Thomas Robsahm ist ein norwegischer Filmproduzent und Regisseur. Er ist der Sohn des italienischen Schauspielers Ugo Tognazzi und der norwegischen Schauspielerin Margarete Robsahm. Als Produzent ist er besonders wegen seiner Kollaboration mit Regisseur Joachim Trier, Louder Than Bombs (2015) und Thelma (2017) bekannt. Robsahm führte bei einer Vielzahl von Kurzfilmen, Dokumentationen und TV-Serien Regie. In seinen Dokumentationen wie Moderne slaveri (2009) oder Punx (2015), einer Mini-Serie über Punk-Musik in Skandinavien, bewies er sein Interesse an aktuellen Themen wie auch der Kultur seiner Heimat, insbesondere der Musik. Für seinen ersten Spielfilm S. O. S. (1999) erhielt er den Amanda Award auf dem Internationalen Norwegischen Filmfestival.

In seiner Dokumentation a-ha – The Movie gelang es Robsahm, die international bekannte norwegische Band a-ha zu überzeugen, in ausführlichen Gesprächen über ihre Karriere, ihre nicht immer konfliktfreie Zusammenarbeit und ihr Selbstverständnis als Künstler zu sprechen. Der Film, welcher auf dem Filmfest München 2021 seine Europapremiere feierte, vermischt dabei Fotos und Archivaufnahmen der Band und zeigt deren Werdegang bis in die Neuzeit.

Im Interview zum Kinostart am 14. September 2021 sprechen wir mit Thomas Robsahm über sein Bild der Band, sein Lieblingsalbum von a-ha sowie Segen und Fluch eines Welthits wie Take On Me.

Relativ am Ende der Dokumentation sagt eines der Bandmitglieder, dass man eins auf jeden Fall über a-ha sagen könne, nämlich, dass sie keine „normale Band“ seien. Was macht a-ha deiner Meinung nach so anders oder besonders?

Auf der einen Seite sind sie besonders, weil sie die einzige norwegische Band sind, die weltweit bekannt ist und die so viele international erfolgreiche Songs produzierte. Dieses Potenzial steckt bereits in den ersten Aufnahmen und man hört es bis heute. Doch dann gibt es noch die andere Seite, denn dieses Potenzial, von dem ich sprach, haben sie noch nie wirklich voll ausgenutzt, nur angekratzt. Das liegt vor allem daran, dass sie schlecht miteinander arbeiten können und jedes Album immer auch ein Kampf ist.

Wir haben also drei der wohl talentiertesten Musiker Norwegens, aber ihr Dilemma ist, dass nicht gut miteinander arbeiten können. Meiner Meinung nach könnten sie noch viel bessere Alben produzieren, als sie es ohnehin schon tun. Speziell nach dem Comeback in den frühen 2000er Jahren waren die Alben der Band mehr oder weniger Kompromisse gewesen, entstanden nach einer langen Zeit der Streitigkeiten. Indem es allen recht gemacht wurde, waren zwar alle Mitglieder irgendwie zufrieden, aber diese Art der Arbeitsweise hindert sie daran, wirklich große Musik zu produzieren. Vor allem in den letzten 20 Jahren.

Aus Neugier würde ich dennoch fragen, ob du einen Favoriten unter den Alben der Band hast?

Das ist schwierig, denn ich bin, wie die Frau Morten Harkets [dem Sänger der Band] der Meinung, dass a-ha noch nicht ihr bestes Album vorgelegt haben, auch wenn es fraglich ist, ob wir das je in den Händen halten oder hören werden. Von den bisher veröffentlichten Alben finden natürlich viele Scoundrel Days besonders gut, wobei ich die erste Seite der LP wirklich toll finde. Doch ich schätze auch ihr erstes Rockalbum East of the Sun, West of the Moon. Später in meinem Leben habe ich angefangen, mich sehr für ihr Album Memorial Beach zu begeistern sowie für ihr Comeback-Album Minor Earth Major Sky.

Wenn man sich aber ihr erstes Album Hunting High and Low anhört, dann ist es eine Sammlung ihrer wahrscheinlich größten Hits, angefangen bei Hunting High and Low, The Sun Always Shines On T.V. und natürlich Take On Me.

Um ehrlich zu sein, habe ich keinen Favoriten, denn irgendwie mag ich sie alle, auch wenn nicht alle Songs von jedem Album immer gut sind.

