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Mitt liv som hund Mein Leben als Hund

„Mein Leben als Hund“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 1987 (Kino) // 19. Januar 2015 (DVD/Blu-ray)

Der zwölfjährige Ingemar (Anton Glanzelius) lebt zusammen mit seinem Bruder und seiner Mutter (Anki Lidén) in einem kleinen schwedischen Dorf. Da Ingemar immer wieder Ärger in der Schule oder im Dorf hat, schickt ihn seine Mutter für eine Weile zu seinem Onkel Gunnar (Thomas von Brömssen) aufs Land. Neben Gunnar, mit dem ihm eine Liebe für klassische Musik verbindet, trifft er in der Dorfgemeinde auch andere illustre Charaktere, wie beispielsweise einen Mann, der scheinbar nichts anderes tut, als sein Dach zu reparieren oder auszubessern oder Herrn Arvidsson (Didrik Gustavsson), der ebenso kauzig ist, aber den kleinen Jungen ebenso willkommen heißt, besonders als ihm Ingemar aus dem Unterwäschekatalog vorliest. Darüber hinaus findet er in Saga (Melinda Kinnaman) einen Freund, der nach einem Boxkampf untrennbar mit ihm verbunden ist und mit dem er viele Abenteuer erlebt.

Jedoch wird seine Idylle unterbrochen von Neuigkeiten seiner Mutter, die Ingemar und seinen Bruder in ihrer Nähe haben will. Schon vorher wussten die Jungen von der Krankheit ihrer Mutter, doch nun wird diese von Tag zu Tag schlimmer, sodass diese ins Krankenhaus muss. Nun wird Ingemar abermals ins Heim eines Onkels geschickt, welcher aber in der Stadt lebt und dessen Frau wenig gibt um den ihrer Meinung nach gestörten Jungen. Immer mehr sehnt sich Ingemar nach seinen Freunden im Dorf zurück, doch auch nach seiner Mutter, der es immer schlechter geht und merkt schon bald, dass alles in seinem Leben sich gerade verändert, selbst er.

Die Rolle eines Hundes

Dem internationalen Kinopublikum ist der Name Lasse Hallström vor allem durch seine Werke wie Gottes Werk und Teufels Beitrag, Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa oder Chocolat – Ein kleiner Biss genügt ein Begriff. Seine Anfänge sind jedoch verbunden mit der schwedischen Band ABBA, deren Musikvideos Hallström drehte sowie ABBA – The Movie, was in gewisser Weise stilbildend für seine weitere Karriere sein sollte, wie der britische Autor Peter Walsh in seinem Essay A Quietly Swedish Filmmaker schreibt. Traf die Musik ABBAs noch jene goldene Mitte zwischen Popmusik und dem Ernst der Themen, die sie in ihren Songs ansprachen, ist es bei Hallström jene zwischen leichter Unterhaltung und der Tragödie, die im Kern vieler seiner Geschichten steckt. Schon mit seinem ersten Film, der Romanverfilmung Mein Leben als Hund, trifft Hallström jene Mitte, denn während die Geschichte Ingemars auf der einen Seite unterhält und herrlich nostalgisch ist, erzählt sie auf der anderen Seite auch von Tod, Trauer und Außenseitertum.

Der von Anton Glanzelius gespielte Ingemar ist darüber hinaus so etwas wie eine Blaupause für jenen Typ Helden, dem man später auch in Gilbert Grape oder Gottes Werk und Teufels Beitrag begegnen wird. Egal, wie schlimm die Schicksalsschläge in seinem Leben auch sein mögen, er erinnert sich doch stets an jene Lebewesen, deren Los noch trauriger oder hoffnungsloser ist als das seine, wie eben das der sowjetischen Hündin Laika, welche bekanntlich als erstes Lebewesen ins Weltall kam und dort auch starb (so zumindest heißt es im Film). In Hallströms Drehbuch wie auch der Romanvorlage von Reidar Jönsson geht diese Geschichte aber noch weiter, akzeptiert Ingemar doch seine Rolle als Hund, spielt diesen beispielsweise sehr oft, sehr zum Unverständnis seines Umfeldes, das ihn für verstört oder verrückt hält. In diesen Szenen zeigt sich das Besondere an dem Spiel von Hallströms jungem Hauptdarsteller, der das Spielerische und Experimentelle dieser Taten betont, doch genauso jene Tragik, kann ein Tier doch (im Gegensatz zu einem Menschen) schwerlich für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden.

Mikrokosmos Dorf

Neben der Darstellung des Helden, seiner Tragik wie auch seines Umfeldes, zeigt Mein Leben als Hund zudem Hallströms Sicht auf das Landleben. Wie später in Gilbert Grape oder Chocolat vermischt sich in der Darstellung des Provinziellen das Nostalgische mit einer gewissen Postkarten-Optik, die viele Szenen fast schon unwirklich erscheinen lassen, was durch die Kameraarbeit Jörgen Perssons noch unterstrichen wird. Ähnlich dem Kino eines Jacques Tati ist die Provinz nicht zuletzt die Heimat eines besonderen Menschenschlages, der sich sehr von den Regeln der Großstädter unterscheidet, was man besonders an dem Kontrast der beiden Onkel, bei denen Ingemar wohnt, sehen kann. Für Ingemar ist es ein Platz der Normalität, erlebt er doch inmitten der vielen kauzigen Bewohner eine Akzeptanz, die er bislang noch nie erfuhr.

So ist Mein Leben als Hund, wie bereits gesagt, ein typischer Film für seinen Regisseur, der damit eben jenen Grad an Tragik und Schwermut zuließ, den sich gerade Hollywood über viele Jahre gestattete und bis heute viele Dramen der Traumfabrik irgendwie gleich aussehen lässt und sie schnell aus der Erinnerung des Zuschauers verbannt. Doch davon ist bei Mein Leben als Hund noch nicht so viel zu anzumerken, ist der Film doch erfüllt von einer gewissen Unschuld, die besonders von der Darstellung Anton Glanzelius’ getragen wird.

Credits

OT: „Mitt liv som hund“
Land: Schweden
Jahr: 1985
Regie: Lasse Hallström
Drehbuch: Lasse Hallström, Reidar Jönsson, Brasse Brännström, Per Berglund
Musik: Björn Isfält
Kamera: Jörgen Persson
Besetzung: Anton Glanzelius, Thomas von Brömssen, Anki Lidén, Melinda Kinnaman, Kicki Rundgren, Lennart Hjulström, Ing-Marie Carlsson, Didrik Gustavsson

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1988 Beste Regie Lasse Hallström Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Lasse Hallström, Reidar Jönsson, Brasse Brännström, Per Berglund Nominierung
BAFTA 1988 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Film Independent Spirit Awards 1988 Bester fremdsprachiger Film Sieg
Golden Globes 1988 Bester fremdsprachiger Film Sieg

Filmfeste

Berlinale 1986
Toronto International Film Festival 1986
Berlinale 2019

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Mein Leben als Hund
„Mein Leben als Hund“ ist eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und Tragödie. Für Fans der späteren Werke von Regisseur Lasse Hallström ist „Mein Leben als Hund“ eine echte Entdeckung, wobei andere Zuschauer sich besonders an der darstellerischen Leistung von Anton Glanzelius erfreuen werden.
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