In ihrem Debütfilm Der Hochzeitsschneider von Athen erzählt Sonia Liza Kenterman die Geschichte des Schneiders Nikos (Dimitris Imellos), dessen Laden für maßgeschneiderte Herrenanzüge immer weiter in die Krise rutscht. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen wird er irgendwann auf die Idee gebracht, stattdessen Hochzeitskleider anzufertigen. Erst eher skeptisch bis widerwillig findet er mit der Zeit tatsächlich Gefallen daran, diese Kleider zu schneidern und entwickelt dabei auch mehr Lebensfreude. Zum Kinostart am 26. August 2021 haben wir uns mit der Regisseurin über aussterbende Berufe, einen sich verändernden Zeitgeist und traditionelle Vorstellungen unterhalten.

Wie bist du auf die Idee für deinen Film gekommen?

Ich wollte ursprünglich einen Film über die Finanzkrise in Griechenland drehen. Ich fand es interessant, die Geschichte eines Mannes in seinen 50ern zu erzählen, der sein Leben einem Handwerk gewidmet hat und nun Gefahr läuft alles zu verlieren. Deswegen muss er nach einem neuen Weg suchen, wie er seine Arbeit fortführen kann. Ich wollte dabei unbedingt einen Schneider nehmen, weil das ein Handwerk ist, das nach und nach ausstirbt. Ein Handwerk, auf das unser Protagonist, aber auch viele andere, sehr stolz ist. In meinem Film sollte es also nicht nur darum gehen, wie jemand in der Krise finanziell überlebt, sondern auch, was das für ihn bedeutet, sein Lebenswerk nicht fortsetzen zu können.

Wenn das Setting deines Films die Finanzkrise Griechenlands ist, wie viel von der Geschichte ist typisch für diese Zeit, wie viel ist universell?

Die Finanzkrise gibt in der Geschichte zwar den Rahmen vor. Der Wandel im Gewerbe und der Gesellschaft ist aber nicht allein auf Griechenland beschränkt. Du findest überall eine Mittelschicht, die vor dem Aus steht, weil ihnen die berufliche Grundlage wegbricht. In der Hinsicht ist Der Hochzeitsschneider von Athen also schon universell. Außerdem ist die Geschichte von Nikos eine über Mut und Hoffnung und darüber, wie sich jemand auch mit über 50 noch selbst neu erfinden kann. Und das ist etwas, das überall funktioniert, weil sich jeder damit identifizieren kann.

Nun sind aber viele alte Handwerke vom Aussterben bedroht. Warum hast du ausgerechnet das des Schneiderns ausgesucht?

Zunächst einmal ist es ein Handwerk, das jeder braucht. Jeder von uns trägt schließlich Kleidung. Mich hat dabei interessiert: Wer trägt heute noch wirklich maßgeschneiderte Kleidung und wer kauft sie bereits fertig? Maßgeschneiderte Kleidung ist nun einmal deutlich teurer, auch weil sie sehr viel mehr Aufwand bei der Herstellung erfordert. Es dauert sehr lange, bis ein Schneider einen Anzug fertig hast. Wenn du den in einem Laden kaufst, bist du in einer halben Stunde durch. Auf einen maßgeschneiderten Anzug wartest du schon drei Wochen. Bei Schneidern hat Zeit noch einen ganz anderen Stellenwert.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass diese aufwendigen Produkte nicht mehr gefragt sind? Können sich die Leute das nicht mehr leisten? Oder haben sie einfach kein Interesse mehr daran, weil sich der Zeitgeist geändert hat?

Ich denke, dass es mehr das zweite ist. Ein maßgeschneiderter Anzug mag zwar dreimal so teuer sein, hält aber auch viel länger. Meine Großmutter hat immer gesagt: Alles, was billig ist, ist am Ende teurer. Nur interessiert das die Leute nicht. Es ist ihnen egal, wenn ein maßgeschneiderter Anzug ein Leben lang hält, weil sie ihn gar nicht so lange haben wollen. Sie wollen immer wieder etwas Neues, auch je nachdem, was gerade in Mode ist. Sie wollen dazugehören und Teil einer gemeinsamen Identität sein. Zu einer Gruppe dazuzugehören, ist für sie wichtiger als ein persönliches Kleidungsstück.

Und denkst du, dass sich dieser Zeitgeist auch wieder umkehren lässt?

Ich denke, dass das zum Teil bereits geschieht. Ein Grund ist ökologischer Natur. Dieser Trend zum Fast Fashion hat unglaublich viel Abfall produziert. Klar, wenn die Leute alle sechs Monate etwas Neues kaufen, dann muss das alte Zeug irgendwo hin. Außerdem ist ein Bewusstsein dafür entstanden, dass solche Billigkleidung oft unter widrigen Bedingungen entsteht, beispielsweise mithilfe von Kinderarbeit. Dieses Bewusstsein hat zu einer Gegenbewegung geführt, dass viele wieder nachhaltiger einkaufen wollen oder auch alte Kleidung recyceln und etwas Neues daraus machen.

Der Hochzeitsschneider von Athen Tailor

Zeit für einen Neuanfang: Nikos (Dimitris Imellos) versucht sich als mobiler Schneider auf den Märkten Athens. (© Neue Visionen Filmverleih)

Nikos findet einen Weg aus der Krise, indem er statt Herrenanzügen Brautkleider anfertigt. Ist diese Anpassung an den Markt ein Triumph oder eine Niederlage? Er musste schließlich etwas aufgeben, das ihm wichtig war.

