Fantasy Filmfest 2016 Get Shorty

Die Kurzfilmsammlung „Get Shorty“ läuft im Rahmen des 30. Fantasy Filmfests vom 17. August bis 18. September 2016

Sie gehören zum alljährlichen Fantasy Filmfest dazu wie Blut, hirntote Zombies und schwarze Komödien: die Kurzfilme. Unter dem bezeichnenden Titel Get Shorty werden dann diverse Beiträge von Nachwuchsregisseuren gezeigt, die von der Machart her, aber auch der Stimmung so unterschiedlich sind wie der Rest des Festivals. Neun Stück waren es 2016 und durften sich – eine Premiere in den 30 Jahren FFF – um eine immerhin 2000 Euro starke Prämie balgen, welche in die Tasche des entsprechenden Regisseurs wandern soll. Einfach ist die Entscheidung nicht, da es in dem insgesamt guten Ensemble keine echten Ausreißer nach unten gibt, aber auch kaum welche nach oben.

Der vielleicht schönste Kurzfilm stammt dabei von Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die parallel auch für den wundervollen Eröffnungsfilm Swiss Army Man verantwortlich sind. Und so wie dort ist auch Interesting Ball höchst kurios, erzählt mehrere Geschichten, deren einzige Gemeinsamkeit ein an den Protagonisten vorbeihüpfender Ball ist. Wie auch in ihrem Spielfilmdebüt gibt es allein schon aufgrund der schieren Absurdität mancher Einfälle viel zu lachen – spoilern ist an dieser Stelle streng untersagt –, gleichzeitig aber auch wieder so entwaffnend menschliche Momente, wie man sie im Kino heute nur noch selten findet.

In eine ähnliche Richtung geht Seth von Zach Lasry, in dem der Titelheld es sich zur Aufgabe gemacht hat, zwölf Punkte auf einer Liste abzuarbeiten. Auch die sind eher grotesk-albern, teils aber auch unglaublich rührend. Und spätestens der zwölfte Punkt, wenn Seth seinen chronisch unzufriedenen Vater stolz zu machen versucht, ist ein direkter und letztendlich erfolgreicher Angriff aufs Herz.

Eher magenbelastend ist der portugiesische Beitrag Arcana von Jerónimo Ribeiro Rocha, der einzige reine Vertreter des Horrorgenres. Darin wird die Geschichte einer in einem Verlies eingesperrten Frau erzählt, die einem seltsamen Ritual nachgeht. Das ist auf der einen Seite wahnsinnig kunstvoll gefilmt, gleichzeitig aber auch explizit widerwärtig und ohne nennenswerten Inhalt: Der Kurzfilm vertraut einzig auf seine alptraumhafte Stimmung, die für sich genommen auch sehr gelungen ist, jedoch keine wirkliche Abwechslung bietet.

Letztere wird man auch in The Black Bear von Méryl Fortunat-Rossi und Xavier Seron vergeblich suchen, dafür gibt es eine Menge Lacher, viel Blut und eine höchst unerwartete literarische Vorlage: einen Ratgeber, wie man sich in einem Nationalpark bei einer Begegnung mit einem Bären verhalten sollte. Hört sich nicht übermäßig interessant an, ist aber tatsächlich spaßig, vor allem für Splatterfreunde – schließlich endet hier jede der absurden Episoden damit, dass jemandem ein Körperteil abgerissen wird. Aber auch die ständigen Voice overs, die sich mit den unglücklichen Wanderern unterhalten, sorgen mindestens für ein breites Grinsen.

Auch Kookie von Justin Harding wagt den Grenzgang zwischen Horror und Komödie, ist dabei sogar erfolgreicher als manch ausgewachsener Verwandter. Anlass für beides ist ein kleines Mädchen, das sich entgegen dem Willen der Mutter mit Keksen vollstopft und dafür mit einer teuflischen Keksdose bestraft wird. Die sieht schon bei Tageslicht äußerst gruselig aus, läuft aber natürlich bei Nacht erst zur Hochform auf, wenn sie ein gemeingefährliches Eigenleben entwickelt. Und auch die talentierte Nachwuchsdarstellerin macht den Mini zu einem großen Genuss.

Deutlich ernster sind Twenty Fourty Three von Eugénie Muggleton über einen Mann, der seine zombieähnlichen Mitbürger von ihrem Leben befreit sowie Uncanny Valley von Federico Heller, der im pseudodokumentarischen Stil von den Gefahren einer Virtual Reality erzählt. Ersterer gefällt trotz der kaum ausgeführten Geschichte durch seine menschliche Komponente, Letzterer immerhin durch teils sehr schicke Bilder, selbst wenn der Kurzfilm nicht mit den eigenen Ambitionen mithalten kann und letztendlich ein wenig nichtssagend bleibt.

Zu guter Letzt kommen auch Freunde von Animationsfilmen auf ihre Kosten, dieses Mal durch zwei sehr ungewöhnliche und komplett unterschiedliche Beispiele vertreten. Das dänische Growing Pains von Tor Fruergaard setzt mit einer Mischung aus Stop Motion und Zeichentrick auf eine recht ungewöhnliche Art und Weise sowie teils recht explizit das Aufwachsen eines Muttersöhnchens mit der Kastration junger Hunde gleich. Verrückter noch: Decorado von Alberto Vázquez verzichtet auf eine tatsächliche Geschichte, ist dafür aber eine faszinierende Schwarz-Weiß-Horrorgroteske voller bizarrer Figuren, die entfernt an die von Bill Plympton erinnern, und mit einer opernhaften Musik unterlegt wurden – ein Fest für die Freunde des Surrealen.

Get Shorty (2016)
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Get Shorty (2016)
Die 2016er Variante von „Get Shorty“ vereint neun Kurzfilme, die insgesamt auf einem erstaunlich konstant guten Niveau sind und von Horror über Animation bis zu Komödie so ziemlich alles enthält, was man in diesem Bereich erwarten kann – wenn auch auf eine teils sehr unerwartete Weise.
7von 10

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