(„Moral Orel – Season 1“, 2005/06)

„Moral Orel – The Unholy Version“ enthält die zehn Folgen der ersten Staffel sowie drei aus der zweiten

Nachdem wir uns letzte Woche mit Robot Carnival in eine von Maschinen beherrschte Zukunft katapultiert haben, schalten wir in Ausgabe 143 unseres fortlaufenden Animationsspecials wieder einen Gang zurück. Kult ist unsere heutige Serie auch, aber deutlich bescheidener. Fundamentaler. Und böser, sehr viel böser.

Das Leben als 12-Jähriger ist echt nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn man wie Orel Puppington alles dafür tut, den guten und richtigen Pfad einzuschlagen. So wie Gott es von dir will. Da dessen Wege aber unergründlich sind, braucht es selbst in einer so frommen Gemeinde wie Moralton viel Hilfe von außen. Vom eigenen Vater zum Beispiel, der gerne trinkt und seinen Sohn mit dem Gürtel verdrescht. Von der eigenen Mutter, deren besonderes Talent darin liegt, jedes Problem auszublenden. Oder auch vom Pfarrer, der kein Geheimnis um seine sexuelle Frustration macht. Und während Orel so immer wieder an seine Grenzen stößt, muss er feststellen, dass die Bibel noch sehr viel mehr Gebote auf Lager hält als die bekannten zehn.

Auch wenn der Name hierzulande vielleicht nicht ganz so vielen Leuten etwas sagt, in den USA genießt der TV-Programmblock Adult Swim Kultstatus. Immer wieder wurden dort ungewöhnliche bis bizarre Serien gezeigt – darunter Robot Chicken und Rick and Morty –, die wie der Name schon sagt, nur für ein erwachsenes Publikum gedacht sind. Das ist bei Moral Orel nicht anders. Die von Dino Stamatopoulos erdachte Sendung mag zunächst harmlos wirken mit ihrer netten per Knetmasse modellierten Stadt, die nach altmodischer Stop-Motion-Weise zum Leben erweckt wird. Außerdem geht es hier doch um einen Jungen, der jede Folge eine wichtige Moral lernt, die er für seinen weiteren Lebensweg nutzen kann. Was kann da schon passieren? Eine Menge.

Dafür reicht schon ein Blick auf die angeblich verlorengegangenen Gebote, welche die klassischen zehn erweitern und immer wieder in die Geschichten eingebaut werden. „Thou shalt be ashamed of thy natural anatomy“, lautet eines davon. „Thou shalt not bastardize the American language“ ein anderes. Dass die verbreiteten Lehren nichts mit der Bibel zu tun haben, ist symptomatisch für die Serie. Denn die macht sich unentwegt darüber lustig, wie christliche Fundamentalisten Religion an ihre Bedürfnisse anpassen, sie gnadenlos verzerren und anschließend als Gottes Willen verkaufen wollen.

Allzu empfindlich sollte man hier wie bei anderen Produktionen von Adult Swim also nicht sein. Nicht nur dass es hier auch schon mal kräftiger zur Sache gehen kann – da werden Menschen zu Tode geprügelt, in einer Folge versucht sich Orel an Intimpiercings –, vor allem gläubige Menschen müssen sich bei dieser bitterbösen Satire auf vor allem amerikanische Bigotterie warm anziehen. Denn hinter der makellos weißen Fassade der Ortskirche tummeln sich kaputte Menschen ohne Ende. Ehebruch ist ein Thema, Drogenmissbrauch, Rassismus. Also alles, was es offiziell nicht gibt in dieser so netten Gemeinde.

Das kann bisweilen unglaublich absurd werden, gleich in der ersten von zehn Folgen, welche Staffel Nummer eins bilden, wird die Stadt von Zombies überrannt, weil der Tod eine Sünde gegenüber Gott darstellt. So wie hier stolpert Orel immer wieder in chaotische Situationen, weil er die Regeln seiner Religion falsch oder zu wörtlich verstanden hat. Das ist nicht unbedingt immer anspruchsvoll, oft jenseits des guten Geschmacks, insgesamt aber doch oft wahnsinnig witzig – zumindest wenn man ein Faible für schwarzen Humor und Satire hat. Gerade mal zehn Minuten ist so eine Folge lang, aber vollgestopft mit optischen wie sprachlichen Witzen und manchem Running Gag. Dass Moral Orel aber auch anders kann, beweist Das schönste Weihnachten aller Zeiten, das neben den Over-the-top-Gags auch die bitteren, ernsten Seiten des Lebens aufzeigt. Etwas, das die Serie in den folgenden zwei Staffeln immer wieder aufgreifen und verstärken wird. Leider sind diese aber nicht auf Deutsch erhältlich, wer mehr sehen will, muss auf den australischen Import zurückgreifen, der sämtliche 43 Episoden enthält.

Moral Orel – Staffel 1
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Moral Orel – Staffel 1
Die erste Staffel von „Moral Orel“ nimmt auf eine sehr böse, oft geschmacklose Weise christliche Fundamentalisten aufs Korn. Gerade auch durch den Kontrast zu der kindlichen Claymotion-Optik sind die satirischen Angriffe äußerst effektiv, die Serie ist vollgestopft mit absurden Ideen und Gags.
8von 10

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