Bella e Perduta
© Grandfilm

Bella e perduta – Eine Reise durch Italien

(„Bella e perduta“ directed by Pietro Marcello, 2015)

Bella e perduta
„Bella e perduta“ läuft ab 14. Juli im Kino

Wer dieser Tage die Ankündigungen des Kinoprogramms liest, der könnte ein Déjà-vu-Erlebnis haben, welches ausnahmsweise mal nicht von der Remake-Flut Hollywoods verursacht wird. Vielmehr sind es zwei europäische Filme, die sich frappierend ähnlich anhören: Unterwegs mit Jacqueline und Bella e perduta. Beide starten sie am 14. Juli, beide handeln sie von einer Reise quer durchs Land, in beiden steht ein Rind im Mittelpunkt der Reise. Doch während die Franzosen das Szenario zu einem vergnüglichen Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten Leute benutzen, ist die italienische Variante … anders.

Das liegt zum Teil in der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte begründet. Ursprünglich hatte Regisseur Pietro Marcello vorgehabt, einen Dokumentarfilm über den Hirten Tommaso Cestrone zu drehen, der sich ehrenamtlich um eine verlassene bourbonische Residenz Reggia di Carditello aus dem 18. Jahrhundert kümmerte. Als jedoch Cestrone noch während der Dreharbeiten starb, drohte auch der Film damit zu sterben. Stattdessen aber nutzte Marcello das abgedrehte Material und kombinierte es mit einer Art Road Movie. Nicht der Hirte ist es, der zum Protagonisten wird, sondern dessen Büffel Sarchiapone, der aufgrund seines männlichen Geschlechts ökonomisch unbrauchbar und damit dem Tod geweiht ist. Doch auch an dieser Kreatur hing Cestrones Herz. Und so erklärt sich Pulcinella (Sergio Vitolo) bereit, den letzten Wunsch des Verstorbenen zu erfüllen und das Tier zu einem anderen Hirten zu bringen.

Wer diese Beschreibung ein zweites Mal lesen musste, um sie zu verstehen, muss sich nicht mit Selbstzweifeln quälen. Tatsächlich ist das Konzept von Bella e perduta so seltsam, dass man es erst einmal auf sich wirken lassen sollte. Dass die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion fließend sind, dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Spielfilme, beispielsweise aus der Mumblecore-Szene oder dem Found-Footage-Bereich, machen sich Dokumentarmechanismen zu eigen, um authentischer zu werden. Dokumentarfilme wie Above and Below wiederum feilen so sehr an ihrer Inszenierung, dass die Kollegen aus den fiktiven Bereichen nur neidisch werden können. Derart konsequent wie hier wurde die Kombination aus beidem aber nur selten betrieben.

Wobei konsequent vielleicht nicht das richtige Wort für einen Film ist, dessen Weg so gar nicht der des Rationalen ist. Schon der Einstieg verwehrt sich dem Begreifbaren, indem wir quasi durch die Augen eines Rindes die Welt sehen. Eine Welt, in der viel gezeigt, aber nur wenig erklärt wird. Rund zehn Minuten dauert es, bis überhaupt das erste Wort fällt. Und auch wenn später noch so einige dazukommen werden, richtig gesprächig wird Bella e perduta nie. Vor allem aber dient die Sprache hier nicht zwangsweise der Erläuterung. So hat auch der unerwünschte Büffel Sarchiapone einiges zu sagen, mittels eines Voice Overs, lässt uns teilhaben an seiner Traurigkeit über sein Schicksal. An seiner Empörung, dass die Menschen andere Lebewesen als seelenlos ansehen.

Traurig ist ohnehin vieles hier. Ein Büffel, der von niemandem gewollt wird, Menschen, die im Stich gelassen wurden, ein Palast, der vergessen wurde. Ein Kampf gegen das Vergessen ist Bella e perduta dann auch, ein sehnsuchtsvoller Blick zurück auf eine Zeit, die lange vorbei ist und in der Menschen, Tieren und Fabelwesen noch eine Einheit bildeten. Gemeinsam auf der Welt lebten. Gerade die Begegnungen des Pulcinellas, eine hier wahr gewordene Figur des italienischen Volkstheaters, lassen Szenen entstehen, in denen alles eins wird: Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Traum. Der Hang zur Sentimentalität und der nicht unbedingt subtile Einsatz für Natur und Geschichte, beides muss man dem Film irgendwie nachsehen, der sich nicht nur zwischen alle Stühle setzt, sondern diese in einem von Melancholie geprägten Nebel verschwinden lässt.



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„Bella e perduta“ kombiniert reale Dokumentaraufnahmen eines Hirten mit einer fiktiv-mystischen Reise eines Büffels. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher, melancholisch-sentimentaler Kampf für die Natur und gegen das Vergessen.