(„Der blinde Fleck“ directed by Daniel Harrich, 2013)

Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter?200 Verletzte, 13 Tote, darunter auch mehrere Kinder – der Anschlag auf das Oktoberfest am 26. September 1980 schockierte nicht nur München selbst, ganz Deutschland konnte nicht glauben, was sich da auf dem weltbekannten Volksfest zugetragen hat. Ein junger Mann, Gundolf Köhler, Einzelgänger, verklemmt und ohne Perspektive, soll die fatale Bombe gelegt haben. Hinweise auf Mittäter gibt es keine, so zumindest die Aussage von Polizei und der ermittelnden Behörden, der Fall wird bald zu den Akten gelegt.

Das wiederum kommt dem Journalisten Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) unglaubwürdig vor. Indizien, dass Köhler Kontakte zur rechten Szene gab, lagen schon vor, ebenso Zeugenaussagen von Menschen am Tatort, die noch andere Täter gesehen haben wollen. Auch deckt sich die Beschreibung des 21-Jährigen nicht mit dem, was dessen Familie zu erzählen hat. Je mehr Nachforschungen Chaussy anstellt, umso überzeugter ist er daher, dass ganz bewusst Erkenntnisse vertuscht worden waren. Als sich auch noch ein anonymer Informant (August Zirner) bei ihm meldet, führt die Spur plötzlich bis ganz nach oben; sogar der Chef des bayerischen Staatsschutzes, Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach), soll bei den Mauscheleien beteiligt gewesen sein. Aber diese Recherchen haben ihren Preis: Chaussy spürt von allen Seiten Druck und auch seine Ehe mit Ilse (Nicolette Krebitz) steht plötzlich auf der Kippe.

Groß war das Entsetzen, als Ende 2011 bekannt wurde, dass mit der NSU eine rechtsextreme Terrororganisation jahrelang hatte schalten und walten können, wie sie wollten, ohne dass der Verfassungsschutz etwas dagegen hatte tun können. Zwar kam es in Folge des Skandals bundesweit zu Entlassungen, doch der Schaden war längst angerichtet. Für Chaussy war das ein idealer Anlass, um seine persönliche Geschichte wieder auszugraben und zu zeigen: Schon einmal war Deutschland bei den Ermittlungen von Straftaten auf dem rechten Auge blind.Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter? Szene 1

Damit erhält das Oktoberfestattentat nachträglich eine Brisanz, die es lange Zeit gar nicht mehr hatte. Obwohl der Anschlag zahlreiche Leben kostete, in der allgemeinen Wahrnehmung spielt das Ereignis kaum eine Rolle. Und auch die Folgen hielten sich in Grenzen. Wurden in den letzten Jahren, wann auch immer Terroristen ans Werk gingen, manchmal auch schon vorab, die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, ging man Anfang der 80er fast schon erschreckend schnell zur Tagesordnung über.

Wenn Daniel Harrich mit seinem historischen Thriller Der blinde Fleck eines schafft, dann ist es an eine zu Unrecht vergessene Tragödie zu erinnern und auch Empörung im Zuschauer wachzukitzeln. Empörung über die Tat, aber eben auch über die Behörden, deren erstes Ziel es war, schnell einen Schuldigen präsentieren zu können und kommende Wahlen zu eigenen Gunsten zu nutzen. Wahrheitsfindung? Verantwortung? War da was? Wer schon immer Behörden misstrauisch gegenüber stand, findet hier die gesuchte Bestätigung, aber auch als Unvoreingenommener lässt einen der Film mit einem mulmigen Gefühl zurück, dass sich hinter den Kulissen viel mehr abspielt, als man ahnt.Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter? Szene 2

Steckt im Inneren des Films über 30 Jahre nach den Ereignissen noch immer politischer Sprengstoff, ist die Verpackung nicht ganz so aufregend. Eine Montage aus tatsächlichen Archivaufnahmen gibt kurz den Kontext vor, auch Chaussy bekommt eine kleine Einleitung. Danach wird man schon mitten hineingeworfen in die Recherchen des Journalisten, das Attentat selbst wird mehr oder weniger vorausgesetzt. Nach dem etwas irritierenden Anfang geht es dafür umso gradliniger weiter. Auf technische Spielereien wird verzichtet, komplexe Erzählstrukturen vermieden – hier steht die Geschichte im Mittelpunkt.

Verkehrt ist das nicht unbedingt, denn packend ist Der blinde Fleck insgesamt schon. Und an Einblick mangelt es auch nicht, schließlich hat Chaussy selbst mit Harrich das Drehbuch verfasst. Und doch, eine etwas weniger nüchterne Herangehensweise hätte auch nicht geschadet: Die Figuren sind Nebensache, abgesehen von einer Verfolgungsjagd ist das Tempo recht gemächlich. Akkurat ist das sicherlich, aber eben auch konventionell, wenn nicht sogar etwas bieder. Wäre der Inhalt fiktiv, großen Eindruck hätte der Film wohl kaum hinterlassen. Mit dem Bewusstsein im Hinterkopf, dass das Gezeigte sich tatsächlich zugetragen hat, macht das den historischen Thriller dann aber doch zu einer spannenden Angelegenheit.

Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter? ist seit 13. Mai auf DVD und Blu-ray erhältlich

Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter?
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Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter?
Der Inszenierung wegen braucht sich niemand wirklich Der blinde Fleck anzuschauen. Doch dank seines noch immer brisanten Inhalts hinterlässt die Aufarbeitung des Oktoberfestattentats von 1980 trotz seiner Konventionalität einen bleibenden Eindruck.
6von 10

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