Inhalt / Kritik

Hamilton Undercover in Stockholm Staffel 1

„Hamilton: Undercover in Stockholm“ // Deutschland-Start: 16. August 2021 (ZDF) // 10. September 2021 (DVD/Blu-ray)

Nach seiner Ausbildung bei der Eliteeinheit Navy Seals in den USA wird der Schwede Carl Hamilton (Jakob Oftebro) von der CIA angeworben. Sein erster Auftrag führt ihn dabei in seine Heimat: Bei den Feierlichkeiten um den 1. Mai soll er einen geplanten Anschlag auf die Innenministerin verhindern. Doch der Einsatz misslingt, bei der Explosion wird der Pressereferent schwer verletzt. Die Suche nach Antworten führt Hamilton zunächst in den Nahen Osten und anschließend zum schwedischen Nachrichtendienst Säpo, wo er mit Kristin Ek (Nina Zanjani) zusammenarbeitet. Dabei ahnt sie nicht, dass der Neue tatsächlich im Auftrag des US-amerikanischen Geheimdienstes unterwegs ist. Und auch andere Organisationen sind in dem Fall verwickelt, wie sich bald herausstellen wird …

Ein Geheimagent mit langer Vorgschichte

Was den Briten ihr James Bond ist, das ist für die Schweden Carl Hamilton. Seit seinem Debüt 1986 trat der schwedische Geheimagent in zwölf Romanen auf. Zusätzlich wurden die Bücher von Jan Guillou mehrere Male fürs Kino oder fürs Fernsehen adaptiert. Die bekanntesten Darsteller waren dabei sicherlich Stellan Skarsgård und Peter Stormare. Nun gibt es mit Hamilton: Undercover in Stockholm einen erneuten Anlauf, die beliebten Werke für ein heutiges Publikum aufzubereiten. Dabei geht die zunächst im ZDF ausgestrahlte Spionage-Serie durchaus eigene Wege, anstatt einfach nur die vorangegangenen Titel zu wiederholen. Das fängt schon mit der Besetzung an: Hauptdarsteller Jakob Oftebro ist nicht nur eigentlich Norweger, sondern auch um einiges jünger als die Kollegen, in dessen Fußstapfen er hier tritt.

Tatsächlich ist Hamilton: Undercover in Stockholm als eine Art Prequel konzipiert. Vergleichbar zu Der junge Wallander lernen wir hier einen späteren Helden in seinen Anfangstagen kennen, als vieles noch nicht so wirklich ausgereift ist. Hamilton mag ein Ass im Wasser sein – was inhaltlich aber nie genutzt wird –, er zeigt auch früh sein Geschick als Kämpfer, von seinen Sprachfertigkeiten ganz zu schweigen. Gleichzeitig stößt er immer wieder an seine Grenzen, beruflich wie privat. So zeigt er sich von den politischen Fallstricken, die seine Arbeit mit sich bringt, ein wenig überfordert. Als naiv wird irgendwann sein Unvermögen bezeichnet, die vielen doppelten Böden zu erahnen, die in seinem Umfeld platziert sind. Und dann wäre da noch die Frage: Kann man als Geheimagent überhaupt eine Beziehung eingehen, wenn man dieser nie verraten darf, was man tut?

Wer ist gut, wer ist böse?

Dieser stärker menschliche Ansatz ist eine sehenswerte Alternative zu den üblichen Agentengeschichten, bei denen die Helden schon so abgebrüht sind, dass ihnen alles gelingt. Hamilton darf Fehler machen, ohne dadurch gleich wie ein Idiot auszusehen. Und auch in anderer Hinsicht versucht Hamilton: Undercover in Stockholm, den alten Stoff zu modernisieren. Waren Guillous Romane noch vom Geist des Kalten Krieges beeinflusst, ist das 2021 nur noch schwer zu vermitteln. Da braucht es schon andere Feindbilder. Modernisierung heißt hier also nicht nur, dass alle mit Smartphones rumlaufen und fleißig Leute und Einrichtungen gehackt wird, sondern auch, dass man gar nicht so genau weiß, wer hier eigentlich die Guten und wer die Bösen sind.

