(„Barry Lyndon“ directed by Stanley Kubrick, 1975)

Barry LyndonStanley Kubricks Filme, die er in den 15 Jahren vor Barry Lyndon gedreht hatte – Lolita, Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, 2001: Odysee im Weltraum und Uhrwerk Orange –, haben gemeinsam, dass sie heftige Kontroversen auslösten. Barry Lyndon stellt diesbezüglich eine Ausnahme dar. Denn in Kubricks Sittengemälde über das 18. Jahrhundert gibt es sowohl keine provokativen Inhalte, als auch keine filmtechnischen Innovationen. Und wenn man sich die nachfolgenden Arbeiten – Shining, Full Metal Jacket, Eyes Wide Shut – des Regisseurs vor Augen hält, fällt auf, dass auch diese wieder viel Fläche für erhitzte Debatten boten. Abgesehen vom Frühwerk Kubricks, wirkt die Romanadaption – „Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon“ (1844) von William Makepeace Thackeray – um einen jungen irischen Landadeligen, der den Ehrgeiz entwickelt, in den Adel Englands aufzusteigen, wie ein Fremdkörper im Oevre des amerikanischen Filmemachers.

Im ersten Teil („Auf welche Weise Redmond Barry den Namen und Titel Barry Lyndon errang“) verliebt sich Redmond Barry (Ryan O’Neal) zunächst in seine Cousine Nora Brady (Gay Hamilton). Nora soll aber Captain John Quin (Leonard Rossiter) heiraten, weil er eine gute Partie ist. Barry trifft Quin bei einem Duell tödlich und flüchtet nach Dublin, wo er Soldat bei den Engländern wird. Dort begegnet er seinem Onkel Captain Grogan (Godfrey Quigley), der ihm berichtet, dass Quins Tod nur vorgetäuscht war, damit die Ehe zwischen Quin und Nora arrangiert werden kann. So kommt es, dass Redmomd am Siebenjährigen Krieg teilnimmt und über weitere Stationen bei der preußischen Armee landet, wo er als Spion arbeitet.

Im zweiten Teil („Eine Auflistung des Unglücks und der Plagen, die Barry Lyndon zuteil wurden“) heiratet er durch glückliche Umstände die schwerreiche und angesehene Lady Lyndon (Marisa Berenson), wodurch er fortan Barry Lyndon heißt. Er behandelt seine Frau wie Dreck und hat mehrere Affären, wodurch Barry den Hass seines Stiefsohns Lord Bullingdon (Dominic Savage, als Erwachsener: Leon Vitali), auf sich zieht. Ein Jahr nach der Trauung wird der gemeinsame Sohn Brian (David Morley) geboren. Barrys Mutter (Marie Kean) will, dass ihr Sohn zur Absicherung einen Titel erwirbt. Aber alle Versuche Barrys bleiben unfruchtbar. Als das Vermögen Lady Lyndons fast aufgebraucht ist, lehnt sich Lord Bullingdon Barry endgültig gegen seinen Stiefvater auf.

Kubrick lässt die Geschichte des Protagonisten von einer Erzählstimme aus dem Off schildern. Der Kommentar begleitet die barocken Bilder, die sich der Tradition der Malerei bedienen – z.B. stand für eine Einstellung eindeutig Edward Dayes Gemälde „Queen Square, London“ (1786) Pate. Auch der Lichteinsatz ist bemerkenswert: Weil Kubrick manche Szenen – ungewöhnlich – nur mit Kerzenlicht (in einer Szene spendeten lediglich zehn Kerzen ihr Licht) drehte, musste ein Spezial-Objektiv, das die Zeiss-Werke für Weltraum-Fotos der NASA entwickelt hatte, für den Filmeinsatz umgerüstet werden.

Inhaltlich präsentiert uns Kubrick in Barry Lyndon ein Sittengemälde des 18. Jahrhunderts: Als Zuschauer erhält man Einblicke in den Alltag eines Soldaten sowie die Gepflogenheiten zu Hofe. Ryan O’Neal (Is‘ was, Doc?, Paper Moon) spielt dabei glaubwürdig seine Rolle als Draufgänger, der seinen Aufstieg genauso wie seinen Fall ausschließlich seinem ungezügelten und impulsivem Charakter zu verdanken hat. Zunächst ist er Spielball Anderer und später wird er der Drahtzieher seiner eigenen Interessen.

Kubricks aufwendiger und kostspieliger Historienfilm mit Überlänge von 178 Minuten ist eine Satire über die gesellschaftlichen Verstrickungen im 18. Jahrhundert. Barry Lyndon ist auch ein Plädoyer für Werte wie Freiheit und Individualismus. Anderseits spiegelt der Film auch den Zeitgeist der moralisch diskreditierten Gangster-Rap-Mentalität „Get rich! – Or die trying“ wieder. Oder umgekehrt: Der postmoderne Raubtierkapitalismus wurde in seinen Ansätzen bereits in Kubricks Film vorwerggenommen.

Barry Lyndon
4.1 (82%) 10 Artikel bewerten

2 Responses

  1. parker

    Vielleicht nicht so grenzgängerisch wie die anderen, aber dennoch ein Meisterwerk. Kubrick hat hier meiner Meinung nach ein Epos über einen Anti-Hero geschrieben und einmal mehr bewiesen, dass es kein Genre gab das ihm Schwierigkeiten bereitet hätte. Vielmehr zeigt sich in den Umrüstung der Kameras, damit im Kerzenlichlicht gedreht werden konnte, einmal mehr Kubricks Genialität. Ausserdem hat noch niemand die „feine englische Art“ so bloßgestellt wie in diesem Film.

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  2. Ijon Tichy

    Muss ich dir voll und ganz zustimmen! Hab auch noch keinen vergleichbaren Film gesehen, der dermaßen detailliert die Gepflogenheiten und den Alltag der Aristokratie aus dieser Zeit skizziert.

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