Kind 44
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Kind 44

(„Child 44“ directed by Daniel Espinosa, 2015)

Kind 44
„Kind 44“ läuft ab 4. Juni im Kino

Es ist gar nicht so lange her, da war Leo Demidow (Tom Hardy) der Liebling der Russen, prangte sein Gesicht doch auf dem Foto der Befreiung von Berlin, der Zweite Weltkrieg war endlich vorbei. 1953 ist von dem Glanz und der Euphorie relativ wenig übrig geblieben, die Lebensbedingungen unter Stalin sind hart, es herrscht kollektives Misstrauen innerhalb der Bevölkerung. Auch Leo, inzwischen als Militärpolizist unterwegs, hat unter der Willkür zu leiden. So darf er auf Anweisung von oben den Mord an dem Sohn seines Kollegen Alexei Andrejew (Fares Fares) nicht untersuchen. Als er sich auch noch weigert, seine Frau Raisa (Noomi Rapace) zu denunzieren, die an einer Verschwörung beteiligt sein soll, wird er in die Provinz strafversetzt. Doch auch dort scheint der Mörder sein Unwesen zu treiben, und Leo gelingt es, seinen neuen Chef Nesterow (Gary Oldman) davon zu überzeugen, der Sache heimlich nachzugehen.

Wenn Schauspieler in Filmen eine andere Nationalität annehmen, ist das Ergebnis zwar manchmal kurios, meistens jedoch ein größeres Problem. Wenn jedoch in einem Film, der in Russland spielt, sämtliche Figuren von namhaften Briten und Skandinaviern gespielt werden, wird man schon einmal hellhörig. Der Grund für diese Besetzung dürfte jedem schnell klar werden, der Kind 44 gesehen hat, denn hier wird so gar kein gutes Haar an Mütterchen Russland gelassen. Anfangs geht das noch in Ordnung, Regisseur Daniel Espinosa fängt schön die Atmosphäre einer paranoiden Gesellschaft ein. Und auch wenn die im Film dargelegte Haltung der russischen Führung zu dem Fall – es ist kein Mord, weil es im Paradies keinen Mord geben kann – reichlich absurd klingt, so legt sie doch zumindest den Grundstein für eine spannende Mördersuche abseits der öffentlichen Wege.

Doch da zeigt sich das viel größere Problem: Über das mitunter plumpe Russlandgebashe mag man vielleicht noch hinwegsehen, über die fehlende Spannung sicher nicht. Die Geschichte über die mysteriösen Kindsmorde wird überraschend schnell beiseite geschoben, stattdessen darf es hier lange auch um das problematische, für den Zuschauer jedoch wenig interessante Eheleben von Leo und Raisa gehen. So gut das Zusammenspiel von Tom Hardy und Noomi Rapace kürzlich in The Drop funktioniert hat, so wenig schaffen sie es, den beiden Charakteren wirklich Leben einzuhauchen.

Aber auch wenn zum Schluss die Jagd auf den Täter wieder aufgenommen wird, der Thrill, der wichtigste Teil eines Thrillers, der ist in der Verfilmung von Tom Rob Smiths gleichnamigen Bestsellerroman zu dem Zeitpunkt längst auf Nimmerwiedersehen verloren gegangen. Das liegt aber nicht nur an der Beiläufigkeit der Ermittlung, sondern auch, dass diese zu keinem befriedigenden Ergebnis führt. Aufgelöst wird der Fall zwar, richtig verständlich ist er dabei jedoch nicht, der Mensch hinter den Morden und seine Motivation, beides erschließt sich kaum, bleibt nebulös und willkürlich. Nicht einmal die gelegentlichen Actionszenen können überzeugen, da sie so fahrig und unübersichtlich gefilmt wurden, dass man hier häufig gar nicht weiß, was eigentlich gerade passiert.

Was den Film vor dem Totalausfall rettet, ist neben einigen soliden Schauspielleistungen die dreckig-düstere Stimmung. Dunkle Wälder, heruntergekommene Dörfer, schlichte Stuben – auch ohne die Morde wäre das Russland in Kind 44 ein trostloser Ort, an dem selbst die Puppen einem jegliche Freude aussaugen. Aber auch daran hat man sich in dem deutlich mehr als zwei Stunden dauernden Film satt gesehen, die vereinzelt übertrieben dramatische Musik setzt dem Ganzen die traurige Krone auf.



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Böses Russland, guter Film? „Kind 44“ zeichnet ein wenig schmeichelhaftes, relatives plumpes Bild vom Russland in den 50ern. Während die dreckig-düstere Stimmung gefällt und die Schauspielleistung der prominenten Besetzung meist immerhin solide ist, fehlt es dem Thriller doch sehr an Spannung, auch die fahrigen Actionszenen können nicht überzeugen.
4
von 10