Inhalt / Kritik

Die Großstadt kann ein ganz schön trister Ort sein: Wo scheinbar das Leben tobt und sich für alle Menschen ungeahnte Möglichkeiten bieten, gibt es eben auch zahlreiche tragische Schicksale. Dass nicht alle Träume in Erfüllung gehen, muss etwa Kamil (Jacek Beler) feststellen. Seinen 30. Geburtstag hat er bereits hinter sich, lebt aber immer noch mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester in einer kleinen Wohnung in Warschau. Er hat keinen Job und träumt von einer Karriere als Rapper. Ab und an nimmt er in seinem Zimmer ein paar Verse auf, verbringt seine Zeit aber vor allem mit Alkohol, Drogen und Affären. Zum einen ist da die junge Aneta (Magdalena Kolesnik), die in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses arbeitet und von der Oberflächlichkeit der Interaktionen mit ihren Kundinnen genervt ist. Zum anderen stattet Kamil immer wieder der reichen Hausfrau Iwona (Sonia Bohosiewicz) Besuche ab, die in einer leidenschaftslosen Ehe feststeckt.

Ein dunkel-deprimierendes Gefängnis

Sehr viel mehr passiert in Other People genaugenommen nicht. Der auf einem 2018 erschienenen Roman von Dorota Masłowska basierende Film folgt keiner strengen Dramaturgie und hat genau wie seine Figuren kein konkretes Ziel. Dafür gelingt es Regisseurin Aleksandra Terpinska hervorragend, den Status Quo des Daseins ihrer Hauptfiguren einzufangen. Das beginnt schon bei der Optik des Films, der alles richtig heruntergekommen und dreckig aussehen lässt. Warschau zeigt sich hier nicht als pulsierendes kulturelles Zentrum, sondern wirkt ständig dunkel und deprimierend. Nicht einmal Iwonas luxuriöse Wohnung bringt einen hier auf andere Gedanken, sondern scheint für Iwona mehr Gefängnis als Rückzugs- und Erholungsort zu sein.

Nicht nur die Schauplätze wirken hier heruntergekommen, sondern auch die Protagonisten sind vom Leben gezeichnet. Niemandem gelingt es hier, so richtig „schön“ auszusehen; das Lächeln in den Gesichtern ist meist nur Fassade. All der Sex und Alkohol bieten keinen dauerhaften Weg ins Glück, sondern nur kurzfristige Ablenkung. Schauspielerisch ist der Film äußerst stark, mutig und authentisch und in diesem Zusammenhang muss auch endlich eine Besonderheit des Films angesprochen werden, die bis hierhin verschwiegen worden ist: Bei Other People handelt es sich um ein Musical! Allerdings nicht um eines im klassischen Sinn, wo die Figuren sich in stimmgewaltige Balladen und Tanzeinlagen steigern, sondern um ein Rap-Musical. In fast jeder Szene beginnen die Figuren, das Geschehen in Rap-Versen zu kommentieren und sprechen dabei auch mal direkt zum Zuschauer. Das kann anfangs befremdlich wirken und vor allem all diejenigen, die mit dieser Musikrichtung eher wenig anfangen können, werden wahrscheinlich eine Weile brauchen, um in den Film hineinzufinden. Doch der Film behält dieses Stilmittel von Beginn an konsequent bei, gewinnt dadurch eine ganz eigene Dynamik und entwickelt in Verbindung mit den dreckigen, realistischen Bildern eine starke Atmosphäre.

Momentaufnahmen gescheiterter Existenzen

Dass es keine besonders dichte Handlung gibt, fällt angesichts der starken Schauspielleistungen, der treibenden Beats unter den Rap-Einlagen und der dichten Atmosphäre des Films nicht ganz so stark stark ins Gewicht. Es ist aber in der Tat so, dass in Other People nicht besonders viel passiert. Der Film bietet statt einer spannenden Geschichte eben einen Einblick in das Leben mehrerer Figuren, die man zynisch als gescheiterte Existenzen bezeichnen könnte. Aber dabei handelt es sich nun mal um eine Momentaufnahme, die die Charaktere nur in einer bestimmten Phase ihres Lebens zeigt, in die sie ihre Umstände und Entscheidungen geführt haben. Wenn Aneta während ihrer Arbeit in der Kosmetikabteilung gelangweilt auf ihrem Smartphone herumwischt, wo die sozialen Netzwerke sie mit Bildern von vermeintlich schönen und erfolgreichen Menschen bombardieren und sie dabei von einer arroganten, wohlhabenden Kundin unterbrochen wird, deren Kleidung und Handtasche sich Aneta selbst nicht leisten kann, dann kommen zudem deutlich sozialkritische Elemente auf mehreren Ebenen dazu.

Zu den häufig in hohem Tempo vorgetragenen Raps sei noch gesagt, dass man im Lesen von Untertiteln geübt sein sollte, wenn man der polnischen Sprache nicht mächtig ist. Und selbst wenn man mit dem Lesen hinterherkommt, verpasst man dadurch unweigerlich einen Teil der Bildsprache und der Schauspielleistungen des Films. Aber man kommt trotzdem in den Genuss eines Films, wie man ihn so eben noch nicht gesehen (bzw. gehört) hat.

Credits

OT: „Inni Iudzie“
Land: Polen, Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Aleksandra Terpinska
Drehbuch: Aleksandra Terpinska
Vorlage: Dorota Masłowska
Musik: Marek Aureliusz Teodoruk
Kamera: Bartosz Bienik
Besetzung: Jacek Beler, Sonia Bohosiewicz, Magdalena Kolesnik, Marek Kalita, Sebastian Fabijanski

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Other People
Ein Sozialdrama, das gleichzeitig Rap-Musical ist – so einen Film gab es wohl noch nie. Allein dieser interessante Ansatz und die unter die Haut gehenden Darstellerleistungen machen "Other People" sehenswert, wenn auch die Handlung an sich leider nicht besonders erinnerungswürdig ist.
7von 10
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