(„L’Inde Phantome/Calcutta“ directed by Louis Malle, 1969)

Wir Deutschen können uns glücklich schätzen. Wir haben König Pilsener, Schloss Neuschwanstein, „Deutschland sucht den Superstar“ und nun endlich die wertvollen Dokumentation über Indien des französischen Filmemachers Louis Malle. ‚Pierrot Le Fou‘ hat sich dieses Werkes angenommen und auf drei DVDs in einem Schuber veröffentlicht, das sich optisch und akustisch sehen bzw. hören lassen kann. Die Bildqualität ist größtenteils sehr sauber, nur gelegentlich etwas grobkörnig und von leichten Verschmutzungen durchzogen, was zweifellos dem Ausgangsmaterial zuschulden ist. Dabei darf man nicht nur nicht vergessen, dass derart „antike“ Dokumentationen traditionell nicht besonders gut präserviert werden, sondern dass das Erscheinen in Deutschland ohnehin ein Glücksfall ist, für den auch deutsche Untertitel angefertigt wurden, die man – sofern man des Französischen nicht mächtig ist – anwählen kann. Die Louis Malle-Box besteht streng genommen aus zwei Dokumentationen: aus dem siebenteiligen „Phantom Indien“, das aus 50minütigen Episoden besteht und aus dem anderthalb-stündigen „Kalkutta“, der erst genanntem sehr ähnlich ist, sich in diesem Fall aber ausschließlich um die Hafenstadt Indiens dreht.

– Phantom Indien –

Malles Dokumentationen sind erfrischend unkompliziert – oder ist es gerade das, was sie so kompliziert erscheinen lässt? Gedreht im Stile des „cinéma directe“ verzichtet der Filmemacher aus ausschweifende Erläuterungen, sondern präsentiert dem Zuschauer am liebsten lange Szenen aus dem Leben der Inder und lässt einen auf diese Weise geschickt zum Voyeur werden, der langsam beginnt, die dadurch entstehende Atmosphäre in sich aufzusaugen. Die Atmosphäre ist Malle wichtiger als alles andere – wahrscheinlich sind seine Dokumentationen deshalb auf eine einzigartige Weise informativ, ohne viel erzählen zu müssen, denn es geht um das „Spüren“, nicht um bloßes „Wissen“. So wirft Malle in seinem Hintergrundmonolog viele Fragen auf, die er nicht selten für lange Zeit unbeantwortet lässt, damit der Zuschauer im weiteren Verlauf lediglich anhand der Bilder selber auf die Antwort stoße. Ob die Antwort dabei richtig ist, spielt primär keine Rolle, sondern man muss ein Gefühl für die Menschen in ihrer Umwelt entwickeln; ein Konzept, das bei Louis Malle vorzüglich aufgeht. Wie der Regisseur selber sagt, ist es ein Film über zufällige Begegnungen geworden, es sind vorurteilsfreie Bilder ohne Drehbuch, fast alles bleibt dem Zuschauer selber überlassen, denn die Bilder, die auf Zelluloid gebannt wurden, sind neutral und versuchen, so wenig aufdringlich zu sein wie möglich, auch wenn schnell klar wird, dass das in einem Land wie Indien unmöglich zu sein scheint. Die Eingeborenen flüchten vor der Kamera, sie können mit der westlichen Technik nichts anfangen und Malle nutzt das geschickt, um das Aufeinanderprallen zweier Kulturen lebendig werden zu lassen. Inder versuchen sich verzweifelt und erfolglos an einer Autoreparatur, während zwei Franzosen sich von diesem noch weitgehend unangetasteten Land die große Freiheit erhoffen, die ihnen letztlich nicht gegeben werden kann, weil sie – zumindest einer davon – in Form von Krankheit an ihrer Determination der westlichen Welt zerbrechen, in dem sie ihr nicht entfliehen können.

Auch Louis Malle versteht diese alte, für die westliche Welt rückständige Kultur nicht, versucht sich aber, in Form des Bildmaterials, anzunähern, wobei er den Zuschauer mit auf diese lange Reise nimmt, die sich auch um die Politik des Landes dreht und um die allgemeine Mentalität – zwei Sachen, in die sich Malle niemals selber einmischt, sondern erzählen lässt. Es sind Geschichten von Indern selbst, die das politische System anklagen oder Beobachtungen und Thesen von Reisenden, welche die unterschiedlichen Aspekte der Inder hervorheben. Dass sich dabei keine Szene auf die vorherige bezieht, ist unwichtig und gar nicht notwendig – im Gegenteil, es ist dem unorthodoxen, erfrischenden und überaus informativen Konzept sehr zuträglich. Wer Indien entdecken, erleben und spüren möchte, der kann das in filmischer Form wahrscheinlich nirgendwo besser tun als in „Phantom Indien“.

– Kalkutta –

Als Louis Malle sich das gefilmte Material für „Phantom Indien“ ansah, entschied er, dass die Szenen, die er in Kalkutta gedreht hatte, es wert waren, in einen eigenen Film zusammengefügt zu werden. Auf diese Weise entstand „Kalkutta“ mit 93 Minuten Laufzeit, der sich kaum bis gar nicht von dem siebeteiligen und oben rezensierten „Phantom Indien“ unterscheidet. Das Konzept ist das gleiche: es sind zumeist stille Beobachtungen von oft alltäglichen Begebenheiten, in denen nichts verklärt und mystifiziert wird. Im Gegenteil: die Szenen, in denen Malle die erbärmliche Armut in dieser großen Stadt einfängt, sind ungeschönt und voller berührender Zerbrechlichkeit. Auch diese Dokumentation ist typisch für Malle, der sich für das Hintergründige interessiert, das er in seinen Bildern und den Gesprächspartnern zu finden sucht. Es ist das Tiefsinnige, der Sinn nach dem Leben, der ihn beschäftigt und was ihn einen Bettler, der fast verhungert wäre, fragen lässt, weshalb er seinem alten Leben in seiner Familie entflohen ist. Die Antwort dürfte Louis Malle befriedigt haben, denn sie ist typisch Malle, als hätte er das Drehbuch selbst geschrieben: „Weil das Leben eine Illusion ist“.

Die Louis Malle: Indien Box erscheint am 10. Juni auf DVD

Louis Malle: Indien
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