Inhalt / Kritik

„Sommer 85“ // Deutschland-Start: 8. Juli 2021 (Kino)

Als der 16-jährige Alexis (Félix Lefebvre) im Sommer 1985 mit einem kleinen Boot aufs Meer raussegelt, wird ihm das beinahe zum Verhängnis. Doch zu seinem Glück taucht in dem Moment der etwas ältere David (Benjamin Voisin) auf und rettet ihn aus seiner Not. Er nimmt ihn sogar mit nach Hause zu sich und seiner Mutter (Valeria Bruni Tedeschi), bei der er seit dem Tod seines Vaters alleine lebt. Aus dieser Zufallsbegegnung werden bald mehrere, Immer wieder treffen sich die beiden Jugendlichen und entwickeln dabei zunehmend Gefühle füreinander. Einige Wochen verbringen sie auf diese Weise miteinander, zumal Alex die zwei in ihrem Geschäft unterstützt. Aber selbst das größte Glück ist endlich, wie der Jugendliche eines Tages feststellen muss …

Irgendwie immer anders

Das Schöne bei François Ozon ist, dass man bei ihm nie so genau weiß, woran man eigentlich ist. Während der Franzose zu Beginn seiner Karriere zumindest einige wiederkehrende Elemente verwendete, anhand derer man seine Filme erkannte, war das zuletzt etwas schwer geworden. Da folgte auf das strenge Schwarzweißdrama Frantz der doppelbödige Erotikthriller Der andere Liebhaber. Direkt im Anschluss wendete er sich in Gelobt sei Gott dem schwierigen Thema des Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche zu und zeigte sich dabei von einer ungewohnt nüchternen Seite. So als wolle er nach rund 30 Jahren doch noch mal ein ernstzunehmender Künstler sein. Einer, der ganz wichtige und große Filme dreht.

Aber schon mit Sommer 85 gibt es wieder eine Rolle rückwärts. Genauer reist er mit seinem Jugenddrama gleich in mehrfacher Hinsicht zurück in die Vergangenheit. Zum einen spielt der Film, wie der Titel bereits verrät, im Jahr 1985. Die Geschichte selbst hätte das nicht unbedingt erfordert. Vielmehr haben die Ereignisse eine gewisse Zeitlosigkeit. Dass Ozon diese Ära genommen hat, hat vielmehr persönliche Gründe. Er hatte selbst den Roman Dance on My Grave von Aidan Chambers seinerzeit gelesen und in der Geschichte um den jungen Protagonisten und seine große Sommerliebe wiedergefunden. Tatsächlich wollte er schon in den 1980ern das Buch verfilmen, musste das aber immer wieder nach hinten schieben. Nun hat es doch noch geklappt, aktualisiert hat er die Geschichte jedoch nicht.

Nostalgische Erinnerung an früher

Das geht mit einer deutlichen Nostalgie einher, begleitet von einer passenden Musik, welche die Zeitreise unterstreicht. Sie bezieht sich jedoch nicht allein auf die Ära als solche, sondern vielmehr darauf, was es heißt, sich als junger Mensch das erste Mal wirklich zu verlieben. Sommer 85 ist dabei selbst eine Art Liebeserklärung an eine jugendliche Liebe, die sich selbst immer als größer wahrnimmt, als sie es am Ende ist. Zum Schluss darf sich Alex sogar anhören, dass sie nicht einmal echt war. Nicht so wirklich zumindest. Dass es vielmehr das Bild von David ist, wie er es sich ausgemalt hat. Möglich ist das durchaus, denn zum Schluss des Films bleibt so manche Frage übrig, sowohl zu David wie auch zu der Beziehung der beiden.

Tatsächlich ist Sommer 85 kein Film, den man sich unbedingt der Geschichte wegen anschauen müsste. Das Drama wechselt zwischen banal und theatralisch, springt zuweilen wild umher, ohne dabei wirklich vom Fleck zu kommen. Man muss auch nicht unbedingt immer nachvollziehen, warum sich manche Figur so verhält, wie sie es tut. Doch das liegt nicht allein an einem schlampig geschriebenen Drehbuch. Vielmehr sind hier einige der Figuren etwas skurriler angelegt, da kommt es schon zu dem einen oder anderen schrägen Moment. An diesen Stellen wird dann auch deutlich, dass es sich um einen Film von Ozon handelt. Die Mischung aus Tragik und Groteskem liegt ihm, ebenso die aus leisen Szenen und Schillerndem.

Schwärmerisch und charmant

Doch es ist vor allem das Schauspielduo, welches zusammen mit der Atmosphäre Grund genug ist, sich den Film anzuschauen. Die Nachwuchsdarsteller Félix Lefebvre und Benjamin Voisin geben ein charmantes Paar ab, berauscht von den Möglichkeiten der Zukunft und von einer Welt, die ihnen offensteht. Das Drama, welches beim Filmfest München 2021 Deutschlandpremiere feierte, ist verträumt angelegt, ein bisschen unwirklich auch. Das fällt gerade auch in den Szenen auf, in denen eigentlich die richtig schweren Geschütze aufgefahren werden und man sich nicht ganz sicher sind: Ist das jetzt gerade real? Sommer 85 ist deshalb weniger für ein Publikum geeignet, das unbedingt durch die Mangel genommen werden will. Hier darf man eher ein bisschen schwärmen, ein bisschen seufzen – und sich letztendlich über all das wundern, was Menschen so tun.

Credits

OT: „Été 85“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon
Vorlage: Aidan Chambers
Musik: Jean-Benoît Dunckel
Kamera: Hichame Alaouié
Besetzung: Félix Lefebvre, Benjamin Voisin, Philippine Velge, Valeria Bruni Tedeschi, Melvil Poupaud, Isabelle Nanty

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2021 Bester Film Nominierung
Beste Regie François Ozon Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch François Ozon Nominierung
Beste Nebendarstellerin Valeria Bruni Tedeschi Nominierung
Bester Nachwuchsdarsteller Félix Lefebvre Nominierung
Bester Nachwuchsdarsteller Benjamin Voisin Nominierung
Beste Musik Jean-Benoît Dunckel Nominierung
Beste Kamera Hichame Alaouie Nominierung
Bester Ton Brigitte Taillandier, Julien Roig, Jean-Paul Hurier Nominierung
Bester Schnitt Laure Gardette Nominierung
Beste Kostüme Pascaline Chavanne Nominierung
Bestes Szenenbild Benoît Barouh Nominierung
Prix Lumières 2021 Bester Film Nominierung
Beste Regie François Ozon Nominierung
Bester Nachwuchsdarsteller Félix Lefebvre, Benjamin Voisin Sieg
Beste Kamera Hichame Alaouié Sieg

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Sommer 85
In „Sommer 85“ gibt sich François Ozon von seiner schwelgerisch-nostalgischen Seite, wenn er von der Sommerliebe zweier Jugendlicher erzählt. Sehenswert ist das in erster Linie wegen der verträumten Atmosphäre und des charmantes Paares. Die Geschichte selbst gibt weniger her, schwankt zwischen banal und theatralisch.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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