Die Welt ist im Wandel und Jahr für Jahr erleben wir mit der Digitalisierung neue Möglichkeiten, sich künstlerisch und kreativ auszudrücken und mittlerweile sogar sein Leben damit zu finanzieren. Doch ist in der Hinsicht wirklich alles Gold, was glänzt? Lena Leonhardt (Hundesoldaten) wagt mit ihrer neuesten Dokumentation Roamers – Follow your Likes einen Blick hinter die Thumbnails und Videos von Internetstars und portraitiert dabei das Leben vereinzelter Menschen, die der herkömmlichen Arbeitswelt eine Absage erteilen. Passend zum Kinostart am 22. Juli 2021, hatten wir die Gelegenheit, mit der Regisseurin einmal näher über ihre Absichten und filmischen Hintergründe zu sprechen.

In deiner neuen Produktion geht es ja um die Bewegung der digitalen Nomaden, wie es auch an einer Stelle direkt so genannt wird. Was war deine Motivation und Absicht dahinter, eine Dokumentation über dieses Thema zu machen?

Ich glaube das ist ja ein Thema, das extrem viele – vor allem Menschen unserer Generation – momentan beschäftigt, also die Digitalisierung und wie man mit den ganzen neuen Möglichkeiten der Digitalisierung umgehen kann und wie das unser Leben beeinflusst. Und ich glaube es gibt immer mehr Menschen, auch in meinem näheren Umkreis, die eben von so einem Lebensstil träumen, zu sagen ich mache die Welt zu meinem Zuhause, ich mache mich frei von 9 to 5 und vom festen Job und will die Welt sehen, an schönen Orten sein und trotzdem Geld verdienen. Das klingt ja erst einmal unglaublich verlockend und ich habe mich eben gefragt, wie es den Menschen ergeht, die das wirklich schon gemacht haben. Was macht dieser Lebensstil mit Ihnen und welche neuen Zwänge lauern da vielleicht auch?

Weshalb fiel die Wahl in Roamers gerade auf diese fünf Menschen und anhand welcher Kriterien hast du diese ausgewählt?

Angefangen hat alles mit Jonna, die Seglerin. Bei ihr hat man auf Instagram gesehen, dass sie plötzlich ihr ganzes Leben geändert hat und gesagt hat „ich geh mit einem Boot auf Weltreise und nehme euch, also die Community, mit“. Und ich habe sie da direkt kontaktiert, sie war auch die Erste, die ich getroffen habe. Und da wurde letztendlich ein Projekt draus und die Creative Producerin von der Produktionsfirma hat mir dann extrem geholfen, noch viele andere Menschen zu recherchieren. Wir haben uns da ganz viele unterschiedliche Geschichten angeschaut und Menschen getroffen und das ist dann sehr schwer das auszuwählen. Aber wir haben einfach versucht, eine gute Bandbreite von Menschen abzubilden, die das machen. Natürlich sind das oft auch extreme Beispiele, die aber doch sehr viel beinhalten von dem, was eigentlichen jedem, der irgendwie davon träumt, antreibt.

Da schließt sich ja die nächste Frage an: Ist die Wahl auf diese mehr oder weniger erfolgreichen Wanderer in Roamers nicht überrepräsentiert? Es gibt ja auch viele, die in der Masse untergehen und wenig bis gar kein Erfolg haben.

Ja, das versteh ich sehr gut. Ich glaube es gibt tatsächlich eine ganz breite Masse an Menschen, die davon träumen so sein zu können, wie beispielsweise ‚Nas‘ [Daily], also der es wirklich geschafft hat, Millionen Follower zu bekommen, um sich da ein richtiges Business aufzubauen. Also das bildet sicher nicht die breite Masse ab, es gibt aber inzwischen natürlich auch einige, die es geschafft haben und sehr erfolgreich sind. Aber wenn man so einen krassen Erfolg auf Social-Media haben möchte und so viel Geld verdienen will, dann muss man schon extrem dahinter sein und extrem viel arbeiten, also da teilt sich das dann auf. Da muss man dann irgendwann eine Entscheidung treffen, will man das oder will man das eben nicht.

Die Seglerin Jonna erzählt an einer Stelle, dass sie mit der Frage zu kämpfen hat, ob sie an manchen Momenten nicht einfach den Augenblick genießen kann, statt die Kamera zu holen und bspw. ein paar Delphin-Aufnahmen für Instagram einzufangen. Ist das nicht ein generelles Sinnbild für die heutige Zeit und siehst du als das ein Problem an?

