Inhalt / Kritik

Der Hochzeitsschneider von Athen Tailor

„Der Hochzeitsschneider von Athen“ // Deutschland-Start: 26. August 2021 (Kino)

Mit Herrenkleidung kennt sich Nikos (Dimitris Imellos) bestens aus. Schließlich ist er wie sein Vater Schneider geworden und setzt stolz dessen Tradition fort. Und doch finden immer weniger Leute ihren Weg in den Laden des Griechen. Kaum einer hat noch das notwendige Interesse an einem maßgeschneiderten Anzug – oder das dafür notwendige Geld. Aber wenn die Kunden nicht zu ihm kommen, dann kommt er eben zu den Kunden. So zumindest sein Gedankengang, als er sich einen fahrbaren Stand zusammenbaut und damit auf dem Markt für seine Künste wirbt. Während jedoch auch dort die Resonanz bescheiden ausfällt, realisiert er, dass ein anderes Textilprodukt umso gefragter ist: Brautkleider. Erfahrungen hiermit hat Nikos keine. Zunächst sträubt er sich auch dagegen. Und doch findet er bald darin eine neue Berufung, woran seine ihm hilfreich zur Seite stehende Nachbarin Olga (Tamila Koulieva) einen größeren Anteil hat …

Die Anforderungen einer sich verändernden Welt

Die letzten Jahre haben viele Menschen dazu gezwungen, sich beruflich noch einmal neu zu orientieren. Als würde die Globalisierung nicht schon zu massiven Verschiebungen führen, bei denen nicht wenige auf der Strecke bleiben, kommen noch eine Reihe anderer Faktoren hinzu. So raubte etwa Finanzkrise vielen die Grundlage. Die Coronapandemie führte zu einem faktischen Berufsverbot in vielen Branchen. Aber auch ein Gesinnungswandel innerhalb der Gesellschaft kann dazu führen, dass altehrwürdige Berufe vor dem Kollaps stehen – siehe etwa der klassische Journalismus oder das traditionelle Handwerk. Die Menschen sehen darin einfach nicht mehr den Wert von früher, wollen hierfür kein oder nur wenig Geld ausgeben. Wozu etwas bezahlen, das ich auch billig oder gar umsonst bekommen kann?

Der Hochzeitsschneider von Athen erzählt von einem solchen Beruf, für den es in der heutigen Welt keinen Platz mehr zu geben scheint. Maßgeschneiderte Herrenanzüge mögen deutlich länger halten und hochwertiger sein als der Massenramsch vom Discounter. Im Zweifel entscheidet dann aber doch die Zahl auf dem Preisschild, gerade auch in einer Wegwerfgesellschaft. Das ist eigentlich Stoff für ein Sozialdrama à la Ken Loach, der in Filmen wie Sorry We Missed You von dem Überlebenskampf abgehängter Menschen erzählt. Regisseurin und Co-Autorin Sonia Liza Kenterman mag es jedoch ein wenig leichter und hoffnungsvoller. Sie betrauert in ihrem Kinodebüt nicht das Ende einer Ära, sondern sieht vor allem die Möglichkeiten eines Neuanfangs.

Aller Anfang ist komisch

Besonders zu Beginn setzt sie dabei auf humorvolle Kontraste. Wenn Nikos in seinem strengen Schneiderladen sitzt oder später mit den Stoffen hausieren geht, dann wirkt er auf eine charmante Weise aus der Zeit gefallen. Ein bisschen Culture Clash, nur innerhalb desselben Viertels. Und auch später lässt Kenterman in Der Hochzeitsschneider von Athen zwei unterschiedliche Welten aufeinanderprallen, wenn die Herrenanzüge den Brautkleidern weichen müssen. Was vor ganz ordentlich und streng war, durch und durch seriös, wird zunehmend verspielt und bunt. Mit den ungewohnten Stoffen findet auch eine Lebensfreude Einzug in den Alltag des stolzen Handwerkers, die er so nicht kannte und erst noch lernen muss zuzulassen.

Das ist schön anzusehen und sympathisch. Der Hochzeitsschneider von Athen ist einerseits ein Wohlfühlfilm, welcher die Stimmung des Publikum heben möchte. Gleichzeitig verzichtet Kenterman auf die sonst in diesem Bereich üblichen Manipulationen. Stattdessen ist ihre Tragikomödie ein angenehm zurückhaltender Film, der optimistisch stimmt, ohne dafür die üblichen Kalendersprüche zu brauchen. Ihr reicht es, wenn Nikos nach diversen Fehlschlägen doch erste Erfolge feiert und wieder eine Perspektive findet, wie es denn in seinem Leben weitergehen könnte. Dass da viel learning by doing dabei ist, liegt in der Natur der Sache. Wie immer eben, wenn man eine neue Welt erkundet und nicht genau weiß, wie diese funktioniert.

Optimismus statt Tiefgang

An manchen Stellen wäre mehr Tiefgang vielleicht nicht verkehrt gewesen. Die Fragen nach einer sich verändernden Gesellschaft geraten nach dem Einstieg zunehmend in Vergessenheit. Außerdem hat die Erfolgsgeschichte von Nikos schon etwas ziemlich Idealisierendes an sich, was dem grundlegenden Problem nicht gerecht wird. Es kann nicht jeder das Glück haben, durch einen erzwungenen Wechsel tatsächlich zu einem Sieger zu werden. Wer aber gar nicht den Anspruch hat, durch Der Hochzeitsschneider von Athen wirklich neue Einblicke zu erhalten, sondern sich lieber ein wenig verzaubern und unterhalten lassen möchte, der ist hier schon an einer guten Adresse. Auch wenn das mit den Lösungsansätzen hier so eine Sache ist, gelingt es dem Film doch, eine leise Aufbruchsstimmung und Optimismus zu verbreiten. Und wer will sich darüber schon ernsthaft beklagen?

Credits

OT: „Raftis“
IT: „Tailor“
Land: Deutschland, Griechenland
Jahr: 2020
Regie: Sonia Liza Kenterman
Drehbuch: Sonia Liza Kenterman, Tracy Sunderland
Musik: Nikos Kypourgos
Kamera: George Michelis
Besetzung: Dimitris Imellos, Tamila Koulieva, Thanasis Papageorgiou, Stathis Stamoulakatos, Dafni Michopoulou

Bilder

Trailer

Interview

Warum wollte sie unbedingt die Geschichte eines kriselnden Schneiders erzählen? Und wie repräsentativ ist dies für die Entwicklung unserer Gesellschaft? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseurin Sonia Liza Kenterman in unserem Interview zu Der Hochzeitsschneider von Athen gestellt.

Sonia Liza Kenterman [Interview]

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Der Hochzeitsschneider von Athen
„Der Hochzeitsschneider von Athen“ zeigt anhand eines Schneiders, der seine Anzüge nicht mehr los wird, wie ein Ende gleichzeitig ein Anfang sein kann. Die zurückhaltend erzählte Tragikomödie mag vielleicht nicht wahnsinnig tiefgängig sein, gefällt aber durch Humor und eine wohltuend optimistische und lebensbejahende Grundstimmung.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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