Inhalt / Kritik

L’Argent de poche Taschengeld

„Taschengeld“ // Deutschland-Start: 20. Juni 1977 (Kino) // 13. März 2009 (DVD)

Ein Sommer in den 1970ern: Das Schuljahr nähert sich langsam seinem Ende, die Jungen und Mädchen schmieden erste Pläne, was sie mit der freien Zeit anfangen sollen. Aber erst heißt es, irgendwie mit dem Alltag fertig zu werden. So will Sylvie (Sylvie Grezel) beim geplanten Restaurantbesuch partout nicht auf ihre nicht mehr wirklich vorzeigbare Lieblingstasche verzichten, weshalb sie sich erfinderisch zeigen muss bei der Suche nach Essen. Julien (Philippe Goldman) hat da ganz andere Sorgen, wächst er doch in ziemlich prekären Verhältnissen auf, was er irgendwie zu verstecken versucht. Auch Patrick (Geory Desmouceaux) hat seine kleinen Geheimnisse, da er in die Mutter eines Freundes verliebt ist und weiß nicht so recht, wie er es ihr sagen soll …

Der vergessene Blick auf die Kindheit

Trotz seines frühen Todes mit 52 hat der französische Regisseur François Truffaut eine beeindruckende Filmografie hinterlassen, die sich über die unterschiedlichsten Genres hinwegzieht. Ob nun der Liebesfilm Jules und Jim, die düstere Dystopie Fahrenheit 451 oder das Drama Die letzte Metro, da sind zahlreiche große Klassiker dabei. Etwas in Vergessenheit geraten ist hingegen Taschengeld aus dem Jahr 1976. Zwar war der Film seinerzeit ein großer Erfolg, in Frankreich sogar einer der erfolgsreichsten Truffauts. Er war auch für mehrere bedeutende Preise im Rennen. Und doch stand er immer im Schatten vieler anderer Werke, die der Regisseur im Laufe seiner Karriere gedreht hat.

Ein Grund dafür dürfte sein, dass Truffaut hier keine wirkliche Geschichte erzählt. Vielmehr gleicht Taschengeld einer Momentaufnahme aus dem Leben eines Haufens von Kindern. Darunter findet sich niemand, der wirklich als Hauptfigur durchgehen würde. Zwar fällt Julien ein wenig mehr auf, weil er neu an der Schule ist und solche Neuzugänge sich immer anbieten, um als Identifikationsfigur des Publikums die Gegend zu erkunden. Tatsächlich im Mittelpunkt steht er aber nur selten. Stattdessen wechselt Truffaut alle paar Minuten den Schauplatz und die Figuren. Der einzige gemeinsame Nenner ist, dass er dabei vor allem die Kinder im Blick hat, selbst wenn Erwachsene drumherum stehen.

Kindliche Szenen, erwachsene Nostalgie

Ein tatsächlicher Kinderfilm ist Taschengeld jedoch nicht. Zwar erzählt Truffaut sehr einfühlsam von der Erfahrungswelt seiner jungen Protagonisten und Protagonistinnen. Da geht es mal um die erste Liebe und durch die Pubertät verursachten Hormonregungen. Aber auch die Suche nach Anerkennung spielt eine Rolle. Außerdem sind da komische Szenen dabei, an denen sich auch Kinder erfreuen könnten. Wenn etwa Sylvie auf ganz eigene Weise den Rest der Welt an ihrem Schicksal teilhaben lässt, dann ist das für Groß und Klein ein enormer Spaß. Mit Einschränkungen gilt das auch für eine halsbrecherische Szene, die sich um eine mehr oder weniger entlaufene Katze dreht.

Doch auch wenn da ein paar passende Szenen dabei sind und der Film deutlich unschuldiger und freundlicher ist als Truffauts großer Jugendfilm Sie küssten und sie schlugen ihn: Taschengeld richtet sich dann doch mehr an Erwachsene, die mithilfe der Tragikomödie noch einmal selbst Kind sein möchten. Die zum Teil autobiografisch gefärbten und über Jahre entstandenen Geschichten fangen die Stimmung eines Sommers ein, der einerseits unendlich erscheint, dabei gleichzeitig aber ein natürliches Verfallsdatum hat. Wenn wir hier mit den Kindern um die Häuser ziehen, uns in Kinos schleichen oder aus der Ferne jemanden anhimmeln, dann ist das trotz des damals zeitgenössischen Settings nostalgisch gefärbt, ein bisschen sehnsüchtig. Idealisiert auch, wenn hier noch einmal in den goldenen Tagen geschwelgt wird, an die wir uns erinnern und dabei den Rest ausblenden.

Das Hässliche hinter der Idylle

Das soll nicht bedeuten, dass Truffaut eine rein idealisierte Fassung der Kindheit aufzeigt. Gerade der Handlungsstrang um Julien zeigt, wie hässlich und brutal und tragisch das Leben sein kann. Dabei schlachtet Taschengeld dieses Thema nicht aus, sondern begegnet ihm mit dem gleichen Respekt und der Unaufgeregtheit, die sich bei den einfacheren Momenten zeigte. Es ist vielmehr ein Teil eines großen Mosaiks, welches Kindheit und Aufwachsen in einer kleinen Stadt in den 70ern illustriert. Zum Teil würde dieses heute natürlich anders aussehen als seinerzeit. Und doch finden sich 45 Jahre später viele Momente, Reaktionen oder Verhaltensweisen, die einem sehr vertraut sind und von einer zeitlosen Natur sind. Momente, die einem gerade deswegen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, weil man das Gefühl hat, selbst Teil des Geschehens zu sein, mit den Jungs und Mädels herumzustreuen, zu träumen und die Erwachsenen zur Weißglut zu treiben.

Credits

OT: „L’Argent de poche“
Land: Frankreich
Jahr: 1976
Regie: François Truffaut
Drehbuch: François Truffaut
Musik: Maurice Jaubert
Kamera: Pierre-William Glenn
Besetzung: Jean-François Stévenin, Virginie Thévenet, Nicole Félix, Chantal Mercier, Tania Torrens, Geory Desmouceaux, Philippe Goldman, Franck Deluca, Claudio Deluca, Laurent Devlaeminck, Sylvie Grezel

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Berlinale 1976 Goldener Bär Nominierung
Golden Globes 1977 Bester fremdsprachiger Film Nominierung

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Taschengeld
„Taschengeld“ ist eine episodenhaft erzählte Tragikomödie um eine Reihe von Kindern in einer französischen Kleinstadt in den 70ern. Dabei wechseln sich Momente der Unschuld mit sehr hässlichen ab, wenn François Truffaut die verschiedenen Seiten eines solchen Lebens beleuchtet. Auch wenn der Film keine wirkliche Geschichte hat, so ist er doch sehenswert in seiner gleichzeitig nostalgisch gefärbten und doch zeitlosen Betrachtung eines Sommers.
8von 10
Leserwertung: (1 Judge)
8.3

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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