
Die 20-jährige Billie (Troy Leigh-Anne Johnson) kennt Gefängnis und Polizeigewalt bereits aus eigener Erfahrung: Bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei hat sie ein Auge verloren. Nun steht sie unter der Aufsicht eines Resozialisierungsprogramms und muss gleichzeitig miterleben, wie das Haus ihrer Eltern unter den Hammer kommen soll. Billie sieht nur noch einen Ausweg und überfällt eine Bank. Als die Sache schiefgeht, nimmt sie die 18-jährige Franny (Grace Van Dien), die hochschwanger und eigentlich selbst alles andere als sorgenfrei ist, als Geisel. Ihre Flucht durch die USA führt zwei junge Frauen zusammen, die kaum gegensätzlicher sein könnten: Franny ist redselig, impulsiv und permanent auf der Suche nach einem neuen Kick, Billie schweigsam und auf Abstand bedacht. Mit der Zeit wird aus dem unfreiwilligen Bündnis eine Beziehung, die sich nicht mehr so leicht in Täterin und Opfer aufteilen lässt.
Auf der Flucht
Lola Bessis und Ruben Amar greifen mit Silver Star – Alles oder Nichts ziemlich unverhohlen auf die Tradition des amerikanischen Frauen-Roadmovies zurück. Die Parallelen zu Thelma & Louise sind dabei nicht zu übersehen: Zwei Frauen geraten durch eine Straftat auf die Straße, der Staat verfolgt sie, und aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft entwickelt sich eine enge Verbindung. Der gesellschaftliche Hintergrund hat sich allerdings verschoben. Statt einer Geschichte über patriarchale Unterdrückung geht es hier um junge Menschen, deren Lebenswirklichkeit von Armut, Rassismus, Gefängniserfahrung, Schwangerschaft und Polizeigewalt geprägt ist.
Auch die Reise selbst wird anders genutzt, als man es vom Roadmovie erwarten könnte. Die Straße eröffnet Billie und Franny keinen neuen Horizont. Sie ist eher der Ort, an dem beide für eine Weile verschwinden können. Ihre Probleme bleiben dabei bestehen. Das erklärt auch, warum die Landschaft vergleichsweise wenig Raum bekommt. Vieles spielt sich im Auto ab, wo sich der Film ganz auf die wechselnde Dynamik zwischen den beiden Frauen konzentriert.
Das funktioniert vor allem dank Troy Leigh-Anne Johnson und Grace Van Dien. Johnson stattet Billie mit einer bemerkenswerten Ruhe aus. Sie muss kaum etwas sagen, weil sich ihre Vergangenheit und ihre Unsicherheit in den kleinsten Reaktionen zeigen. Van Dien setzt als Franny den denkbar schärfsten Kontrast: Ihre Figur redet, provoziert und überspielt ihre eigene Unsicherheit mit ungebremster Energie. Das kann anstrengend werden, ist aber zugleich entscheidend für die Dynamik des Duos.
Interessanter als die Gegensätze selbst ist ihre allmähliche Verschiebung. Billie ist zwar diejenige, die den Raub begeht und Franny entführt, wirkt im Verlauf der Reise aber immer weniger wie diejenige, die das Geschehen kontrolliert. Franny gewinnt dagegen zunehmend an Selbstbestimmung. Die Annäherung der beiden wird nicht ständig erklärt oder mit großen Dialogen ausbuchstabiert. Vertrauen entsteht beiläufig, in kleinen Gesten und gemeinsamen Situationen. Daraus kann eine queere Liebesgeschichte werden, ohne dass der Film diese Lesart ausdrücklich festschreiben müsste.
Die Kamera von Cole Graham setzt dem allerdings eine erhebliche Geduldsprobe entgegen. Das permanente Wackeln soll offenbar Unmittelbarkeit und Bewegung erzeugen, wird aber rasch zum Selbstzweck. Gerade in den Szenen im Auto verstärkt die unruhige Bildführung nicht unbedingt die Spannung zwischen den Figuren, sondern lenkt immer wieder von ihr ab.
Viel Stoff, wenig Vertiefung
Noch deutlicher als an der Kamera zeigt sich die Schwäche des Films im Drehbuch. Denn Bessis und Amar legen zu Beginn einiges auf den Tisch. Da sind die drohende Zwangsversteigerung, Billies Auflagen nach dem Gefängnisaufenthalt und ihr Versuch, mit einem Bankraub gegen eine Situation anzukämpfen, aus der sie auf legalem Weg offenbar nicht mehr herauskommt. Hinzu kommt die auffällige Geschichte von Billies Vater, einem mit dem Silver Star ausgezeichneten Militär, und das Civil-War-Reenactment, bei dem sie selbst amerikanische Gewaltgeschichte nachspielt, während sie in der Gegenwart mit staatlicher Gewalt aneinandergeraten ist. In diesen Motiven steckt wesentlich mehr, als der Film später daraus macht.
Gerade das Reenactment hätte zu einem starken Leitmotiv werden können: Geschichte wird hier nicht nur erinnert, sondern verkleidet, wiederholt und gespielt. Billie steht mittendrin und ist zugleich Teil einer Gegenwart, in der die Bruchlinien dieser Geschichte noch immer wirksam sind. Ähnlich verhält es sich mit den sozialen Problemen der beiden Frauen. Sie werden durchaus benannt und in einzelnen Szenen sichtbar, aber kaum weiter verfolgt.
Je stärker Silver Star – Alles oder Nichts seine beiden Hauptfiguren zusammenführt, desto mehr rückt der gesellschaftliche Hintergrund in den Hintergrund. Das ist als Konzentration auf eine Beziehung nachvollziehbar. Nur entsteht dadurch ein Missverhältnis zwischen dem, was der Film zunächst an Themen eröffnet, und dem, was er tatsächlich vertieft. Aus der Geschichte über ein Land, in dem soziale Herkunft, Hautfarbe und staatliche Gewalt über die Möglichkeiten junger Menschen mitentscheiden, wird letztlich vor allem die Geschichte zweier Frauen, die einander unterwegs näherkommen.
Das macht Silver Star – Alles oder Nichts nicht uninteressant. Die beiden Hauptdarstellerinnen agieren sehr gut, und die Mischung aus Roadmovie, Kriminalgeschichte und Beziehungsdrama besitzt ihren eigenen Reiz. Aber gerade die Motive, die den Film anfangs besonders vielversprechend machen, bleiben am Ende erstaunlich oft bloße Ansätze.
OT: „Silver Star“
Land: USA
Jahr: 2024
Regie: Lola Bessis, Ruben Amar
Buch:Lola Bessis, Ruben Amar
Musik: Polérik Rouvière
Kamera: Cole Graham
Besetzung: Troy Leigh-Anne Johnson, Grace Van Dien
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)