Das hat Elemente des Verschwörungsthrillers, wenn nicht nur Hamilton irgendwann anfangen muss alles zu hinterfragen. Als Zuschauer und Zuschauerin geht es einem nicht anders. Zwar erhält das Publikum Informationen, über die der Agent nicht verfügt, hat also mehrfach einen Wissensvorsprung. Wenn aber Geheimdienste mehrerer Länder, Polizei, Militär und Terroristen miteinander in ein und dieselbe Geschichte verwickelt werden, darf man gerade in der ersten Hälfte ein wenig verwirrt auf den Bildschirm schauen. Wie hängen diese Leute zusammen? Und wer macht was aus welchem Grund? Hamilton: Undercover in Stockholm hat da schon ein schön undurchsichtiges Netz aus Intrigen und Verrat gespannt, das erst mit der Zeit die verborgenen Stellen freigibt.

Temporeich und sympathisch besetzt

Während der Plot also schon recht komplex ist, sind die Figuren überwiegend einfach gezeichnet. Man merkt Hamilton: Undercover in Stockholm schon an, dass die Serie ganz auf die Hauptfigur zugeschnitten ist. Kristin darf noch Probleme in der Familie haben. Das war es aber schon. Statt auf charakterliche Tiefe setzt die Serie lieber auf Tempo und Wendungen. Das ist durchaus spannend, scheut sich zudem nicht davor zurück, ein paar heißere Themen anzupacken, darunter die Skrupellosigkeit von Demokratien, zur eigenen Bereicherung über Leichen zu gehen. Da die Hauptfigur mit Jakob Oftebro (Kon-Tiki, The Last King – Der Erbe des Königs) sympathisch besetzt ist, dürfen Fans von Spionagegeschichten und Verschwörungsthrillern auch bei der Neuinterpretation des Klassikers einschalten und mitfiebern.

Credits

OT: „Hamilton“
Land: Schweden
Jahr: 2020
Regie: Erik Leijonborg, Lisa Farzaneh, Per Hanefjord
Drehbuch: Petter S. Rosenlund, Martin Bengtsson, Julia Thelin, Pia Gradvall, Gunnar Nilsson, Tommy Håkansson, Per Hanefjord
Vorlage: Jan Guillou
Musik: Adam Nordén
Kamera: Calle Persson, Johan Philips
Besetzung: Jakob Oftebro, Nina Zanjani, Krister Henriksson, Rowena King, Peter Andersson, Suzanne Reuter, Thomas Hanzon, Annika Hallin

Bilder

Trailer

Interview

Wie war das für ihn, die Rolle des Geheimagenten zu übernehmen? Und gibt es heute überhaupt noch Platz für Helden? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Jakob Oftebro in unserem Interview zu Hamilton: Undercover in Stockholm gestellt.

Jakob Oftebro [Interview]

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3.8/5 - (22 votes)
Hamilton: Undercover in Stockholm – Staffel 1
„Hamilton: Undercover in Stockholm“ verpasst dem beliebten schwedischen Geheimagenten in mehrfacher Hinsicht eine Frischzellenkur. Zum einen wird er hier als Anfänger gezeigt, der auch schon mal Fehler machen darf. Hinzu kommt, dass die mit Elementen des Verschwörungsthriller arbeitende Serie die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt, wenn mehrere Geheimdienste und andere Organisationen in einen einzigen Fall verwickelt sind.
7von 10
Leserwertung: (77 Votes)
3.2

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

5 Responses

  1. Blaetter-Lührs

    VORSICHT SPOILER!

    Die Serie hat echtes Suchtpotenzial und ich gestehe: ich hab alle 10 Folgen durch, aber habe die Auflösung nicht verstanden! Haig vom CIA arbeitet für Pence, der den Schweden Datenschutz verkaufen will, darum die Anschläge. Aber am Ende lässt sie Pence erschießen (im Auftrag der Russen) – warum? Und warum hält sie trotzdem an den Anschlagsplänen fest?
    Über mögliche Erklärung en würde ich mich sehr freuen:-)

    Antworten
  2. Matthias

    Man will die Spuren verwischen, wer die Drahtzieher waren; es droht ja alles aufzufliegen. Alle Beteiligten, die irgendwie was über die echten Hintergründe wissen oder ahnen, „müssen gehen“ … 🙂

    „Hamilton“ ist schon noch spannend, hat zwar keine Kinoqualität, aber wird sicherlich einen größeren Anteil von anderen TV-Krimiserien hinter sich lassen. Ich selber vertrete die Auffassung, daß der „Hamilton“-Darsteller ja regional beliebt sein kann, aber man für die internationale Ausstrahlung lieber jemand anders hätte nehmen sollen. Das kommt in der obigen Rezension nicht so heraus, im Gegenteil. Außerdem meine ich, daß nicht nur dadurch (d.h. die weniger glückliche „Hamilton“-Besetzung) die Rolle „Kristin Ek“ subjektiv empfunden die eigentliche Hauptrolle ist.

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