
Japan, 2011: Das heftige Erdbeben, welches einen riesigen Tsunami nach sich zog, hat das ganze Land erschüttert. Doch nun heißt es, irgendwie weiterzumachen, für die meisten zumindest. Nicht für Kyoko. Sie sitzt vor dem Fernseher, sieht sich die Bilder der Zerstörung an, hört von den schrecklichen Geschichten, tagein, tagaus. Bis sie plötzlich nicht mehr da ist und ihr Mann Komura ein leeres Haus vorfindet, welches immer bedrohlichere Züge annimmt. Dessen Kollege Katagiri, der in derselben Bank arbeitet, hat derweilen ganz andere Sorgen. Nicht nur, dass er befürchten muss, seine Stelle zu verlieren. Er bekommt zudem Besuch von einem riesigen Frosch, der vor einem weiteren Erdbeben warnt – und nur Katagiri kann ihm dabei helfen, die Ursache zu bekämpfen …
Animationsfilm nach einem Ausnahmeregisseur
Haruki Murakami gehört sicherlich zu den international bekanntesten Autoren, die Japan je hervorgebracht hat. Seine Geschichten, die gern auch mit fantastischen oder surrealen Elementen arbeiten, wurden vielfach ausgezeichnet und in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Die filmische Ausbeute seiner Werke ist bislang hingegen eher mager. Immerhin, zwei Filme haben weltweit durchaus Wellen geschlagen. Da war zum einen der südkoreanische Thriller Burning (2018), der auf zahlreichen Festivals lief. Zum anderen schrieb Drive My Car (2021) Geschichte als erster japanischer Film, der bei den Oscars als bester Film des Jahres im Rennen war. Im Vergleich dazu ist Blinde Weide, schlafende Frau leider relativ untergangen. Und das ist schade, weil auch dieses Werk mehr als nur einen Blick wert ist.
Dabei ist dieses nur bedingt mit den beiden obigen Kollegen zu vergleichen. Das fängt schon damit an, dass es sich um einen Animationsfilm handelt, was für manche den Zugang erschweren wird. Und doch ist das Medium perfekt für die Geschichten, da Blinde Weide, schlafende Frau – stärker als die beiden obigen Filme – die surreale Richtung Murakamis verfolgt. Da ist zum einen der besagte Frosch, der für Katagiri zu einem echten Ansprechpartner wird und bei dem man zuerst gar nicht weiß, ob er echt ist oder Ausdruck der Einsamkeit des Bankangestellten. Aber auch in den anderen Geschichten nutzt Regisseur und Drehbuchautor Pierre Földes die Möglichkeiten dieser Darstellungsform, indem er die Welt immer wieder verfremdet.
Zwischen vertraut und fremd
Das Gefühl von Orientierungslosigkeit wird weiter verstärkt durch die Erzählform. Genauer handelt es sich hier um die Adaption mehrerer Kurzgeschichten, die der japanische Schriftsteller verfasst hat. Diese haben an und für sich nicht viel miteinander zu tun, stammen aus drei verschiedenen Sammlungen, die zudem alle vor 2011 erschienen sind. Statt einer durchgängigen Handlung zerfällt Blinde Weide, schlafende Frau in verschiedene Stränge, die sich mal kreuzen, oft aber auch nicht. Es gelingt Földes aber, diese trotz allem so zu verbinden, dass dies einigermaßen aus einem Guss wirkt. Themen wie Einsamkeit, Entfremdung und die Angst vor der Zukunft verschmelzen zu einem Film, der hinter die Fassaden der Hochleistungsnation blickt und zeigt, wie darin die Menschen nach Halt suchen.
Der Animationsfilm, der 2022 in Annecy Weltpremiere hatte, schwankt bei der Tonalität ein wenig, ist mal komisch, dann wieder tieftraurig, zeigt sich nachdenklich oder auch völlig absurd. Das spiegelt sich in der Optik, die teilweise kindlich wirkt, teilweise sehr erwachsen ist, realistische Bewegungen, die durch das Rotoskopie-Verfahren festgehalten wurden, mit Verfremdungen kreuzt. Blinde Weide, schlafende Frau mag nicht die visuelle Brillanz vorweisen können, mit denen uns die Großproduktionen der US-Studios verwöhnen. Aber es ist doch eine ganz eigene Welt, die uns hier vor Augen geführt wird, eine Mischung aus Vertrautem und Verstörendem, wir in all dem auch eine Art Trost finden, während sich um uns herum alles auflöst.
OT: „Saules aveugles, femme endormie“
IT: „Blind Willow, Sleeping Woman“
Land: Frankreich, Luxemburg, Kanada
Jahr: 2022
Regie: Pierre Földes
Drehbuch: Pierre Földes
Vorlage: Haruki Murakami
Musik: Pierre Földes
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