
Die 1939 in Los Angeles geborene Barbara Hammer führt zunächst ein recht konventionelles Leben. Sie studiert, heiratet einen Mann und reist mit ihm um die Welt. Doch Ende der 1960er-Jahre entdeckt sie das Filmemachen für sich, wenig später auch ihre Homosexualität. Sie verlässt ihren Mann und beginnt, mit ihrer Kamera das eigene Leben und das anderer lesbischer Frauen festzuhalten. Mit experimentellen Kurzfilmen wie Dyketactics (1974) entwickelt sie sich zu einer wichtigen Vertreterin des feministischen Avantgardekinos. Auch ihre späteren Arbeiten beschäftigen sich mit Sexualität, Identität und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Als sie 2006 an Eierstockkrebs erkrankt, wird zunehmend die eigene Sterblichkeit zum Thema ihrer Kunst. Bis zu ihrem Tod 2019 entstehen mehr als 80 Filme. Ihre langjährige Lebensgefährtin Florrie Burke kümmert sich seither um den Nachlass.
Ein Leben mit der Kamera
Wer Barbara Hammer nicht kennt, dürfte nach Barbara Forever zumindest neugierig auf ihre Filme geworden sein. Und das ist schon eine ganze Menge. Denn obwohl die amerikanische Experimentalfilmerin als Pionierin des lesbischen Kinos gilt, ist ihr Werk außerhalb einschlägiger Filmkreise noch immer wenig bekannt. Die junge Regisseurin Brydie O’Connor will das ändern. Für ihr Langfilmdebüt standen ihr mehr als 400 Stunden Archivmaterial zur Verfügung, darunter private Aufnahmen, Interviews und natürlich Ausschnitte aus Hammers Filmen.
Dabei verzichtet O’Connor weitgehend auf das übliche Verfahren solcher Künstlerporträts, bei dem Weggefährten und Experten erklären, warum die porträtierte Person so bedeutend war. Stattdessen lässt sie Hammer selbst erzählen. Aus alten Interviews und Tonaufzeichnungen entsteht eine Art autobiografischer Kommentar. Das funktioniert erstaunlich gut, zumal Hammer eine lebhafte, humorvolle und selbstbewusste Erzählerin ist, die auch mit ihrem eigenen Ehrgeiz nicht hinter dem Berg hält. Eine Frau, die wusste, was sie wollte, und sich dabei ungern Vorschriften machen ließ.
Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich bei Hammer Leben und Kunst ineinander übergehen. Die Kamera war fast immer dabei, ob beim Sex, auf Reisen oder mit Freundinnen. Doch es ging ihr nicht einfach darum, möglichst viel festzuhalten. Hammer wollte Bilder schaffen, die es im Kino bis dahin kaum gegeben hatte: Frauen, die ihre Sexualität selbstbestimmt ausleben, Körper, die nicht für einen männlichen Blick inszeniert werden. Dafür musste sie auch die Regeln des herkömmlichen Kinos über Bord werfen.
Eine Form, die zum Inhalt passt
Dass O’Connor diese Filme nicht nur als Anschauungsmaterial verwendet, ist eine der Stärken von Barbara Forever. Gemeinsam mit Editor Matt Hixon verbindet sie Ausschnitte aus Hammers Arbeiten mit privaten Aufnahmen und neu gedrehten Szenen. Die Bilder springen durch die Jahrzehnte, junge und alte Barbara begegnen sich gewissermaßen, Vergangenes und Gegenwärtiges greifen ineinander. Die Montage folgt zwar den wesentlichen Stationen ihres Lebens, hält sich aber nicht sklavisch an deren Reihenfolge.
So radikal experimentell wie Hammers eigene Arbeiten ist das Ergebnis freilich nicht. Dafür bleibt die Erzählung zu gut nachvollziehbar, die Dramaturgie zu sehr einer klassischen Künstlerbiografie verpflichtet. Doch O’Connor versucht zumindest, sich der Filmsprache ihrer Protagonistin anzunähern, anstatt deren ungewöhnliches Werk in eine gewöhnliche Dokumentation zu pressen. Allein die Filmausschnitte sorgen dabei immer wieder für Überraschungen. Manche Bilder irritieren, andere sind komisch, wieder andere wirken auch heute noch ziemlich freizügig.
Eine weitere Ebene erhält der Film durch Florrie Burke, mit der Hammer mehr als drei Jahrzehnte zusammenlebte. Während Hammer beinahe zwanghaft alles dokumentieren wollte, hielt Burke ihre Privatsphäre lieber aus der Schusslinie der Kamera. Nun ist es ausgerechnet sie, die sich filmen lässt und damit hilft, das Andenken ihrer Partnerin zu bewahren. Hier wird aus dem filmhistorisch interessanten Porträt auch eine berührende Geschichte über Liebe, Verlust und die Frage, was von einem Menschen bleibt.
Ganz mitreißen kann O’Connors Film dennoch nicht. Trotz der ungewöhnlichen Materialfülle bleibt eine gewisse Distanz bestehen. Das liegt womöglich auch daran, dass die Filmemacherin ihrer Protagonistin mit so viel Bewunderung begegnet, dass deren Widersprüche wenig Raum bekommen. Und so faszinierend die Ausschnitte aus Hammers Filmen sind, so wenig lässt sich deren Wirkung in der Kürze wirklich ermessen. Dennoch ist Barbara Forever eine sehenswerte filmhistorische Entdeckungsreise, die vor allem Lust macht, sich anschließend Hammers Filme in voller Länge anzusehen. Ein schöneres Ergebnis könnte sich eine Dokumentation über eine Filmemacherin kaum wünschen.
OT: „Barbara Forever“
Land: USA 2026
Jahr: 2026
Regie: Brydie O’Connor
Musik: Taul Katz
Mitwirkende: Barbara Hammer, Florrie Burke
Sundance Film Festival 2026
Berlinale 2026
DOK.fest München 2026
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