(„Where Is Rocky II?“ directed by Pierre Bismuth, 2016)

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„Where Is Rocky II?“ läuft ab 20. Oktober im Kino

Ed wer? Na, Ed Ruscha, einer der bekanntesten Künstler der Gegenwart! Als solcher wird er zumindest in Where Is Rocky II? bezeichnet. Das mag man glauben oder auch nicht, so wie vieles hier nicht so ganz eindeutig mit Aufklebern wie „wahr“ oder „real“ versehen werden kann. Nur dass es Ruscha gibt, ist eindeutig. Sagt Wikipedia. Und die müssen es ja wissen. Aber schon bei der Frage nach „Rocky II“ scheiden sich ein wenig die Geister. Niemand hat von dem Projekt je gehört, auch engste Vertraute nicht, in Katalogen oder Biografien taucht es nicht auf. Lediglich eine BBC-Dokumentation aus dem Jahr 1979 verweist darauf, dass der Amerikaner seinerzeit wirklich einen künstlichen Felsen angefertigt und in der Mojave-Wüste neben richtigen Felsen versteckt haben soll. Warum auch immer. Immerhin: Die Aktion hört sich so bescheuert an, dass es sich allein deshalb schon lohnt, ihr nachzugehen. Und so nähert sich Regisseur und Autor Pierre Bismuth, der 2005 zusammen mit Michel Gondry und Charlie Kaufman einen Oscar für das beste Original-Drehbuch erhielt (Vergiss mein nicht!) und selbst als Künstler tätig ist, dem Stoff an. Mehrfach, aus verschiedenen Blickwinkeln und auf mehreren Ebenen.

Zunächst wäre da die ganz konkrete. Wie in einem herkömmlichen Dokumentarfilm spürt der Franzose ehemaligen Weggefährten nach, befragt sie zum Künstler und dem Projekt. So weit, so normal. Als nächsten Schritt beauftragt er aber auch einen Privatdetektiv, der eben diese Aufgabe fortsetzen soll, nur ein bisschen professioneller eben. Natürlich wird dabei brav mit der Kamera festgehalten, wie er nach und nach Spuren verfolgt, mal in der Sackgasse landet, Abfuhren erhält oder doch mal jemanden auftreibt, der etwas zu dem Thema zu sagen hat.

Noch befinden wir uns hier aber im dokumentarischen, realitätsgestützten Bereich. Noch. Denn Bismuth macht sich den Spaß draus, parallel zur Suche diese auch zu fiktionalisieren. Und so kommen zwei Drehbuchautoren hinzu, welche den Auftrag erhalten, zu dem Thema einen Film zu drehen. Vorgegeben ist nur, dass es um den Felsen eines Künstlers geht, den dieser vor der Weltöffentlichkeit versteckt hält. Warum er dies tut, wer sich wie an der Suche beteiligt, das überlässt Bismuth dem Duo. Und als wäre das nicht genug, bekommt der Zuschauer dann auch Ausschnitte aus dem Film-im-Film zu sehen, der zeitgleich bereits entsteht.

Und so geht es dann munter weiter, in schöner Regelmäßigkeit wechselt Bismuth die Ebene, ohne dass er dies groß erkenntlich machen wollte. Warum auch? Schließlich geht es in Where Is Rocky II? höchstens beiläufig um die tatsächliche Suche nach dem Felsen. Vielmehr werden hier kontinuierlich die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verwischt, interagieren reale Personen mit erdachten, so wie es Ruscha in seinem Werk eben auch getan hatte. Das ist allein schon aufgrund der Unsinnigkeit des Objekts – was bringt ein versteckter künstlicher Felsen? – ein geradezu diebisches Puzzlevergnügen. Gleichzeitig regt der Doku-/Fiktionshybrid aber auch zum Nachdenken an. Darüber, was die Grenzen ausmachen, ob es sie überhaupt gibt. Und über Sinn und Zweck von Kunst. Kann etwas Kunst sein, von dem niemand weiß, dass es das gibt? Das nie jemand zu sehen bekommt? Eine Antwort verkneift sich der Filmemacher natürlich, denn bei seiner mehrstufigen Schnitzeljagd ist der Weg das Ziel, Suchen und Fragen viel wichtiger als das Finden und Beantworten. Und am Ende? Gibt es einen fabelhaften Ausblick und das Gefühl, bei etwas Großem dabei zu sein, von dem man aber gar nicht so genau sagen kann, was es eigentlich ist.

Where Is Rocky II?
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Where Is Rocky II?
Ein Filmemacher, ein Privatdetektiv, zwei Drehbuchautoren und ein Künstler machen sich unabhängig voneinander auf die Suche nach einem künstlichen Felsen in der Wüste. Oder vielleicht doch nicht? Mal dokumentarisch, dann wieder fiktiv verwischt „Where Is Rocky II?“ die Grenzen zwischen Film und Realität, die mehrstufige Geschichte wird zu einer vergnüglichen Sinnsuche ohne Anspruch auf Antworten.
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