Memoria
© Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte and Piano, 2021
„Memoria“ // Deutschland-Start; 5. Mai 2022 (Kino) // 5. August 2022 (MUBI)

Inhalt / Kritik

In Kolumbien arbeitet die Schottin Jessica (Tilda Swinton) bereits seit einigen Jahren in Bogota, unter anderem in einer international operierenden Floristikfirma. In der Metropole hat sie einen breiten Freundeskreis, der bis in die gehobene Mittel- und Akademikerschicht reicht. Dies gibt ihr die Kraft, als ihre Schwester Karen (Agnes Brekke) mit einer rätselhaften Krankheit im Hospital liegt. Jedoch ist die Erkrankung ihrer Schwester nicht das einzige rätselhafte Ereignis in ihrem Leben, denn schon seit geraumer Zeit hört sie immer wieder einen tiefen, dunklen Ton, der von keinem außer ihr wahrgenommen zu werden scheint. Da sie das Geräusch mittlerweile auch nachts hört, kann sie kaum noch schlafen und verbringt lange Stunden in einer Art Halbschlaf. Mithilfe eines Tontechnikers namens Hernán (Juan Pablo Urrego) will sie nicht nur das Geräusch in dessen Aufnahmestudio einfangen und aufnehmen, sondern erhofft sich zudem eine Linderung ihres Zustandes. Aus Dankbarkeit, dass es ihm endlich gelingt, das Geräusch mittels einer breiten Datenbank an Sounds nachzuempfinden, nimmt sie den jungen Mann mit auf ihren geschäftlichen Touren durch die Stadt und lädt ihn zum Essen ein. Doch damit ist die seltsame Erfahrung noch nicht vorbei.

Ein Geräusch, welches alles vereint

Wie die Figuren seiner Werke, wie beispielsweise Tropical Malady oder Cemetery of Splendour, sind es ganz besondere Reisen und Erlebnisse, die Regisseur Apichatpong Weerasethakul anziehen. In seinem Statement zu seinem neuesten Werk Memoria beschreibt er, dass er schon als Kind fasziniert war von Dschungeln, Tieren und Bergen, welche mehr als nur Hintergrund in seinen Filmen sind. Es geht darum eine Verbindung zu dieser Natur zu finden oder herauszufinden, ob eine solche überhaupt noch möglich ist in einem technisierten und digitalisierten Zeitalter.

Nachdem seine vorherigen Werke insbesondere Weerasethakuls Heimat Thailand im Fokus hatten, ist Memoria der erste Film des Regisseurs, den er im Ausland, genauer gesagt in Kolumbien gedreht hat. Das international produzierte Projekt mag in vielerlei Hinsicht ein Traumprojekt des Filmemachers sein, der sich schon lange zu der Natur Südamerikas und dem reichen Schatz an Legenden hingezogen fühlte. Dabei ist der erste von MUBI initiierte Kinofilm jedoch keineswegs eine Abkehr von dem bisherigen Werk Weerasethakuls, sondern greift eben jene Themen und auch Bilderwelten auf, die man aus beispielsweise Mysterious Object at Noon oder Blissfully Yours bereits kennt. Nun ist es jedoch ein Geräusch, was nur die Protagonistin wahrnimmt und neben dem visuellen Aspekt vor allem jene auditive Ebene der Geschichte betont, bei dem beispielsweise der Alarm eines parkenden Autos oder ein lauter Knall auf einer belebten Verkehrskreuzung Vorboten eines tiefgehenden Wandels oder eine Unruhe sind, die bereits Jessica erfasst hat, sodass sie wie eine moderne Kassandra wirkt, die vor etwas warnt, doch nicht wirklich ernst genommen wird.

Figuren und die Orte, in denen sie sich bewegen

Memoria ist, wie die bereits erwähnten Werke Weerasethakuls, ein Kino der Langsamkeit, das mehr gemein hat mit dem seines Kollegen Lav Diaz. Viele Szenen sind lange statische Einstellungen, wobei sich viele Handlungsstränge, Begebenheiten oder Momente erst im Nachhinein dem Zuschauer erschließen werden, während sich andere, besonders eine gegen Ende hin, einer logischen Herangehensweise entziehen. Weerasethakul wechselt von einer eher realistischen Perspektive, besonders jene in der Stadt, hin zu einer Sicht auf die Welt, die immer mehr aus den Fugen zu geraten scheint, zumindest aus der Sicht der Hauptfigur, die ihren inneren Frieden oder einfach nur eine Heilung für ihr Leiden (so es denn eins ist) in der Natur zu finden hofft. Im Vergleich ist es dann auch die Natur, welche als Ort der Fantasie, des Friedens und der Ruhe gesehen wird, während die Stadt unüberschaubar, chaotisch und teils karg wirkt.

Wie in ihren Kollaborationen mit Regisseuren wie Derek Jarman, Christoph Schlingensief oder Bong Joon-ho erweist auch dieses Mal Schauspielerin Tilda Swinton als eine exzellente Besetzung für eine Rolle, die, wie vielen in diesem Film, dem Zuschauer (wie vielleicht auch sich selbst) ein Rätsel bleibt. Verloren und auf der Suche nach Antworten streift sie durch dieses Narrativ, mal scheint sie die Kamera zu verlieren, dann scheint sie gar selbst in einem Prozess der Auflösung begriffen zu sein. Durch die Leistung Swintons, das bereits erwähnten Sounddesign und die Bilder von Kameramann Saymobhu Mukdeeprom wird die Geschichte einer Frau erzählt, die den Halt in der Welt verloren hat und letztlich ihren eigenen Erinnerungen nicht mehr trauen kann.

Credits

OT: „Memoria“
Land: Thailand, Kolumbien, UK, Frankreich, Deutschland, Mexiko, China, Taiwan, USA, Katar, Schweiz
Jahr: 2021
Regie: Apichatpong Weerasethakul
Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul
Musik: César López
Kamera: Saymobhu Mukdeeprom
Besetzung: Tilda Swinton, Elkin Díaz, Jenna Balibar, Juan Pablo Urrego, Daniel Giménez Cacho, Agnes Brekka

Bilder

Trailer

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Memoria
Fazit
„Memoria“ ist ein im besten Sinne rätselhafter Film, dessen ruhige Einstellungen beinahe meditative wirken. Dem gegenüber steht die Atmosphäre der Unruhe, einer Auflösung, die Regisseur Apichatpong Weerasethakul andeutet und die sich in den schönen Aufnahmen, insbesondere der Natur Südamerikas, wiederfindet.
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