Ich sehe es als Triumph an. Es stimmt zwar, dass diese Herrenanzüge Teil seiner Identität waren. Es war aber eine Identität, die ihm von seinem Vater vorgegeben wurde. Für ihn bedeuten die Brautkleider die Möglichkeit, einmal etwas Neues, etwas Eigenes auszuprobieren und dabei zu schauen, was er denn eigentlich selbst machen will. Er erhält auf diese Weise eine künstlerische Freiheit, die er vorher nicht hatte. Ein zweiter Punkt ist, dass er früher nie seinen Laden verlassen hat. Indem er nun auf andere zugeht und sich auf fremde Leute einlässt, nimmt er auch wieder an einem gesellschaftlichen Leben teil, was für ihn eine absolute Bereicherung ist.

Nikos wird auf diese Weise zu einem Gewinner der Krise. In den letzten Jahren hatten viele dieses Glück nicht. Gerade auch während der Corona-Pandemie mussten viele ihre Geschäfte aufgeben, Kunstschaffende konnten nicht mehr auftreten usw. Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn ein größerer Teil nicht mehr seine Träume verfolgen kann?

Das ist eine Entwicklung, bei der wir glaube ich noch gar nicht abschätzen können, wie die Folge sein wird. Es geht dabei nicht nur um die Leute, die gerade vor dem Bankrott stehen. Wir wissen ja auch nicht, welche der Änderungen rückgängig gemacht werden können. Beim Thema Film zum Beispiel hat sich sehr viel in Richtung Stream verschoben. Und da ist natürlich die Frage: Werden die Leute später wieder in die Kinos zurückkehren oder reicht es ihnen, sich daheim im Wohnzimmer einen Film anzuschauen? Sie gehen auch weniger aus, um beispielsweise etwas einzukaufen, sondern lassen sich immer mehr nach Hause liefern. Das könnte langfristig auch Auswirkungen auf unsere soziale Kompetenz haben, wenn wir immer weniger mit anderen interagieren müssen. Die erschreckendste Entwicklung für mich ist, wie sehr wir uns daran gewöhnen, keinen zwischenmenschlichen Kontakt zu haben. Auch wegen der technologischen Fortschritte. Natürlich sind die für sich genommen schon toll und haben uns viele Möglichkeiten eröffnet. Sie bringen Menschen von überall her zusammen. Aber sie schaffen dabei auch eine Distanz.

Diese Themen, die du in Der Hochzeitsschneider von Athen ansprichst, sind schon alle ziemlich ernst und hätten sich für ein Sozialdrama angeboten. Warum hast du daraus einen eher leichteren und humorvollen Film gemacht?

Diese humorvollen Elemente kamen beim Drehbuchschreiben hinzu, als es darum ging festzulegen, wer Nikos sein soll. Er war es also, der die Komik in die Geschichte brachte. Er ist so schüchtern und ungeschickt beim Umgang mit anderen Menschen, bringt lauter Regeln mit sich und ist immer formell gekleidet. Das führt natürlich zu starken Kontrasten mit der Außenwelt, wenn er zunehmend sein Geschäft verlässt. Und diese Kontraste zu den Leuten, denen er begegnet, machen den Film so lustig.

Wenn Nikos von Herrenanzügen zur Brautkleidern wechselt, bedeutet das auch, jetzt Kleidung für Frauen anstatt für Männer zu machen und bekommt dabei Unterstützung durch seine Nachbarin. Inwieweit spielt das Geschlecht beim Schneidern eine Rolle? Macht es beispielsweise einen Unterschied, ob Männer oder Frauen Brautkleider machen?

Ich denke, dass es einen großen Unterschied macht. Den siehst du schon daran, wie der Beruf im Englischen bezeichnet wird. Ein „tailor“ ist immer ein Mann. Frauen werden „seamstress“ genannt. Da fängt die Diskriminierung also schon an. Im Griechischen ist es auch so. In einer traditionellen Gesellschaft wie in Griechenland findest du kaum Männer, die Brautmode machen. Nikos wird auch von seinem Vater gesagt, dass er sich entwürdigt, indem er jetzt Hochzeitskleider macht. Dieser Beruf ist also immer auch mit Erwartungen verbunden, die du zu erfüllen hast. Wäre Nikos in einer anderen Familie aufgewachsen, hätte er vielleicht sogar Haute Couture Mode entworfen. So war ihm das aber als Mann verwehrt geblieben.

Zum Thema Tradition fällt auf, dass Hochzeitskleidung sehr stark diesen folgt. Wir hatten es vorhin davon, wie sich Mode ständig entwickelt. Heute ist es zum Beispiel auch nicht unüblich, wenn Frauen Hosen tragen. Bei Hochzeiten läuft es aber immer noch meistens darauf hinaus: Der Mann trägt einen dunklen Anzug, die Frau ein weißes Kleid. Woran liegt das?

Das stimmt, Hochzeiten folgen sehr alten Traditionen. Die Hochzeit an sich ist schon eine alte Tradition, die vermutlich auch mit einem Statusdenken zu tun hat. Ich habe immer wieder bei Leuten beobachtet, die ansonsten sehr progressiv sind, dass sie beim Thema Hochzeit auf einmal sehr konservativ werden. Das ist wie eine Aufführung, die nach sehr spezifischen Regeln ablaufen muss. Genau erklären kann ich es nicht. Obwohl ich einen Film über Hochzeitskleider gedreht habe, verstehe ich das selbst nicht so genau.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Sonia Liza Kenterman ist eine griechisch-deutsche Regisseurin und Autorin. Ihr Regie-Studium an der
London Film School beendete sie mit Auszeichnung. Ihr Kurzfilm Nicoleta (2012) gewann 14 Preise und wurde auf zahlreichen Festivals rund um die Welt gezeigt. Dem folgte 2014 ihr zweiter Kurzfilm White Sheet (2014). Die Tragikomödie Der Hochzeitsschneider von Athen (2020) ist ihr Langfilm-Debüt. 



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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