt Pawel Siczek das Leben des polnisch-jüdischen Fotografen Chaim Berman zum Anlass, um das Schicksal einer Kleinstadt in den 1930ern zu erzählen. Das ist manchmal etwas ziellos, insgesamt aber ein überraschend lebendiges Porträt – auch dank der eindrucksvollen Fotografien und kindlichen Animationssequenzen.
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