Inhalt / Kritik

Let Them All Talk

„Let Them All Talk“ // Deutschland-Start: 18. Oktober 2021 (Sky Ticket)

Eigentlich ist es eine große Ehre, den Footling Preis zu erhalten, eine von Autoren und Autorinnen verliehene literarische Auszeichnung. Dummerweise ist die Verleihung in London geplant, ein Flug kommt für die US-amerikanische Schriftstellerin Alice Hughes (Meryl Streep) jedoch nicht in Frage. Also überredet ihre Agentin Karen (Gemma Chan) sie dazu, stattdessen mit dem Kreuzfahrtschiff Queen Mary 2 nach England zu reisen. Nach einigem Zögern stimmt Alice zu, unter der Bedingung, dass ihre beiden Freundinnen Roberta (Candice Bergen) und Susan (Dianne Wiest), die sie seit ihrer Zeit an der Universität kennt, und ihr Neffe Tyler (Lucas Hedges) mit an Bord dürfen. Aber auch Karen reist mit, ohne das Wissen der Künstlerin. Schließlich erhofft sich die Agentin neue Informationen über das Buch, an dem Alice arbeitet und von dem sie niemandem erzählen will …

Einfach mal drauflos reden

Auch wenn es Regisseur Steven Soderbergh nicht sehr lange aushielt in seiner selbst auferlegten Frührente: Seit seiner Rückkehr ins Rampenlicht zeigt er immer wieder, dass er keine große Lust hat, sich an die Regeln des Hollywoodkinos zu halten. Den Paranoia-Thriller Unsane – Ausgeliefert etwa filmte er nur mithilfe eines iPhones und sorgte damit für interessante Verfremdungseffekte. In Let Them All Talk wiederum setzte er auf größtmögliche Authentizität, nutzte nur natürliches Licht, während er mit einem Rollstuhl und der Kamera durch die Gegend fuhr. Die Dialoge schließlich wurden größtenteils improvisiert, innerhalb des von Soderbergh und der Drehbuchautorin Deborah Eisenberg vorgegebenen Rahmens. Die grobe Geschichte stand zwar schon fest. Dem Ensemble wurden aber große Freiheiten zugestanden, wie es diese erzählen will und was es daraus macht.

Nun sind solche Improfilme manchmal eine zweischneidige Sache. Auf der einen Seite sind daraus entstandene Dialoge tatsächlich oft näher an der Realität und der Art und Weise, wie Menschen kommunizieren. Der Nachteil ist, dass die Geschichten dadurch gerne mal in der Banalität versumpfen, weil gar nicht die Zeit bleibt, sich etwas Interessantes zusammenzulegen. Bei Let Them All Talk lohnt sich die Herangehensweise jedoch. Die Gespräche des Quintetts haben oft etwas Beiläufiges, ergeben sich aus der Situation und dem Zusammenspiel. Gleichzeitig gibt es aber auch wiederkehrende Themen, die dem Ganzen zugrunde liegen und die immer wieder auftauchen. Eines davon ist, wie Roberta Alice vorwirft, diese habe ihren Bestseller-Roman ungefragt auf dem Leben Robertas basiert.

Blick in die Vergangenheit

Überhaupt dreht sich bei Let Them All Talk sehr viel um die Vergangenheit. Es geht um frühere Romane, frühere Beziehungen, frühere Verletzungen und Sorgen. Aber auch um Träume, die nie so richtig wahr geworden sind. Das liegt zum Teil natürlich auch daran, dass die drei Protagonistinnen jenseits der 70 sind. Da nimmt der Rückblick automatisch einen größeren Raum ein. Zum Ausgleich ist zwar noch Tyler dabei, der gerade dabei ist, Gefühle für Karen zu entwickeln und so etwas wie Aufbruchstimmung verbreitet. Doch auch bei ihm beginnt das Leben bereits Spuren zu hinterlassen. Die an und für sich entspannte Atmosphäre auf dem Kreuzfahrtschiff, auf dem alles nach außen hin ganz wunderbar ist, sie überdeckt nur notdürftig die traurigen Geschichten, die sich dort abspielen.

Dabei verzichten die Beteiligten auf das große Drama, welche bei solchen Geschichten um Aufarbeitung und Wiederannäherung oft Standard ist. Emotionale Momente gibt es in Let Them All Talk schon, etwa wenn Alice und Tyler sich über enttäuschte Liebe unterhalten oder Alice in einem Vortrag von ihren literarischen Inspirationen erzählt. Aber diese Momente sind ebenso zurückgenommen wie jene, in denen die Komik im Vordergrund steht. Amüsant sind beispielsweise Robertas Versuche, sich an Bord des Schiffes einen vermögenden Mann zu schnappen, um so ihrem wenig beglückenden Schicksal als Verkäuferin in einer Mall zu entkommen.

Geballtes Schauspieltalent

Deren Darstellerin ist dann auch so etwas wie der heimliche Star des Films. Zwar steht Meryl Streep wie erwartet im Mittelpunkt der Geschichte. Doch Candice Bergen (Book Club) hat einen derart starken Auftritt als vom Leben enttäuschte Seniorin, dass sie ihrer berühmten Kollegin immer wieder die Schau stiehlt. Wobei natürlich auch Letztere überzeugt, so wie alle hier. Tatsächlich ist Let Them All Talk vor allem als Demonstration geballten Schauspieltalents sehenswert. Die Art und Weise, wie sich die fünf hier gegenseitig die Bälle zuwerfen, mal gemeinsam antreten, mal konfrontativ, das ist schon sehr eindrucksvoll. Aufgrund der eher zurückgenommenen Erzählweise, welche auf den sonst üblichen Wohlfühlfaktor verzichtet, wird das der üblichen Zielgruppe für solche Filme eventuell zu wenig sein. Die Tragikomödie ist auch nicht so kathartisch, wie es diese Geschichten meist sein wollen. Aber es ist doch eine schöne Mischung aus Unterhaltung und Nachdenklichkeit, die Wesentliches anspricht, ohne dabei gleich den Holzhammer auspacken zu müssen.

Credits

OT: „Let Them All Talk“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Deborah Eisenberg
Musik: Thomas Newman
Kamera: Steven Soderbergh
Besetzung: Meryl Streep, Candice Bergen, Gemma Chan, Lucas Hedges, Dianne Wiest

Trailer

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Let Them All Talk
„Let Them All Talk“ nimmt uns mit auf ein Kreuzfahrtschiff, wo eine erfolgreiche Autorin und ihre besten Freundinnen über die Vergangenheit reden. Der teilimprovisierte Film hält dabei die Mischung aus Unterhaltung und Nachdenklichkeit, wenn wesentliche Themen angeschnitten werden. Die hervorragend besetzte Tragikomödie ist dabei jedoch immer recht zurückhaltend, verzichtet auf die üblichen Mechanismen solcher Geschichten.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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