(„Full Metal Jacket“ directed by Stanley Kubrick, 1987)

Full Metal JacketMit Full Metal Jacket knüpft Stanley Kubrick unmittelbar an eine Serie von Vietnamantikriegsfilmen an, die 1978 mit Die durch die Hölle gehen (Michael Cimino) begann und 1979 mit Apocalypse Now (Francis Ford Cappola), 1984 mit Killing Fields (Roland Joffé) sowie 1986 mit Platoon (Oliver Stone) ihre Fortsetzung fand. Kein anderer Krieg spornte die Filmemacher derart zu vergleichbar guten Antikriegsfilmen an. Kriegsfilme über den Zweiten Weltkrieg wurden meist zu Heldengeschichten stilisiert. Den vorläufigen Schlusspunkt in der Vietnamantikriegsfilmreihe setzte Werner Herzog 2006 mit Rescue Dawn.

Was hat Kubrick seinen Vorgänger damals noch hinzuzufügen gehabt? Die Handlung ist in zwei Teile aufgeteilt. In der ersten Hälfte des Films werden die Erlebnisse des Private Joker in den Jahren 1967 und 1968 in einem Ausbildungslager der US-Marines auf Parris Island skizziert. Anschließend zeigt Kubrick die Soldaten in Vietnam im Kriegsgeschehen.

Die Ausbildungseinheit um die Gefreiten J. T. Davis alias Private Joker (Matthew Modine), Leonard Lawrence alias Private Gomer Pyle (Vincent D’Onofrio) und Private Cowboy (Arliss Howard) untersteht dem Kommando von Gunnery Sergeant Hartman (R. Lee Ermey), der seine Rekruten gerne demütigt („Maden“, „unorganisierter Haufen von amphibischer Urscheiße“). Das häufigste Ziel seiner Schimpftiraden ist der physisch (dick, unbeweglich) und psychisch (langsam) Leonard Lawrence, den er verachtend „Paula“ nennt. Irgendwann bestraft Hartman die gesamte Einheit, sobald „Paula“ einen Fehler gemacht hat. Deswegen rächen sie sich später bei „Paula“, in dem sie ihn nachts gemeinsam verprügeln. „Paula“ dreht in der Folge weiterer Demütigungen durch und richtet ein Blutbad an. Joker wird nach der Ausbildung Kriegsberichterstatter für die US-Armee-Zeitung „Stars and Stripes“.

Nach der „Tet-Offensive“, bei der die nordvietnamesische Armee große Erfolge verbuchen konnte, soll Joker nun auch aktiv kämpfen. Zusammen mit seinem orientierungslosen Trupp, unter anderem Private Rafterman (Kevin Mayor Howard) und Animal Mother (Adam Baldwin) gerät Joker in einen Hinterhalt. Ein Heckenschütze dezimiert die Truppe aus einer sicheren Position. Endlich gelingt es dem Rest der verbliebenen Einheit den Schützen, eine junge Frau, zu stellen.

Mit der ersten Hälfte des Films schließt Kubrick tatsächlich eine Lücke in der Landschaft der Vietnamantikriegsfilme. Erst die Metamorphose, die die Gefreiten in ihrer die Ausbildung vollziehen, ermöglicht ihre Teilnahme im Vietnamkrieg. Die Unmenschlichkeit des Krieges offenbart sich aber nicht erst in der zweiten Hälfte, sondern – durch das Blutbad, das „Paula“ anrichtet – bereits in der Rekrutierungsphase. Die Verwandlung von „Paula“ zur zielgerichteten Tötungsmaschine bezahlt der Gefreite durch eine psychische Deformation. „Joker“, der die Ausbildung übersteht, verkörpert eine schizophrene (Peace-Zeichen auf seinem Helm und Schriftzug „Born to kill“) Grundhaltung nach der Ausbildung. Er steht für die Moral (er versucht „Paula“ immer wieder zu helfen), die im Krieg verloren geht, denn auch er resigniert endlich und wird zu einem Rädchen in der Kriegsmaschinerie. Beide Filmhälften zeigen Metamorphosen, die in einer Katastrophe kulminieren.

Neben der Filmmusik tragen vor allem auch die Schauspieler zur überzeugenden Strahlkraft des 112 Minuten dauernden Films bei. Unter anderem können der Protagonist Matthew Modine (Short Cuts, An jedem verdammten Sonntag) sowie der Nebendarsteller Vincent D’Onofrio (JFK, Strange Days) brillieren. Entgegen der Meinung François Tuffauts (Fahrenheit 451) – es kann keinen Antikriegsfilm geben, weil jeder Kriegsfilm auf voyeuristische Weise ein Abenteuer oder Vergnügen darstellt – handelt es sich bei Full Metal Jacket – der Titel bezieht sich auf „Vollmantelgeschoss“ (engl. „full metal jacket bullet“) – um eine unpatriotische und ungeschminkte Darstellung des Vietnamkriegs.

Full Metal Jacket
4.25 (85%) 12 Artikel bewerten

2 Responses

  1. parker

    Für mich DER Anti-Kriegsfilm schlechthin. Kubrick zeichnet wie immer ein sehr realitisches und trotzdem befremdendes Abbild des Menschen. Ich würde den Film sicher nicht jedem empfehlen, aber wenn man schon mal ein paar Klassiker hinter sich hat (und das 16. Lebensjahr erreicht hat) , dann ist F.M.J. sicher ein MUSS. Der Film dekonstruiert vollkommen erbarmungslos jeden letzten positiven Bezug zu Patriotismus und Militär. Umso erstaunlicher finde ich es, dass sich F.M.J. von Soldaten (auch Berufsoldaten) gern gesehn oder zumindest (teilweise wortgenau) gekannt wird. Vielleicht könnte man Kubrick deshlab als Kritik entgegenhalten, dass sein Vojourismus das Gehirn des Durchschnittsbürgers doch zu sehr stimulierert. Nämlich so sehr, dass es nicht mehr zur Reflexion fähig ist. Vielleicht würde Kubrick das aber auch als Kompliment auffassen und zugeben, dass dies einen großen Teil seines Erfolges ausmacht.

    Für mich ist Kubrick ein genialer Grenzgänger.

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