Verdens verste menneske Der schlimmste Mensch der Welt
Renate Reinsve in "Der schlimmste Mensch der Welt" (© Oslo Film)

Renate Reinsve [Interview]

In der Tragikomödie Der schlimmste Mensch der Welt spielt Renate Reinsve Julie, die sowohl privat wie auch beruflich noch nicht genau weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. So schwankt sie zwischen zwei Männern, aber auch den unterschiedlichsten Studienfächern. Zum Kinostart am 2. Juni 2022 haben wir uns mit der norwegischen Schauspielerin unterhalten.

 

Was hat dich an dem Film gereizt? Warum wolltest du in Der schlimmste Mensch der Welt mitspielen?

Ich hatte schon eine kleine Rolle in Oslo, 31. August, dem zweiten Teil in Joachim Triers Oslo-Trilogie. Das war vor zehn Jahren. Bei seinem neuen Film hat Joachim die Rolle speziell für mich geschrieben. Wie kann ich da Nein sagen? Er ist für mich einer der besten Regisseure der Welt. Die Entscheidung ist mir also sehr leicht gefallen. Wobei ich zugeben muss, dass ich schon auch sehr nervös war, als ich das Drehbuch gelesen habe.

Wie würdest du die Figur denn beschreiben, die Joachim für dich geschrieben hat?

Sie ist eine wirklich sehr komplexe Figur, die man in der Form nur sehr selten sieht. Beim Schreiben des Drehbuchs haben sich Joachim und Eskil Vogt nicht zu sehr darauf fokussiert, eine Frauenfigur entwerfen zu wollen. Vielmehr wollten sie jemanden beschreiben, der sehr viele unterschiedliche Facetten und Merkmale hat, von denen ihr Geschlecht nur eines von vielen ist. Wir folgen ihr in dem Lebensabschnitt von ihren frühen Zwanzigern bis Anfang 30, in dem sie für sich herausfindet, wie sie leben will, was sie studiert, wen sie liebt, aber auch von wem sie geliebt wird. Gleichzeitig muss sie lernen, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie ist. Sie versucht immer, besser zu werden und sich selbst neu zu entdecken. Am Ende akzeptiert sie es dann letztendlich und gibt sich dem Chaos des Lebens hin.

Das führt auch dazu, dass sie ständig alles über den Haufen wirft, etwas Neues ausprobiert und auch die Partner wechselt. Warum fällt es ihr so schwer, bei etwas bzw. jemandem zu bleiben?

Das ist ein Problem, das wir doch alle inzwischen haben. Wir haben so viele Möglichkeiten und Optionen, dass wir damit überfordert sind. Es gab ein interessantes wissenschaftliches Experiment. Die eine Gruppe sollte sich ein selbst gemachtes Foto aussuchen, das sie später nicht mehr austauschen können. Die zweite Gruppe musste ebenfalls ein Foto aussuchen, konnte das später aber immer wieder austauschen. Während die erste Gruppe sehr glücklich war mit ihrer Entscheidung, hat die zweite Gruppe immer wieder das Foto ausgetauscht und war sehr unglücklich, weil sie sich nicht entscheiden konnte. Man spricht hier vom Paradox der Wahl, demzufolge wir durch Wahlmöglichkeiten unruhig und unglücklich werden. Natürlich ist das ein sehr privilegiertes Problem, da sich viele Menschen wünschen würden, sie hätten eine Wahl. Aber es kann eben ein Problem sein, das sich durch alle Lebensbereiche zieht. Ob es nun der Supermarkt ist oder eine Dating-App, wir werden so überwältigt von den vielen Möglichkeiten, dass wir uns gar nicht mehr entscheiden wollen.

Du kannst dich also mit dem identifizieren, was deine Figur da durchlebt?

Auf jeden Fall. Das ist einfach die Zeit, in der wir leben. Alles wird größer und vielfältiger und komplexer. Als ich aufgewachsen bin, gab es Geschichtsbücher. Und die waren dann eben die Wahrheit. Inzwischen kann jeder seine eigene Wahrheit aussuchen, gerade auch durch das Internet. Wir können aussuchen, woran wir glauben, an welche Fakten wir glauben. Es geht heute nicht mehr um Fakten, sondern um Meinungen. Du weißt gar nicht mehr, wem du glauben kannst. Das macht das Leben heute sehr verwirrend und unübersichtlich. Deswegen war für uns Der schlimmste Mensch der Welt auch ein sehr wichtiger Film, weil es nicht nur um Julie geht, sondern auch um die Zeit, in der wir leben.