Absolut, darum geht’s mir auch in dem Film, dass man in den Charakteren Dinge sieht, wenn man so sagt: „so geht’s mir in gewisser Weise irgendwie auch“. Wir alle sind Social Media ausgesetzt und dann stehen wir natürlich unter diesen Druck, etwas von uns zeigen zu wollen. Es prasseln jeden Tag auf uns Bilder ein von anderen, die dann gefühlt immer ein tolleres und cooleres Leben haben und die schon ganz viel gesehen haben von der Welt. Und da ist es ja unheimlich schwer, sich nicht ungenügend vorzukommen, teilweise. Also mir ging es auf jeden Fall oft so, dass ich jetzt gar nicht auf Instagram und Facebook sein will, weil ich mich dann wirklich manchmal auch mal schlecht fühle. Ich glaube, das ist das Dilemma, in dem wir gerade alle stecken, also dass sich mit dem Internet und Social Media unheimlich viele Möglichkeiten auftun. Das ist ja der große Vorteil, man kann sich vergleichen mit ganz vielen Menschen auf der Welt. Und so kriegt man Geschichten mit, von denen man inspiriert wird – das ist der große Vorteil. Aber es birgt auch die Gefahr, dass man sich zu viel vergleicht und natürlich immer nur nach oben hin vergleicht, sozusagen „wer hat es denn noch besser?“ und „wessen Leben ist denn anscheinend noch toller?“. Also da ist es ganz schwer, die richtige Balance zu finden.

In der heutigen Zeit von Influencern sind die Reisenden in Roamers ja keine richtigen Influencer, die durch Firmenkooperationen oder Product-Placements gekennzeichnet sind. Was ist dein Eindruck, wenn man die Welt der Influencer mit der Welt der Wanderer vergleicht?

Sie sind schon ein stückweit Influencer, zum Beispiel Jonna, die sich hier und da auch durch Sponsoring finanziert. Das ist zwar nicht das klassische Product Placement, was viele betreiben, aber sie sind ja trotzdem Content Creator. Das ist ja oft ein fließender Übergang zwischen Influencer und Content Creator. Und auch wenn du Content produziert, dann influenzt du ja auch schon in gewisser Weise, vor allem wenn du eine große Followerschaft hast. Bei den Wanderern in Roamers ist es so: Das Produkt, das sie vermarkten, ist ihr Lifestyle. Das ist es, was sie letztendlich verkaufen. Sei es Jonna, die ihre Segelreise dokumentiert und darüber Leute anzieht, sie alle definieren sich über dieses Leben als Weltbürger sozusagen und das vereint alle.

Roamers wird bei der Geschichte des argentinischen Pärchens an ein paar Stellen expliziter – das merkt man ja auch bei der Einstufung der FSK, wenn dein Film ab 16 freigegeben ist. Schaut man sich die Thematik aber an, so erweckt es den Eindruck, dass das Thema auch für bereits 12-Jährige relevant ist. Wie passt das in der Hinsicht zusammen, verringerst du mit den sexuellen Bildern nicht die Zielgruppe? Dein Film wäre ohne diese Szenen ja nicht schlechter geworden.

Das stimmt, das ist letztendlich auch eine künstlerische Entscheidung. Ich möchte bewusst auch ein bisschen in dieses Extreme gehen, weil das natürlich schon auch etwas erzählt, also solche irritierenden Szenen eben auch drin zu haben. Die leben ihren Lifestyle und ihren Traum und zu ihrem Traum gehört eben diese offene Sexualität. Sie leben da im Extremen und machen da keine Kompromisse. Und diese Irritation wollte ich ganz bewusst, also dass man es schwer hat, da einfach wegzuschauen. Aber klar, das schließt jetzt Menschen unter 16 aus, ich glaube aber auch, dass die Zielgruppe, die das am meisten betrifft schon eher über 16 ist. Also ich glaube die meisten Menschen, die sich eben Gedanken machen über diese Art Lebensstil und die Frage „Was mach ich mit meiner Arbeit?“, betrifft Menschen, die arbeiten, schon sehr viel mehr. Ich glaube, dass so etwas eher später anfängt, vielleicht sogar erst mit Anfang 20, also deswegen fanden wir das mit FSK 16 vertretbar. Da haben wir aber auch lange daran gefeilt, aber diese Szenen sollen schon auch irritieren. So ist dieser Job einfach und da gehört das einfach dazu und dafür haben sie ja auch Opfer gebracht, also der Konflikt mit der Familie. Deswegen haben wir uns eben für diesen Weg entschieden und ich habe das Gefühl, dass das so am besten gelotet ist, diese Gratwanderung.

Bleiben wir beim Thema der Zielgruppe, man könnte meinen, Zuschauer der älteren Generation können mit deinem Film weniger anfangen, weil diese noch mit der 9 to 5 Mentalität aufgewachsen sind. Denkst du, dein Film bringt diesem Publikum die Mentalität der Jugend von heute näher oder verstärkt der Film aus deren Sicht nur die allseits vertraute Denkmuster wie „früher war alles besser“?

