Kritik

„Dancer In The Dark“

„Dancer In The Dark“ // Deutschland-Start: 28. September 2000 (Kino) // 14. August 2014 (DVD/Blu-ray)

Endlich komme ich wieder mal dazu, einen Film von Lars von Trier zu sehen. Während ich immer noch auf die Europa-Trilogie warte und bisher erst Dogville sehen durfte, habe ich mir Dancer In The Dark aus der Videothek geholt. Der mit 140 Minuten Laufzeit relativ langatmige Film stand schon länger auf meiner To-Do-Liste, nicht zuletzt da ich auf Björks Performance sehr gespannt war.

Er erzählt die Geschichte von Selma Jezkova (Björk), einer sehbehinderten Frau, die mit ihrem Sohn Gene (Vladica Kostic) in den 60er-Jahren aus der Tschechoslowakei in die USA immigriert. Sie leidet unter einer Krankheit, die sie langsam erblinden lässt. Da ihr bewusst ist, dass ihr Sohn demselben Schicksal ausgeliefert ist, ist es ihr primäres und einziges Ziel, einen Arzt (Udo Kier) in den USA aufzufinden, der ihr Kind operieren kann. Der Eingriff ist natürlich nicht kostenlos und so kommt es, dass Selma neben ihren Knochenjob in der Fabrik auch noch diverse Arbeiten in ihrer Freizeit erledigt. Wenn sie einmal nicht im Metall-Konzern rackert, arbeitet sie also zu Hause in ihrem Wohnwagen weiter. Ihr Heim steht auf dem Grundstück der Houstons, einer durchschnittlichen, amerikanischen Familie. Man kann sich Bill (David Morse) und Linda Houston (Cara Seymour) als den Inbegriff des American Dream vorstellen: Sie leben in einem ruhigen Vorstadthäuschen mit grünen Garten, in dem die US-Flagge gehisst ist. Bill ist ein aufrechter Cop, der für Recht und Ordnung sorgt. Linda hingegen ist die brave Hausfrau, die mit Bills Gehalt für angemessene Möbel und anderen Schnickschnack sorgt. Es fehlen lediglich zwei brave, wohlerzogene Kinder. Selma freundet sich mit ihren Nachbarn recht schnell an, doch verschweigt sie ihnen – so wie ihren restlichen Bekannten – ihr Augen-Problem.

Auf die Frage warum sie so viele Jobs mache und sich nie was Schönes gönne, entgegnet sie mit der Ausrede, das Geld sei für ihren armen Großvater Novi Oldrich bestimmt, der noch in der Tschechoslowakei lebe. In Wahrheit jedoch hortet sie jeden hart verdienten Cent wie ein Hamster in einer versteckten Keksdose. Eines Tages bekommt sie Besuch von Bill, der ihr ein Geheimnis anvertraut: Er ist vollkommen pleite, will es aber Linda nicht erzählen, aus Angst, sie würde ihn deshalb verlassen. Als Gegenleistung verrät Selma ihm ihr Geheimnis von ihrer bevorstehenden Erblindung und dass sie in Wirklichkeit das Geld nicht verschickt, sondern für Gene spart, damit dieser durch eine Operation geheilt wird. Vorerst läuft also alles wie gewohnt weiter. Um ihren schrecklichen Alltag leichter zu bewältigen, verfällt Selma des Öfteren in Tagträume. Dabei kommt ihre Vorliebe für amerikanische Musicals zur Geltung: Ständig stellt sie sich wie ein Star in einem Tanz- und Sing-Spektakel vor, bis sie schlussendlich realisieren muss, dass sie immer noch an einer Maschine in der Fabrik arbeitet und beinahe diese durch Fahrlässigkeit zerstört hätte. Ihre ständig schlechter werdende Sicht macht es ihr dabei natürlich nicht unbedingt leichter. Irgendwann kann sie niemanden mehr etwas vormachen. Ihre engste Freundin Kathy (Catherine Deneuve), ihr Verehrer Jeff (Peter Stormare) und auch ihre Vorgesetzten wissen bald, wie es um sie steht, auch wenn Selma es nie zugeben würde.

Stückweise fand ich das Ganze ziemlich in die Länge gezogen, allerdings erging es mir ähnlich wie in Dogville, wo ich im Nachhinein auch keine Sekunde als überflüssig empfand. Auch hier steht ein starker, weiblicher Charakter im Zentrum des Geschehens. Selmas Liebe zu ihrem Sohn zwingt sie dazu, sich vollkommen ihrem Ziel, nämlich diesen zu heilen, hinzugeben. Sie opfert wortwörtlich ihr Leben, um ihres Sohnes willen. Sie ist der Inbegriff der Selbstopferung, des Altruismus und der Barmherzigkeit. Von Tier selbst gesteht in einem Interview sogar zu, Selma hätte was von der Jungfrau Maria. Im Gegensatz dazu stehen ihr Nachbar, dessen heuchlerische Fassade eigentlich bis ans Ende gewahrt bleibt und wie im echten Leben (mehr oder weniger) unbestraft bleibt. Die musikalische Untermalung stammt natürlich von Björk, hebt sich allerdings von ihren gewöhnlichen Stil ab und schafft etwas Eigenständiges. Die Zusammenarbeit der beiden außergewöhnlichen und äußerst sturen Künstler, Regisseur und Musikerin, kann man sich vermutlich nicht vorstellen. In Interviews hört man allerdings des Öfteren, dass trotz der Schwierigkeiten eine mystische Verbindung zwischen den beiden herrschte. Die Performance von Björk finde ich persönlich phänomenal und ihre eigene Aussage, sie habe nicht Selma gespielt, sondern sie sei zu Selma geworden, kann ich nur unterstreichen. Was die Aufnahmen angeht, so bietet der Film einen bunten Mix aus hektischen, verwackelten Aufnahmen und interessanten Perspektiven und statischen Bildern, oft gemixt mit Musical-Einlagen. Auf jeden Fall ist dieser Streifen einen Blick wert, auch wenn er nicht jedermanns Sache sein dürfte. Lars von Trier soll gesagt haben, es gäbe keine Liebe in seinem Film, doch dies finde ich, ist eine reine Ansichtssache.

Credits

OT: „Dancer In The Dark“
Land: Dänemark
Jahr: 2000
Regie: Lars von Trier
Musik: Björk
Drehbuch: Robby Müller
Besetzung: Björk, Catherine Deneuve, David Morse, Peter Stormare, Joel Grey

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2001 Bestes Lied Björk, Lars von Trier, Sjón Sigurdsson Nominierung
Cannes 2000 Goldene Palme Björk Sieg
Beste Hauptdarstellerin Björk Sieg
César 2001 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Europäischer Filmpreis 2000 Bester Film Sieg
Beste Darstellerin Björk Sieg
Film Independent Spirit Awards 2001 Bester fremdsprachiger Film Sieg
Golden Globes 2001 Beste Hauptdarstellerin – Drama Björk Nominierung
Bestes Lied Björk, Lars von Trier, Sjón Sigurdsson Nominierung
Goya Awards 2001 Bester europäischer Film Sieg
Japanese Academy Prize 2001 Bester fremdsprachiger Film Sieg

Filmfeste

Cannes 2000
Filmfest München 2000
Toronto International Film Festival 2001

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Dancer In The Dark
7von 10

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