Ich habe mich gefragt, wie du es geschafft hast drei Menschen, die so große Probleme haben, zusammenzuarbeiten, für deine Idee zu der Dokumentation zu begeistern. Wie haben sie denn reagiert, als sie von deinem Vorhaben zum ersten Mal hörten?

Überraschenderweise sehr positiv, obwohl ihr Management mir zunächst wenig Hoffnung machte. Doch dann haben sie sehr schnell meine Mail beantwortet und ihre Bereitschaft bekundet, an dem Projekt teilzuhaben, was ihren Manager noch mehr erstaunte als mich. Das einzige, was die Band anmerkte, war, dass sie sich während des Drehs fragten, wie oft ich sie noch bei den immer gleichen Abläufen, vom Gang auf die Bühne bis hin zum Aufnehmen im Studio, denn filmen wollte. In ihren Augen war dies sehr repetitiv, doch so macht man nun einmal Dokumentation: Man wartet darauf, dass etwas passiert und filmt es dann.

Das einzige, was ich kritisieren würde, wenn man das so sagen kann, ist, dass ich den Film mit der Intention begann, die Band dabei zu filmen, wie sie neue Musik aufnimmt. Da das aber nie geschehen ist, habe ich die Dokumentation, die ich eigentlich drehen wollte, nie gemacht.

Trotz allem denke ich, dass es an der Zeit war, einen Film über a-ha zu drehen.

aha The Movie

Auf den Spuren einer Erfolgsband: „aha – The Movie“ (© Salzgeber & Co. Medien)

Die Karriere der Band begann gleich mit ihrem größten Hit Take On Me. Findest du, dass es ein Segen oder ein Fluch ist, so einen Song zu machen?

Die Bandmitglieder würden bestimmt sagen, dass es beides ist. Es ist ein Segen, weil es ein Nummer-Eins-Hit wurde und sie bekannt machte in der ganzen Welt, jedoch glaube, dass insbesondere Pål [Waaktar-Savoy, Gitarrist der Band] lieber einen etwas langsameren Aufstieg gehabt hätte. Letztlich wird die Band immer mit diesem einen Song in Verbindung gebracht und alles, was danach kommt, geht irgendwie unter.

Das ist schwierig zu beantworten, denn der Song und der damit verbundene Ruhm haben ihnen viel ermöglicht, doch es hätte auch sein können, dass ein langsamerer Aufstieg sie vielleicht als Künstler und als Band glaubhafter gemacht hätte in den Augen vieler. Meiner Meinung nach aber ist der Song mehr ein Segen.

Was hast du über a-ha herausgefunden während deiner Arbeit, was du vorher nicht gewusst hast oder was dich überrascht hat?

Mich hat überrascht, dass sie so nett sind, zu mir und meinem Team, aber auch zu ihren Fans. Die Dokumentation begann ich auch mit der Absicht, sie als Band, aber auch als Individuen besser kennenzulernen. Durch die Einzelgespräche ist viel angesprochen worden, was vielleicht für Fans der Band keine Überraschung ist, aber nun deutlich klarer besprochen wird.

Eine Überraschung für mich war zu erkennen, wie der Song Foot of the Mountain entstanden ist und was dessen Hintergrund darüber aussagt, wie die Band heutzutage arbeitet und welche Missstimmung hinter den Kulissen herrscht.

Es hat mir die Augen geöffnet, als ich erkannte und erfuhr, wie wenig zufrieden diese drei Musiker mit ihrer Karriere sind und wie jeder von ihnen eigentlich denkt, dass die anderen beiden Bandmitglieder mehr zu sagen haben. Morten denkt, die anderen beiden wüssten nicht, wie schwierig und anstrengend es für ihn und seine Stimme ist, diese Songs zu singen, besonders auf einer Tournee. Magne [Furuholmen, Keyboarder der Band] denkt, dass besonders Pål ihm nicht den gebührenden Respekt zollt für seine Beiträge zu den Songs. Und schließlich meint Pål, dass die anderen beiden ihn davon abhalten, mehr Musik zu machen. Das alles zu hören, fand ich erstaunlich, denn es zeigte, wie tief verwurzelt diese Fehden und Meinungsverschiedenheiten sind und wie sie die Band von ihrer wahren Größe abhalten.

