Letzten Sommer lief in unseren Kinos die Jugenddystopie Boy 7 an. Basierend auf demgleichnamigen Roman der Niederländerin Mirjam Mous erzählt der Film die Geschichte einer finsteren Resozialisierungsanstalt. Zum Kinostart konnten wir euch bereits ein Interview mit Regisseur Özgür Yıldırım präsentieren. Seit dem 25. Februar ist das Werk nun auch auf DVD und Blu-ray erhältlich, was wir zum Anlass nehmen, auch die beiden Hauptdarsteller David Kross und Emilia Schüle zu Wort kommen zu lassen.

Boy 7 erzählt von einer nicht unbedingt schönen Zukunft. In der letzten Zeit gab es eine ganze Reihe solcher Sci-Fi-Dystopien im Kino. Warum sind die eurer Meinung nach so beliebt?
David:
Das ist eine gute Frage. Es gibt viele Filme, die so in die Richtung gehen wie Hunger Games oder so, das stimmt. Auch gerade solche, die ein jugendliches Publikum ansprechen. In der Literatur gab es diese Weltuntergangszenarien ja schon immer. Ich finde das auch sehr interessant. Aber warum die so beliebt sind, kann ich soziologisch nicht wirklich erklären.
Emilia: Das kommt ja aus Amerika, wo das eben gerade „in“ ist. Vorher waren es Vampire. Und jetzt ist es das. Mit Hunger Games hat es angefangen, und jetzt wird eine Kopie nach der anderen gemacht. Keine Ahnung, vielleicht kommen als nächstes dann Drachen. Aber die Faszination war schon immer dafür da.

Üben sie auch auf dich Faszination aus? Was hat dich dazu gebracht, in dem Film mitspielen zu wollen?
Emilia: Natürlich, dass ich mit David Kross arbeiten wollte. Und ich wollte mit Öz arbeiten, ich finde er ist ein toller Regisseur, der spannende Projekte gemacht hat und eine super angenehme Arbeitsweise hat. Ich mochte das Drehbuch sehr gern und empfand Lara als eine große Herausforderung. Außerdem hat mir gefallen, dass es nicht zu Sci-Fi war, sondern nur ein kleines Element. Dass wir beide ein kleiner Teil von einer so großen Verschwörung sind. Das fand ich einfach sehr sehr spannend.

Was ist das dann für ein Gefühl, den Film anschließend zu sehen? Es ist mittlerweile ja so, dass man als Schauspieler den Film nicht mehr unbedingt zu sehen bekommt, bevor er ins Kino kommt.
David: Auf der Premiere sieht man den dann schon, entweder bei einer Teampremiere oder einer offiziellen. Aber ich muss den Film schon so dreimal schauen, bevor ich ihn als Film sehen kann, weil es immer absurd ist, wenn man mitgespielt hat. Beim ersten Mal ärgert man sich sowieso nur über die ganzen Sachen, die man falsch gemacht hat. Beim zweiten Mal kann man dann so ein bisschen mehr die Geschichte sehen, und beim dritten Mal dann als Ganzes.
Emilia: Man hat da ja auch im Hinterkopf, wie das beim Dreh war. Wenn du zum Beispiel völlig übermüdet warst, weil es schon 6.30 Uhr war.

Man hat bei Boy 7 allgemein das Gefühl, dass er ein körperlich anstrengender Film war. Die Anfangssequenz zum Beispiel, wo die Kamera an dir befestigt ist.
David:
Stimmt, ich war das erste Mal Kameramann. Die ganze Anfangsszene, das bin wirklich ich, der da aufsteht und durch den U-Bahn-Schacht geht. Man sieht da ja nur meine Hände, das war auch ein bisschen kompliziert. Es sieht dann ja auch aus wie so ein Computerspiel. Ich hab mich im Vorfeld natürlich gefragt, wie ich das eigentlich spielen soll beim Aufwachen. Und dann sieht man mich gar nicht. Ich hab aber viel mit meinen Händen gespielt. Ich weiß nicht, ob man das gesehen hat und ob man meine Emotionen gespürt hat.

Die Konfusion auf jeden Fall. In dem Film geht es ja ganz allgemein oft um Emotionen, die emotionalen Verwerfungen in der Pubertät. Wie kommt ihr an diese Emotionen ran? Habt ihr euch vorher stark mit dem Buch befasst?
David: Für mich ist das immer so eine Mischung aus mehreren Sachen. Einmal natürlich gerade auch die Vorbereitung mit dem Buch. Es gab da ja so viele Zeitsprünge. Das klingt jetzt banal, aber erst einmal zu verstehen: Wo bin ich gerade in der Geschichte? Es wird ja auch nicht chronologisch gedreht. Da musst du dann überlegen: Wieviel weiß meine Figur schon? Was muss ich noch herausfinden? Das erstmal zu verstehen, die Geschichte zu verstehen, das ist schon ganz gut. Aber dann ist es für mich auch immer die Energie, die am Set ist. Allein die Tatsache, dass wir ganz viele Nachtdrehs hatten und gar nicht das Licht gesehen haben, das macht viel mit einem.