Wie sieht es mit den Entscheidungen aus, die du selbst treffen musstest? Wusstest du zum Beispiel schon immer, dass du Schauspielerin werden willst?

Ich habe schon sehr früh mit der Schauspielerei angefangen, mit neun Jahren. Für mich war sie eine Möglichkeit, Charaktere zu verstehen und die zwischenmenschliche Dynamik zu verstehen. Das war mir damals noch nicht bewusst. Aber ich habe durch diese Arbeit sehr viel gelernt, über die Menschen, die Welt und mich selbst. Und diese Liebe ist mir bis heute geblieben.

Also nie Zweifel gehabt?

Das schon. Es gab eine Phase, bei der es nur noch darum ging, ob ein Film am Ende auch Geld einspielt. Ich fand auch keine Rollen mehr, die mich interessiert haben. Deswegen hatte ich eigentlich auch beschlossen, mit der Schauspielerei aufzuhören. Doch dann kam der Anruf von Joachim, was wirklich ein sehr seltsamer Zufall ist. Aber ich war natürlich dankbar, weil das die Art Filme sind, die ich machen will.

Ganz allgemein: Nach welchen Kriterien suchst du dir deine Rollen aus?

Ich mag es schon, wenn die Regisseure und Regisseurinnen etwas über die Zeit zu sagen haben, in der wir gerade leben, und dabei auch komplexe Figuren entwerfen. Filme also, die ausdrücken wollen, was es heißt, in der heutigen Zeit ein Mensch zu sein.

Wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, gibt es die unterschiedlichsten Typen von Menschen. Manche überlegen sehr lange und wollen die beste Möglichkeit finden. Andere sind impulsiv und entscheiden aus dem Bauch heraus. Welcher Typ bist du?

Ich bin in der Hinsicht sehr zwiegespalten. Auf der einen Seite bin ich jemand, der ein starkes Bauchgefühl hat. Gleichzeitig fange ich aber auch sofort an, dieses Bauchgefühl zu hinterfragen und über alles nachzudenken. Aus diesem Grund treffe ich viele Entscheidungen impulsiv, weil ansonsten mein Kopf zu keiner Entscheidung mehr kommt.

Dieses Problem der zu vielen Möglichkeiten ist eines, das auch die Gesellschaft verändert. Es gibt viele Menschen, die sich in dieser Welt nicht mehr zurechtfinden und deswegen die einfachen Wahrheiten suchen, wie sie die Rechten oft anbieten. Was können wir als Gesellschaft tun, um diese vielen verlorenen Menschen wieder zu integrieren?

Das ist ein hochkomplexes Thema, für das es keine einfache Antwort gibt. Dafür ist die Zeit zu verwirrend, in der wir leben. Es geht in solchen Fällen oft nicht mehr um eine Wahrheit, sondern auch darum, wie du diese Wahrheit verkaufst. Mein Idealismus sagt mir, dass jeder für sich versuchen muss, die Wahrheit zu finden und Werte zu bewahren. Denn diese Werte gibt es ja, immer noch. Im Film reden wir ja auch davon, wie jemand versucht, ein guter Mensch zu sein und alles richtig zu machen. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Plan am Ende auch aufgeht.

Hast du denn das Gefühl, dass diese Werte verloren gehen?

Die Werte waren immer in Gefahr, weil die Menschen dumme, furchtbare Fehler gemacht haben, die ganzen Jahrhunderte durch. Anstatt gut zueinander zu sein, haben sie oft Geld und Macht gesucht. Ob die Werte wirklich verloren gegangen sind, kann ich nicht sagen, da ich erst 30 bin und deshalb nicht die langfristige Perspektive habe. Ich kann nur für mich selbst versuchen, das Richtige zu tun und mich mit Leuten zu umgeben, die so denken wie ich. Du musst klein anfangen.

Und wie siehst du deine Rolle als Schauspielerin in der Hinsicht? Hast du als Schauspielerin die Möglichkeit oder gar Verpflichtung, ein Vorbild zu sein?