Hat die Band eigentlich schon den fertigen Film gesehen? Wenn ja, wie war ihre Reaktion?

Den Film habe ich zusammen mit Magnes Familie geschaut. Sie alle mochten ihn sehr, besonders Magne, der vergessen hatte, dass er sich viele Male selbst aufgenommen hatte, als er noch jünger war und diese Aufnahmen nun in der Dokumentation sah.

Morten mag sich nicht selbst sehen und hören, weshalb er anderen sagte, sie sollen den Film schauen. Irgendwas, was man ihm über die Dokumentation mitteilte, muss seine Meinung wohl geändert haben, denn eines Tages kam er auf mich zu und fragte, ob er den Film sehen dürfe. Das machte mich sehr nervös, aber auch er war sehr angetan von a-ha – The Movie.

Einzig Pål war nicht sonderlich begeistert, was aber wenig mit dem Film an sich zu tun hat, sondern mit dem Problem, über das ich eben gesprochen habe. Er denkt, dass die anderen Bandmitglieder ihm im Weg stehen, Musik zu machen und letztlich seien es die Songs, an die sich die Menschen erinnern, und weniger die kleinen Streitereien. Seiner Meinung nach stehen diese aber im Fokus von a-ha – The Movie.

Generell finde ich, dass, wenn ich einen Film über eine Person oder eine Personengruppe mache, diese auch die Möglichkeit haben sollten, sich das fertige Produkt anzusehen und mir eine Rückmeldung zu geben, ob sie zufrieden sind oder mit etwas gar nicht einverstanden sind. Als ich beispielsweise Punx drehte, verwendete ich im fertigen Film ein Foto einer Frau, die kurz nachdem dieses Bild aufgenommen worden war, sich selbst umbrachte. Ich wusste davon nichts, und als man mir mitteilte, ich solle auf das Foto verzichten aus Respekt vor den Eltern und Hinterbliebenen, habe ich dies sofort getan.

Im Falle von a-ha – The Movie hätte ich dies natürlich auch getan. Aber letztlich wollten sie alle, dass der Film so bleibt, wie er ist. Im Gegenteil, sie wollten alle mehr von sich in der Dokumentation und wohl eher Aufnahmen von den anderen herausnehmen. (lacht) Aber das mache ich nicht.

Vielleicht ist es ihnen peinlich, sich in diesem Licht zu sehen, so kindisch teilweise. Vielleicht haben sie sich damit abgefunden und akzeptiert, dass dies nun einmal sie sind und damit auch a-ha die Band. Alle drei von ihnen sind starke Persönlichkeiten, die alle ein Ziel verfolgen, was manchmal zu Konflikten führt. Doch ohne dieses Selbstbewusstsein wären sie heute nicht da, wo sie jetzt sind, musikalisch wie persönlich.

In meinen Augen ist a-ha eine der wohl unterbewertesten Bands, die es gibt auf der Welt. Sie haben viele tolle Songs gemacht, aber leider nicht dieses eine Album, bei dem sich alle einig sind, dass es zu jenem Kanon der besten Alben der Musikgeschichte gehört. Das hat mit ihren internen Streitigkeiten zu tun, und vielleicht auch damit, dass sie aus Norwegen kommen, denn wären sie aus England, wäre es wohl einfacher für sie.

Wie hoch stehen denn die Chance, dass wir dieses Album je hören werden?

Wenn sie sich zusammentun und willens sind, sich etwas zu ändern in ihrer Herangehensweise an die Arbeit und wie sie miteinander umgehen, kann es klappen. Ihr Unplugged-Konzert ist ein gutes Beispiel dafür, dass es gehen kann, weil die Band in diesem Falle zusammen stand gegen einen Produzenten, der nicht an das Projekt glaubte.

Wenn sie einfach die Songs aufnehmen würden, ohne lange über diese zu diskutieren, kann es funktionieren. Dann muss es aber immer noch einen Produzenten geben, der die Songs dann schließlich aussucht, was schwierig werden könnte.

Letztlich werden sie auf jeden Fall weiter Musik machen, auch wenn Magne dies anders sieht. Vielleicht finden sie einen cleveren Weg, diese Probleme zu lösen, denn irgendwas muss passieren. Dessen ist sich die Band sicher, ihre Manager und ich.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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