Der laute Frühling
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Der laute Frühling

„Der laute Frühling“ // Deutschland-Start: 4. August 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Eigentlich wissen wir alle, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Dass wir mit dem Raubbau, der sich seit der Industrialisierung etabliert hat, über kurz oder lang eine Katastrophe herbeiführen werden. Aber wie das so ist: Etwas zu wissen, ist eine Sache, die Konsequenzen daraus zu ziehen, eine andere. Ob es nun gesunde Ernährung ist, genügend Bewegung oder eben der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, wir tun selten das, von dem wir wissen, dass es richtig ist. Oder tun es nur dann, wenn wir gar keine andere Wahl haben. In den letzten Jahren hat der Kampf gegen den Klimawandel dennoch an Fahrt aufgenommen. Daran waren einerseits äußere Faktoren „schuld“: Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine führten die Notwendigkeit eines Wandels vor Augen, aber auch deren Möglichkeiten. Und dann wären da noch die Proteste, wenn zunehmend junge Menschen auf die Straßen gehen oder sich anderweitig Gehör verschaffen.

Unterwegs mit Klimaaktivist*innen

Der laute Frühling begleitet eine Reihe dieser jungen Aktivisten und Aktivistinnen. Der Dokumentarfilm des Kollektivs labournet.tv will dabei diesen Menschen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen, gleichzeitig aber auch fragen: Was genau bringt das? Wird sich die Welt tatsächlich verändern, nur weil da jemand ist, der das lauthals fordert? Wäre es so einfach, dann hätte sich natürlich etwas getan. Entscheidungen werden nun einmal von denjenigen getroffen, die tatsächlich das Sagen haben. Und das sind nicht die Leute, die sich neben Eisenbahnschienen setzen und tanzen. Es geht also mehr darum, wie man bei eben diesen Entscheidungsbefugten etwas erreichen kann. Und das geht am ehesten, indem dort angesetzt wird, wo sie direkt betroffen sind. Bei der Arbeit.

Interessant an Der laute Frühling ist, wie eben diese beiden Bereiche in einen Zusammenhang gestellt werden. Die Proteste der Arbeiter und Arbeiterinnen werden mit denen rund um den Klimaschutz verbunden, wodurch Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt werden. Auf der einen Seite haben Streiks immer wieder etwas bewegt. Noch immer sind sie ein wirksames Mittel, um bessere Bedingungen zu erzwingen, die freiwillig nicht gewährt werden. Und auch wenn man sich über die Verhältnismäßigkeit so manchen Streiks streiten kann, das Recht war oft ein notwendiges Korrektiv. Nachträglich immer wieder Verbesserungen erzwingen zu müssen, zeigt jedoch das grundsätzliche Problem auf: Das System der Gewinnmaximierung geht, zumindest nach klassischer Methode, mit einer Ausbeutung einher. Während Menschen sich gegen eine solche noch wehren können, hat die Natur keine direkten Protestmöglichkeiten.

Der Kapitalismus muss weg!

Die Folgerung des Films ist dann auch, dass der Kampf innerhalb des Systems nur eine Notlösung sein kann. Besser wäre es, das System als solches abzuschaffen. Das bedeutet: Der Kapitalismus muss weg! Die Forderung danach ist natürlich nicht neu, die Schattenseiten des Glaubens an ein ewiges Wachstum sind schließlich lange bekannt. Der laute Frühling zufolge ist der Druck inzwischen aber so hoch, dass der Wandel alternativlos geworden ist. Was bei der Dokumentation jedoch fehlt, ist eine wirklich überzeugende und realistische Methode, wie dieser Wandel eingeleitet werden kann. Vieles von dem, was hier gesagt wird, mag man für richtig halten und gleichzeitig für naiv. Der Weg von „geht nicht“ zu „geht doch“ ist nicht klar vorgezeichnet.

Das ist kein großes Wunder. Man kann nicht von den Aktivisten und den Aktivistinnen eine Lösung erwarten, nach der viele andere jahrelang vergeblich gesucht haben, die deutlich mehr in der Materie drinstecken. Aber man darf sich schon fragen, welchen Sinn der Dokumentarfilm hat. Während Der laute Frühling plausibel dafür argumentiert, dass es nicht weitergeht wie bisher, bringt er keine neuen Erkenntnisse mit. Das Anliegen der Regisseurin Johanna Schellhagen, das Publikum aufzurütteln, ist ebenso lobenswert wie richtig. Aber das haben so viele andere bereits davor getan, ohne dass es zu etwas geführt hätte. Tatsächlich neue Impulse sucht man in den 60 Minuten vergeblich.

Credits

OT: „Der laute Frühling“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Johanna Schellhagen
Drehbuch: Johanna Schellhagen
Musik: Tomi Simatupang
Kamera: Micaela Masetto, Paoloa Calvo, Ariane Timea Wagner, Aline Juárez Contreras, Rocío Rodriquez

Bilder

Trailer



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Der laute Frühling
Fazit
„Der laute Frühling“ begleitet junge Aktivisten und Aktivistinnen, die für einen stärkeren Klimaschutz eintreten. Damit verbunden ist die Forderung, den Kapitalismus abzuschaffen, dessen System nicht mit endlichen Ressourcen in Einklang gebracht werden kann. Dieser Forderung mag man zustimmen, einen wirklichen Ausweg aus der Misere zeichnet der Dokumentarfilm aber nicht, auch wenn die Verknüpfung von Klima- und Arbeiterprotesten interessant ist.
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