Animals 2021
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Animals – Wie wilde Tiere (2021)

„Animals“ // Deutschland-Start: 23. Juni 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Animals ist in drei klare Akte geteilt. Im ersten lernen wir Brahim (Soufiane Chilah) kennen, der auf der Geburtstagsfeier seiner Mutter auf seinen Partner Thomas wartet. Dass nur Brahims Bruder Methi und dessen Frau von seiner Homosexualität wissen und ihn zudem dafür verurteilen, belasten Brahim schwer. Nach einiger Zeit und einem Streit mit Methi verlässt er die Feier und hat daraufhin im zweiten Akt eine furchtbare Begegnung mit vier jungen Männern. Einem von ihnen, Loïc (Gianni Guettaf), ist der dritte Akt gewidmet.

Alltagshorror

Diese klare Einteilung des Films führt dazu, dass die Akte alle ihren eigenen Fokus haben, sich aber trotzdem in chronologischer wie inhaltlicher Art fortsetzen. Das ist sehr spannend, da dem Film eine interessante Mischung aus klassischer Dramaturgie und der vollständigen Ablegung dieser gelingt. Zur Folge hat das in erster Linie, dass eine verblüffende Wirkung entsteht, die das Gezeigte auf eine sehr realistische Art und Weise porträtiert und zugleich dessen innere Absurdität und Abscheulichkeit herausstellt.

Den Kern des Films macht dabei der zweite Akt aus, der einem tatsächlichen Ereignis, das 2012 in Belgien geschehen ist, nachempfunden ist. Ohne auf Konkretes eingehen zu wollen, lässt sich sagen, dass der zweite Akt seine Spuren hinterlässt. Denn nachdem der erste Akt vor allem mit der Darstellung von homophoben Äußerungen und der darin begründeten innerfamiliären Einsamkeit Brahims bereits für Bedrückung sorgt, stellt der zweite Akt all das in den Schatten.

Mit einer brachialen Schonungslosigkeit wird gezeigt, wie selbstverständlich manche Menschen zu Grausamkeit im Alltag fähig sind. Jede Beleidigung gegen Brahim wirkt wie ein Projektil eines nicht enden wollenden Dauerbeschusses. Jede Tätlichkeit gleicht einem Schlag in die Magengrube, der beim Schauen mehr und mehr die Luft raubt, während man völlig entkräftet Minute um Minute nur mehr auf das Eintreten der nicht abwendbar scheinenden Tragödie hofft, um endlich erlöst zu werden.

Nach einem umfassenden warum zu fragen, hat man an dieser Stelle bereits aufgegeben. Zu vereinnahmend ist die Erkenntnis, dass es sich bei den vier Männern nur noch um Tiere handelt, die dem Sozialdarwinismus verfallen sind. Es gilt, auf martialische Art Stärke zu beweisen, stärker zu sein als Brahim, männlicher zu sein als er.

Toxische Männlichkeit

In der Gruppendynamik wird schnell deutlich, wie unfassbar toxisch die vier ihre soziale Rolle als Männer verstehen. Einen Ansatz, diese Systematik zu erklären, findet sich im dritten Akt, indem der Film einen der vier Männer nach Hause begleitet. In diesem Zusammenhang zeigt Animals fast schon etwas unpassend stringent die Entwicklung einer Sozialisierung mit einer Vorstellung von Männlichkeit, die nie ausreichend dominant ist, nie stark genug ist. Die Darstellung wie unmittelbar so etwas zu fremd- aber auch selbstzerstörerischen Verhalten führt, wirkt etwas zu simpel.

Grundsätzlich trägt Animals auch wenig Neues zum soziologischen Diskurs um toxische Männlichkeit bei, sondern legt seinen Fokus eindeutig mehr auf die Auswirkung dieser. Der emotionalisierende Part ist deutlich größer als der reflektierende.

Bedrückende Inszenierung

Neben der bereits angesprochenen Erzählweise gelingt das vor allem durch die grandiose Inszenierung. Am auffälligsten ist sicherlich das 4:3-Format des Films, das im Laufe des zweiten Aktes immer wieder um Found-Footage-Handyaufnahmen im 16:9-Format ergänzt wird. Das lässt den Film unfassbar beklemmend und einengend wirken und entwickelt so nicht nur funktional, sondern auch symbolisch eine tolle Bildsprache.

Dazu kommen die Bilder, die nahezu allesamt per Handkamera aufgenommen sind und der tolle Schnitt. Vereinzelt werden sehr lange Einstellungen von Brahim verwendet, während man das Geschehen um ihn herum nur hören, nicht aber sehen kann. Im Kontrast finden sich aber auch immer wieder schnell geschnittene Szenen, bei denen praktisch nichts zu erkennen ist, wodurch auch hier der Ton zentral wird. Gerade dadurch gelingt es Animals, ein Gefühl der Unsicherheit und Verletzlichkeit zu erzeugen, das die Stimmung des Films setzt und die Handlung weiter unterstreicht.

Credits

OT: „Animals“
Land: Belgien, Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Nabil Ben Yadir
Drehbuch: Nabil Ben Yadir, Antoine Cuypers
Kamera: Frank van den Eeden
Genre: Drama, Thriller
Besetzung: Soufiane Chilah, Gianni Guettaf, Vincent Overath, Serkan Sancak, Lionel Maisin, Madeleine Baudot, Salim Talbi

Bilder

Trailer

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Animals – Wie wilde Tiere (2021)
Fazit
„Animals“ ist ein nur schwer erträgliches Stück Alltagshorror. Regisseur und Co-Drehbuchautor Nabil Ben Yadir ist ein beeindruckender Film gelungen, der sich Gerechtigkeit oder einer Katharsis entzieht und dadurch beängstigt und zugleich mahnt. Auch wenn die Stringenz der Begründungen im dritten Akt dieser eingeführten Logik etwas widerspricht, ist es der hervorragende zweite Akt und die tolle Inszenierung, die herausstechen und die Absurdität und potenzielle Grausamkeit von toxischer Maskulinität und Homophobie zur Schau stellen.
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