(„Il Gattopardo“ directed by Luchino Visconti, 1963)

Nicht nur jedem Anfang, sondern auch so manchem Ende wohnt ein Zauber inne:

Obwohl sich im Sizilien des Jahres 1860 ein gesellschaftlicher und politischer Wandel anbahnt, vertritt Don Fabrizio (Burt Lancaster), der Fürst von Salina, die Meinung, dass letztlich doch „alles beim Alten“ bleiben werde. Sein Neffe Tancredi (Alain Delon) hingegen erachtet es als notwendig, dass sich der Adel dem Risorgimento anschließen müsse, um seine Vormachtstellung im Lande zumindest weitestgehend bewahren zu können, weshalb er Garibaldis Rothemden beitritt. Nach der Revolution, die weniger eine Herrschaft des Volkes als vielmehr eine Regentschaft des gehobenen Bürgertums herbeigeführt hat, muss sich auch Don Fabrizio mit der neuen Lage arrangieren und befürwortet gar die Hochzeit Tancredis mit Angelica (Claudia Cardinale), der hübschen Tochter des opportunistischen Karrieristen Sedara. Nach und nach muss der Fürst erkennen, dass diese verwandelte Welt keinen Platz mehr für einen Aristokraten seines Schlages bereithält…

Oberflächlich betrachtet ein opulentes, mit Detailbesessenheit inszeniertes Kostümdrama nach dem gleichnamigen Roman di Lampedusas, offenbart Il Gattopardo seine Metaebene(n) bei einer genaueren Betrachtung seiner Ästhetik:

Durch eine meisterhafte Überblendung der auf dem Feld arbeitenden Bauern zu der berühmten Ballsequenz am Ende des Films veranschaulicht der (Salon-) Marxist Visconti den ungerechten Ausgang, den das Risorgimento seines Erachtens genommen habe – das Volk muss weiterhin harte Arbeit leisten, wohingegen das gehobene Militär und die Bourgeoisie Einzug in die prunkvollen Soirées der Oberschicht halten.

Visconti versinnbildlicht den Wandel der Zeiten und Umstände, gewissermaßen die Kernthematik dieses Films, auf verschiedene Weisen; zu Anfang bewegen sich die Mitglieder der Familie der Salinas in einem nahezu stillstehenden Umfeld, das durch den Gegensatz des dunklen Interieurs (innen) und der sonnendurchfluteten, unberührten Natur (außen) geprägt ist. Don Fabrizio hält alte Riten am Leben, indem er zum Beispiel täglich auf ein gemeinsames Familiengebet besteht – doch der Versuch, die „alte Zeit“ zu konservieren, schlägt fehl, denn ein verwundeter Soldat, der im Park der Familie entdeckt wird, zeugt von den sich anbahnenden, unausweichlichen Veränderungen. 

Eine der beeindruckendsten Szenen des Films, in der die Salinas in der Kirche ihres Urlaubsortes Donnafugata zu sehen sind, zeugt ebenfalls auf beeindruckende Weise vom Niedergang des Adels: In einer langen Plansequenz zeigt Kameramann Giuseppe Rotunno die scheinbar unbeweglich in Richtung des Altars blickenden, vom Staub der Anreise bedeckten Salinas, deren Antlitze so zu Allegorien des Verfalls werden.

Noch interessanter als der historische Konflikt und dessen faszinierende Umsetzung ist die Figur des Don Fabrizio, der nicht nur unter der politischen und gesellschaftlichen Umstrukturierung, sondern v.a. unter dem Verlust seiner Jugend leidet. Er, der einstige Frauenheld und Lebemann, muss erkennen, dass sein Tod naht, und er das Feld für seine Nachfahren räumen muss; Schäferstunden bei Prostituierten können lediglich für kurze Zeit seine Lebensgeister wecken. Dank der intensiven Darstellung Lancasters kann man getrost behaupten, dass Don Fabrizio wohl zu den tragischsten (männlichen)Figuren der Filmgeschichte zu zählen ist.

Senso, Viscontis erster Film über das Risorgimento, wirkt im unmittelbaren Vergleich zu Il Gattopardo wie eine mäßige Fingerübung für den Regisseur, um ein Ausnahmewerk wie dieses überhaupt realisieren zu können. Zwar mögen die Aussagen, die Visconti über den Ausgang der italienischen Einigungsbewegung trifft, geschichtswissenschaftlich umstritten sein – die filmische Klasse, die er in Il Gattopardo erreicht, ist es nicht.

PS:
Eine bemerkenswerte Begleiterscheinung dieses Films besteht nicht zuletzt darin, dass Il Gattopardo wegen des ihm zu Grunde liegenden historischen Stoffes und v.a. der geradlinigen Erzählweise zu seiner Entstehungszeit wie der einsame Repräsentant einer vergangenen Epoche des Kinos in einer aufbegehrenden europäischen Filmlandschaft gewirkt haben muss… 

Der Leopard
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