Inhalt / Kritik

Corporate Accountability

„Corporate Accountability“ // Deutschland-Start: 13. Oktober 2021 (MUBI)

Politik und Wirtschaft sollten in einer gerechten Welt, in der Politiker vor allem die Interessen der Bürger im Blick haben, vornehmlich getrennt sein. Wenn man davon ausgeht, dass Firmen und Unternehmen als Teil der Gesellschaft fungieren, ist eine solche Trennung, zumindest bis zu einem gewissen Grad, durchaus wünschenswert. Jedoch ist die Realität in der Welt eine ganz andere, wenn alleine in Deutschland die Kooperation von Politik und Wirtschaft sehr eng ist, viele Politiker zusätzlich oder nach ihrer Amtszeit in Führungspositionen bei vielen Unternehmen fungieren oder sehr öffentlich mit Lobbyisten verhandeln oder deren Interessen vertreten. Auch dass Unternehmen die Wahlkampagnen von Politkern durch sehr großzügige Spenden mitfinanzieren, ist durchaus keine Fantasie, sondern ebenfalls Teil des Alltags in vielen Ländern und Kulturen geworden. Das ist ein Grund dafür, dass sich in vielen Nationen Unmut über die politische Elite breit macht und Menschen nach einem Wechsel verlangen, ohne dabei zu bedenken, dass die Rattenfänger, denen sie teilweise in die Arme laufen, ebenfalls bestimmte Interessen, von Firmen wie auch von Privatpersonen, vertreten. Besonders gefährlich wird das Verhältnis von Politik und Wirtschaft dann, wenn wir in jene Staaten blicken, in denen repressive Systeme vorherrschen.

In diese Grauzone wagte sich ein Bericht des Ministeriums für Justiz und Menschenrechte vor, welcher anhand von 25 Fallbeispielen zeigt, inwiefern nicht nur beide Seiten, Politik wie auch die Unternehmen, von einer Kooperation profitieren, sondern wie Unternehmen aktiv dabei mitmachen, wenn es um die Durchsetzung von Unterdrückung, Folter und teilweise sogar Mord geht. Dass eben jener Bericht sehr viel Zündstoff beinhaltet ist offensichtlich, sodass dieser von der argentinischen Regierung unter Verschluss gehalten wurde, auch wenn es zum einen online veröffentlicht wurde und in geringer Zirkulation veröffentlicht wurde. Der argentinische Regisseur Jonathan Perel, bekannt durch seine Dokumentationen Toponimia (2015) und 17 monumentos (2012), studierte den Bericht genau und befand, wie viele, dass dessen Inhalt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sein sollte, sodass darauf die Dokumentation Corporate Accountability entstand, die auf der Berlinale 2020 ihre Weltpremiere feierte und im Oktober 2021 exklusiv über den Streamingdienst MUBI zu sehen sein wird.

Der unverstellte Blick der Kamera

Entgegen vieler anderer Dokumentation zu ähnlichen Themen, wie beispielsweise Mark Achbars und Jennifer Abbotts The Corporation, zeichnet sich Perels Ansatz in Corporate Accountability durch seinen formalen Minimalismus aus. Anstatt auf Montagen oder Kamerafahrten zu setzen, filmt Perels Kamera die einzelnen Fabriken der Firmen, von denen einige südamerikanische Hersteller sind, aber unter denen sich auch Niederlassungen von Ford oder Mercedes-Benz finden, vom Fahrersitz eines Autos aus. Während eine lange, statische Einstellung das Geschehen rund um den Eingang einer Fabrik oder dem Wachhäuschen am Firmengelände festhält, liest Perel aus eben jenem Bericht vor. So entsteht eine Art Visualisierung des Berichts mit wenigen Mitteln, doch eben durch das Einfangen der normalen, monotonen Fassade einer Fabrik oder eines Firmengeländes entsteht ein gewaltiger Kontrast zum Vorgelesenen, das von Folter, Mord und anderen Repressalien spricht.

In seinem Regiekommentar, der auf MUBI einsehbar ist, erklärt Perel, dass es ihm darum ging, seine eigenen Mechanismen dem Zuschauer deutlich aufzuzeigen, eine Transparenz zu erzeugen. Die Tarnung oder Kaschierung von Mechanismen, audiovisueller oder erzählerischer Art, sei, ähnlich wie die Verschleierung ihrer Taten und Aktionen seitens der Firmen, eine zutiefst kapitalistische Methode, was er in jedem Fall vermeiden wollte. Der Ansatz an sich ist durchaus durchdacht und folgt einer gewissen Logik, auch wenn sich spätestens nach dem fünften oder sechsten Fallbeispiel Monotonie sowie Redundanzen einstellen. Andererseits ist Corporate Accountability bei einer Laufzeit von 68 Minuten kein Film, der seine Methode überreizt, was der Wichtigkeit des Gesagten geschadet hätte.

Credits

OT: „Corporate Accountability“
Land: Argentinien
Jahr: 2020
Regie: Jonathan Perel
Drehbuch: Jonathan Perel
Kamera: Jonathan Perel

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2020

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Corporate Accountability
„Corporate Accountability“ ist ein wichtiger Film über die Verbindung zwischen Politik und Unternehmen, besonders in repressiven, autoritären Systemen. Auch wenn Jonathan Perels Ansatz seine Grenzen hat, hat der Inhalt seiner Dokumentation sehr viel Gewicht und wird hoffentlich viele Zuschauer zum Nachdenken anregen.
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