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Medusa Deluxe

„Medusa Deluxe“ // Deutschland-Start: 8. Juni 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Cleve (Clare Perkins) ist sauer. Richtig sauer. Nein, sie weint Mosca keine Träne nach. Sie hat ihn sogar gehasst, weshalb es ihr auch egal sein könnte, dass ihn jemand ermordet und skalpiert hat. Sorge bereitet ihr jedoch, was das für den von Rene (Darrell D’Silva) organisierten Friseurwettbewerb bedeuten könnte, an dem sie und ihr Rivale teilgenommen haben. Schließlich war sie fest davon überzeugt, dieses Jahr den Sieg davontragen zu können und sich dabei über Konkurrentinnen wie Divine (Kayla Meikle) und Kendra (Harriet Webb) hinwegsetzen zu können. Stattdessen schnüffelt überall die Polizei herum, lenkt sie von der Arbeit ab und will alle Anwesenden befragen. Die diversen Models, die anlässlich des Wettbewerbs zusammengekommen sind, sind da schon neugieriger und wollen unbedingt herausfinden, wer es gewesen ist. Schließlich muss derjenige oder diejenige einer von ihnen sein …

Ein dynamisch eigenwilliger Krimi

Wer das zuweilen fragwürdige Vergnügen hat, sich die ganzen Krimis anzuschauen, die Woche für Woche für Woche im Fernsehen laufen, der könnte irgendwann den Eindruck haben, dass in dem Genre bereits alles gezeigt und erzählt wurde. Dass man alle Motive gehört, Settings gesehen und Tathergänge rekonstruiert hat. Medusa Deluxe beweist aber, dass in dem etwas angestaubten Whodunnit-Krimi noch einiges herauszuholen ist, es braucht nur ein bisschen Fantasie und Mut zu Neuem. Grundsätzlich entspricht der britische Film zwar schon dem, was wir aus dem Bereich gut gehen. So wird am Anfang eine Leiche gefunden. Die restliche Laufzeit geht dafür drauf, unter einer Reihe verdächtiger Personen die richtige herauszufinden. Innerhalb dieser Genrekonvention finden sich aber reihenweise Unterschiede.

Der erste, der auch immer wieder gern bei der Beschreibung und Bewerbung des Films herangezogen wird, ist das Setting. So wurde der Mord während eines Friseurwettbewerbs begangen. Die Ermittlungen finden hinter den Kulissen statt, während weiter an Haar-Kreationen gewerkelt wird. Das geht mit einigen ungewöhnlichen Bildern einher, gerade Cleves Wettbewerbsbeitrag ist so eigenwillig, dass man vor lauter Starren manchmal vergisst zuzuhören. Wobei Letzteres auch damit zusammenhängt, dass Medusa Deluxe kein besonders zielgerichteter Krimi ist. Zwar wird immer mal wieder auch über den Toten gesprochen und Hypothesen aufgestellt. Häufiger noch wird aber über die Arbeit gesprochen und über die anderen hergezogen. Regisseur und Drehbuchautor Thomas Hardiman legt einen besonderen Fokus auf die Dynamik zwischen den Frauen. Die Polizei spielt hingegen keine Rolle, an der laufen die Figuren nur hin und wieder mal vorbei.

Ein ständiger Wechsel in Echtzeit

Dieses Laufen ist ebenfalls etwas, das den Film von anderen Krimis unterscheidet. So handelt es sich hierbei um eines dieser Werke, die ohne sichtbare Schnitte gedreht wurden, um die Illusion einer Echtzeiterzählung zu erzeugen. Das mag bei Filmen noch vergleichsweise einfach sein, bei der es eine Hauptfigur oder wenige Hauptfiguren gibt, denen wir die ganze Zeit folgen. Medusa Deluxe ist jedoch ein absoluter Ensemblefilm, der auf eine eindeutige Hauptfigur verzichtet. Das hängt auch damit zusammen, dass es hier wie gesagt – genreuntypisch – keinen Ermittler als Protagonisten gibt. Eine Möglichkeit wäre gewesen, die gesamte Geschichte in einem Raum spielen zu lassen, als ein Kammerspiel. Inhaltlich hätte das aber schwierig werden können, da die Frauen sehr gern und sehr oft übereinander lästern.

Und so entschied sich Hardiman, die Figuren ständig von einem Zimmer zum nächsten laufen zu lassen. Braucht die Geschichte also einen Wechsel, heften wir uns an die Fersen einer Figur, bis wir am Zielort angekommen sind, wo in den meisten Fällen schon eine andere Figur wartet. Dass kann man als Gimmick empfinden. Manche werden sich sogar langweilen, wenn Medusa Deluxe zwischendurch mehr Spazierfilm als Krimi ist. Wer in erster Linie daran interessiert ist, wer denn den Mord begangen hat, für den wird das hier zu wenig sein, zumal die Auflösung auch recht plötzlich kommt. Gleichzeitig ist der Film, der auf dem Locarno Festival 2022 Weltpremiere hatte, beeindruckend in seiner Konsequenz und Kunstfertigkeit. Das hervorragend zusammenspielende Ensemble trägt ebenfalls dazu bei, dass der zugleich bizarre und alltägliche Krimi ein filmisches Ereignis ist, das neugierig macht auf weitere Werke des Nachwuchsregisseurs.

Credits

OT: „Medusa Deluxe“
Land: UK
Jahr: 2022
Regie: Thomas Hardiman
Drehbuch: Thomas Hardiman
Musik: Koreless
Kamera: Robbie Ryan
Besetzung: Anita-Joy Uwajeh, Clare Perkins, Darrell D’Silva, Debris Stevenson, Harriet Webb, Heider Ali, Kae Alexander, Kayla Meikle, Lilit Lesser, Luke Pasqualino, Nicholas Karimi

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Medusa Deluxe
Fazit
„Medusa Deluxe“ variiert auf interessante Weise das Whodunnit-Krimigenre: Das Setting eines Friseurwettbewerbs, der Verzicht auf eine Hauptfigur sowie die schnittlose Echtzeit-Umsetzung sorgen für eigene Akzente. Und auch das hervorragend zusammenspielende Ensemble ist ein guter Grund, hier einmal vorbeizuschauen. Für reine Rätselfans hat der Film hingegen eher weniger zu bieten, wenn der Fokus mehr auf dem Verhältnis zwischen den Figuren liegt als auf der Wahrheitsfindung.
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