Das kommt tatsächlich ein wenig mit diesem Beruf. Obwohl du nur einen kleinen Teil an einer Filmproduktion hast, bist du doch der sichtbarste Teil. Du bist das Gesicht des Films und die Identifikationsfigur für das Publikum. Das, was du sagst, wird von anderen gehört oder gelesen, gerade von Jüngeren. Insofern hast du schon einen Einfluss, und das bedeutet auch Verantwortung. Ich selbst versuche, ein solches Vorbild zu sein. Aber das ist nicht einfach, da dich niemand auf diese Rolle vorbereitet hat. Und das bedeutet auch nicht, dass du immer gut sein musst. Im Film war es uns wichtig, dass wir nicht nur die schönen und glücklichen Momente zeigen, sondern auch die hässlichen und traurigen und beschämenden. Denn das gehört zum Leben dazu.

Ein wichtiger Punkt in Der schlimmste Mensch der Welt ist das Thema Selbstfindung. Durch deinen Beruf bist du es gewohnt, ständig jemand anderes zu werden. Macht dieser regelmäßige Wechsel von Persönlichkeiten es einfacher oder schwieriger für dich, dich selbst zu finden?

Das ist eine wirklich gute Frage. Ich denke, dass es beides ist. Du trittst immer wieder aus deinem Leben heraus und siehst es von einem anderen Blickwinkel, was ganz gesund ist. Gleichzeitig bist du immer wieder in der Figur gefangen, die du spielst, und siehst nicht mehr den Unterschied zwischen dir und deiner Figur.

Bei Julie ist die Frage der Selbstfindung auch mit der Suche nach der richtigen Beziehung verbunden, wenn sie zwischen verschiedenen Männern schwankt. Was ist deiner Meinung nach eine richtige oder auch ideale Beziehung? Was macht sie aus?

Das ist schwer zu beantworten. Und ich denke, dass der beste Weg die Frage zu beantworten der ist, sie gar nicht zu beantworten. Uns wurde von Disney oder romantischen Filmen gesagt, wie Liebe auszusehen hat. Dabei ist Liebe viel komplexer und komplizierter. Eigentlich wissen wir gar nicht so recht, was Liebe wirklich bedeutet. Was ich an unserem Film mag, ist dass er all diese Fragen stellt, dabei aber keine Antworten vorgibt. Das Publikum soll eigene Antworten darauf finden und dabei auch sich selbst entdecken.

Diese Begegnung mit den Männern hilft Julie zu erkennen, wer sie ist. Brauchen wir grundsätzlich andere Menschen, um uns selbst zu bestimmen?

Andere Menschen haben immer eine Auswirkung auf uns selbst. Zum Problem wird das jedoch, wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Auf eine gewisse Weise sind wir immer mit anderen verbunden und entwickeln uns gemeinsam weiter. Ich selbst wurde beispielsweise von so vielen anderen Schauspielern und Schauspielerinnen inspiriert, dass sie ihren Anteil daran haben, wer ich heute bin. Sobald du entscheidest, ein enges Verhältnis zu jemand anderem aufzubauen, ob nun als Liebesbeziehung oder nicht, wirst du immer von den Gedanken des anderen beeinflusst werden. Darin, wie du die Welt siehst. Das ist auch eine gute Sache. Ich weiß daher nicht, wie sehr ich an Individualismus glaube. Gleichzeitig muss man bei Julia sagen, dass sie nicht einfach durch die Männer definiert sein will. Sie versucht sich selbst zu bestimmen und innerhalb dieser Beziehungen herauszufinden, wer sie ist.

Kommen wir noch kurz zum Titel Der schlimmste Mensch der Welt. Wer ist das in deinen Augen?

Julie denkt von sich selbst, dass sie der schlimmste Mensch der Welt ist, weil sie so vieles nicht wirklich auf die Reihe bekommt. Aber natürlich stimmt das nicht. Das ist so ein Ausdruck, den wir in Norwegen benutzen, wenn wir etwas Dummes tun oder jemand anderes verletzen: Ich bin der schlimmste Mensch der Welt.

Und wer ist der beste Mensch der Welt für dich? Du hast erwähnt, dass dich andere inspirieren. Wer hat dich am meisten inspiriert?

Meine Schwester ist der beste Mensch der Welt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Renate Reinsve wurde am 24. November 1987 in Solbergelva, Norwegen geboren. Sie studierte Schauspiel an der Norwegischen Nationalen Theaterakademie, die zur Kunsthochschule Oslo gehört. Sie spielte in den folgenden Jahren vor allem Theater. Ihr Filmdebüt gab sie 2011 in Oslo, 31. August.



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