Die Schwimmbadszene war ja so ein emotionaler Moment, wo auch einiges zwischen euch klar wird. Wie war der Dreh?
Emilia:
Das war die krasseste Szene für uns. Boy 7 ist ja ein Low-Budget-Film, deswegen haben wir die Szene nicht tagsüber, sondern nachts gedreht, weil das günstiger war. Um 2 Uhr nachts haben wir angefangen, Schluss war um 5.30 Uhr. Das war völlig surreal, das so nachts zu machen. Es war auch total hart, weil so lange, wie wir das gespielt haben, kann man überhaupt nicht unter Wasser bleiben. Wir hatten unter uns deshalb Taucher, die uns an den Füßen festgehalten haben, damit wir nicht hochtreiben.
David: Und da kriegt man auch schon so ein bisschen Panik.
Emilia: Das zweite ist, dass man sich gar nicht sieht, weil unter Wasser alles so verschwommen ist. Wir mussten also miteinander spielen, ohne uns gegenseitig zu sehen.
David: Stimmt. Und mit den Unterwasserkameras ist nachher alles ganz klar, als ob man sich die ganze Zeit gesehen hätte. Das ist schon absurd.
Emilia: Hinzu kommt, dass ich kurzsichtig bin und meine Kontaktlinsen rausnehmen muss. Ich habe also doppelt so wenig gesehen. Da war so ein orangefarbener Fleck, ansonsten war alles blau um mich herum.

Wie viele Takes habt ihr gebraucht, bis die Sache im Kasten war?
Emilia: Bestimmt 40 Takes. Manchmal war es auch so, dass uns die Taucher zu tief nach unten gezogen haben und wir dadurch nicht mehr im Fokus waren. Wir haben also wirklich drei Stunden daran gedreht. Zwischendurch durften wir auch mal wieder hoch zum Atmen, danach ging es gleich wieder runter zum Spielen.

Ganz abgesehen von den konkreten Drehbedingungen, wie war für euch die Zusammenarbeit mit Regisseur Özgür Yıldırım?
Emilia:
Er ist so unglaublich locker und hat so eine Tiefenentspanntheit. Er ist auch ein ganz familiärer Mensch und herzlich und überträgt das auch auf andere. Beim Casting fragte er mich: „Hast du das Drehbuch gelesen?“ Ich meinte: „ja“. Und er: „Vergiss es. Mach einfach so, wie du denkst.“ Und ich finde, davon lebt der Film auch. Es ist nicht einfach Satz für Satz das Drehbuch, sondern er hat uns viel Freiheit gegeben.

Also habt ihr viel improvisiert?
Emilia:
Wir haben bei den Proben und dem Casting extrem viel improvisiert. Das hat auch geholfen für die Rollenfindung und so. Am Set haben wir das reduziert. Aber auch da hat er gesagt, dass wir das in unserer Sprache sagen sollten und uns nicht zu sehr ans Drehbuch halten müssen. Und das ist glaub ich was, das sich durch alle seine Filme zieht. Dass er auch Leute holt, die keine Schauspielausbildung haben, weil er genau das möchte, dieses Rohe, Intuitive, Lockere. Vielleicht ist das auch so ein Hamburger Ding.

War das mit dem Lied „’74-’75“ von den Connells auch so eine Improvisation? Wer hatte die Idee dazu? Im Film spielt das Lied ja eine größere Rolle.
David: Ich bestimmt nicht, das war Öz. Ich wollte gar nicht singen.
Emilia: Ich singe jetzt auch nicht mehr nur unter der Dusche, sondern auch mit der Gitarre mal. Das mach ich sogar ganz gerne, wenn auch schlecht. Aber ich habe in dem Film ja auch als Lara gesungen. Und da sollte das nicht so perfekt sein, deswegen habe ich da absichtlich schlecht gesungen.
David: Und aus Nettigkeit zu mir, damit der Unterschied nicht so groß ist.

Wie wichtig ist euch Stimme eigentlich? Ihr habt ja beide in Animationsfilmen synchronisiert.
David: Es ist natürlich etwas ganz anderes, so eine Arbeit im Tonstudio. Man muss viel mehr mit seiner Stimme arbeiten können. Viele erkennen mich auch gar nicht in Rio, weil ich da eine so hohe Stimme haben musste. Das war auch sehr anstrengend. Es war dann immer so, dass der Regisseur gemeint hat: „Das war schon richtig richtig gut, David. Aber mach’s noch mal mehr wie ein Vogel.“ Und das ist dann allein schon aus dem Grund eine komplett andere Arbeit. Das hat Öz zum Glück nicht gesagt bei Boy 7. Da durfte ich meine eigene Stimme verwenden.

David Kross + Emilia Schüle [Interview]
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