(„La Dame dans l’auto avec des lunettes et un fusil“ directed by Joann Sfar, 2015)

„The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ ist seit 2. Januar 2017 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Wenn es nach Dany (Freya Mavor) gegangen wäre, sie hätte den Abend gern für sich genutzt. Stattdessen muss die junge Sekretärin aber die Nacht bei ihrem Boss (Benjamin Biolay) verbringen, um ein Dokument abzutippen. Aber damit nicht genug: Sie soll außerdem sein Auto am nächsten Tag zum Flughafen fahren. Das tut die brave Angestellte auch, nutzt die Gunst der Stund jedoch, mit dem schicken Wagen eine kleine Spritztour zu machen. So richtig erholsam ist die aber nicht, denn wo immer sie auch auftaucht, behaupten Leute, sie wäre schon am Tag zuvor dort gewesen. Eine bloße Verwechslung? Oder ist es tatsächlich möglich, dass sich Dany an nichts mehr erinnert?

In Deutschland ist der Name Sébastien Japrisot am ehesten noch durch Mathilde – Eine große Liebe den Leuten ein Begriff, Jean-Pierre Jeunets Adaption seines Romans „Die Mimosen von Hossegor“ mit Audrey Tautou. In seiner Heimat genoss der französische Autor aber durchaus Ruhm, gerade auch als Verfasser mehrerer Kriminalromane. Einer davon wurde vor einigen Jahren unter dem Titel Wrong Identity – In der Haut einer Mörderin verfilmt, nun steht mit The Lady in the Car with Glasses and a Gun eine weitere Umsetzung an. Und hier wie dort zeigte sich der Franzose als versierter Fallensteller, der kontinuierlich mit Wahrnehmungen und Ebenen spielt, bis man am Ende gar nicht mehr weiß, wo einem noch der Kopf steht.

Dass das hier so gut funktioniert, ist auch ein Verdienst von Joann Sfar. Zuletzt war der Regisseur ja vornehmlich im Animationsbereich unterwegs, adaptierte in Die Katze des Rabbiners seinen eigenen Comic, steuerte einen Abschnitt zu der Poesie-Verfilmung The Prophet bei. Sein zwangsläufig bildgeschultes Auge macht sich in The Lady in the Car dann auch mehr als bezahlt, zumindest aus Zuschauersicht. Selbst wenn das französische Multitalent mal nicht herumexperimentiert, Splitscreens verwendet oder Szenen zeigt, bei denen man im Anschluss nicht sagen kann, ob sie aus dem Hier und Jetzt stammen, selbst dann sieht seine Romanadaption oft äußerst schick aus. Begleitet von einem wunderbaren Soundtrack lässt uns Sfar zurück in die 70er reisen. Oder das, was ein Fiebertraum aus den 70ern gemacht hat. Denn so richtig real ist die Suche nach der Wahrheit nicht.

Hinter dieser stylischen Fassade wartet jedoch nicht so viel, wie man ganz gern gehabt hätte. Natürlich lädt das Verwirrspiel dazu ein, die Situation ausgiebig zu interpretieren. Anlässe zum Grübeln gibt einem das rätselhafte Geschehen mehr als genug, seine Spannung bezieht der Thriller aus der Neugierde, was als nächstes passiert. Und der, was das hier eigentlich alles zu bedeuten hat. Bedauerlich ist nur, dass The Lady in the Car darauf eine Antwort hat. Eine Antwort, die zwar zu erklären versucht, am Ende aber nicht sonderlich viel Sinn ergibt. Den einen oder anderen aufgrund der etwas gewagten Wendungen sogar kräftig verärgern könnte. Man sollte sich der Romanadaption daher nicht mit dem Anspruch nähern, einen regulären Krimi von Japrisot zu sehen, bei der es einen Fall zu lösen gilt. Stattdessen erwartet einen hier ein betörender und gleichzeitig befremdlicher Road Trip mit einer Hauptfigur irgendwo zwischen naivem Mauerblümchen und verführerischer femme fatale, die sich stellvertretend für den Zuschauer die Frage stellen darf, ob das gerade nicht alles völliger Blödsinn ist.

The Lady in the Car with Glasses and a Gun
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The Lady in the Car with Glasses and a Gun
Wenn eine Frau unterwegs ständig hören muss, sie sei doch gestern schon da gewesen, dann darf man sich auch als Zuschauer fragen, was da gespielt wird. Die Antwort ist zwar weniger befriedigend, dafür ist „The Lady in the Car with Glasses and a Gun“ audiovisuell so fesselnd, dass einem das schon fast egal ist.
7von 10

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