Sehr gute Frage, die ich mir auch sehr oft gestellt habe – auch in der Diskussion mit zum Beispiel meiner Mutter, die natürlich mitbekommen hat, dass ich diesen Film drehe und natürlich schon ein bisschen irritiert war wegen der Motivation dieser Leute. Das ist ganz spannend, dass da so ein Generationen-Clash da ist, in gewisser Weise, und ich bin deswegen sehr gespannt, wie die ältere Generation auf diesen Film reagieren wird. Aber ich glaube, wenn man sich darauf einlässt, also wenn man versucht so gut es geht vorurteilsfrei da ranzugehen und sich einfach mal darauf einlässt, dass der Film da eine gute Brücke schlagen kann und für Verständnis sorgt, wenn man sich die Generation von heute anschaut, die sehr viel mehr mit den digitalen Medien zu tun hat. Also das ist meine Hoffnung, ich sehe das so und wenn der ein oder andere so ungefähr sagt „ich hab’s mir ja gedacht, da gibt’s auch Schwierigkeiten“ oder so etwas wie „es ist nicht alles Gold, was glänzt“, dann kann ich das nur bejahen, so ist es. Aber das zeichnet diese Menschen im Film ja auch aus, dass es diese Perfektion nicht gibt, nach der wahrscheinlich der ein oder andere von uns allen strebt. Aber natürlich hat das alles auch eine Kehrseite, wie es auf der anderen Seite aber auch viele Möglichkeiten gibt. Das haben wir versucht in dem Film zu zeigen, dass es nie schwarz-weiß gibt, auch bei diesem Thema nicht. Ich hoffe, dass diese Motivation nachvollziehbar wird, bei den Menschen, die sich da aufmachen aber natürlich auch in diese neuen Zwänge geraten. Deswegen regt der Film unheimlich gut zum Dialog an, auch zwischen den Generationen.

Angenommen du würdest mit all den Wanderern in Roamers nochmal zusammen an einem Tisch sitzen, was würdest du sie als Gruppe fragen und warum?

Die meisten Fragen, die ich gestellt habe, waren schon die gleichen, aber ich würde sie wahrscheinlich wieder das Gleiche fragen, einfach auch wegen der Corona-Pandemie. Zum Beispiel was diese Zeit in ihnen bewegt hat. Ich würde wahrscheinlich darüber sprechen, ob sie das so weitermachen würden oder ob sich irgendetwas geändert hat. Das sind tatsächlich auch Fragen, die ich damals auch schon gestellt habe. Aber das ist natürlich auch schon wieder drei Jahre her. Also ich würde wahrscheinlich viel nochmal fragen. Bei Jonna zum Beispiel hat sich wieder extrem viel geändert – sie hat es über den Atlantik geschafft, hat jemanden kennengelernt, wurde schwanger und hat jetzt ein Kind. Und da stellt sich ja die Frage, ob sie das jetzt nochmal genauso machen würde. Daraus ergeben sich ja ganz viele Folgefragen. Aber generell ist das ein schöner Gedanke, alle an einen Tisch zu haben. Ich glaube, das wäre ein sehr langes Interviewgespräch, bei ein paar Flaschen Wein.

Du als Dokumentarfilmerin bist ja auch um die Welt gereist, wirst ja aber mit dem Problem konfrontiert, möglichst viele Menschen in die Kinos zu locken. Internetstars wie ‚Nas Daily‘ dagegen, der mit seinen Videos Millionen Klicks macht, hat das Problem nicht. Wie vergleichst du in der Hinsicht einerseits das Kino und die „Häppchenkost“ im Internet und andererseits die Berufe Dokumentarfilmer und Content-Creator im Internet?

Das ist witzig, weil du ihn grad als Beispiel nimmst. Als wir mit ihm gedreht haben, kamen immer die Fragen „Wann kommt der Film raus?“, „Wann ist er fertig?“, oder „Wie lange schneidet ihr daran?“. Und für so einen Film braucht von der ersten Idee bis hin zur Verwertung schon um die zwei bis drei Jahre und da war er fassungslos. Er meinte, das würde er nie schaffen, den Fokus so lange Zeit auf ein Thema zu haben und er ist da ganz froh, dieses Schnelllebige zu haben. Und das ist wirklich ganz interessant, das spricht natürlich auch sehr für unsere Zeit. Ich meine, es wird alles immer schnelllebiger und es geht immer mehr um Content. Und auch hinsichtlich Social Media, ich möchte informiert werden und das höchste Gut heutzutage ist Aufmerksamkeit, die aufgrund des großen Angebots immer kürzer wird. Und da macht man sich als Filmemacher schon manchmal Gedanken. Hoffentlich gibt es immer noch genügend, die sich gern lange Filme anschauen. Aber ich glaube schon, dass dieses Bedürfnis da bleibt, sich wirklich mal Zeit nehmen zu können und sich mit Themen näher auseinandersetzen zu können. Ich hoffe es auf jeden Fall sehr und dazu gehört natürlich auch das Kino. Das ist ja jetzt auch immer wunderbar zu sehen, bei solchen Veranstaltungen im Kino, dass da noch stundenlang diskutiert wird. Man verarbeitet gemeinsam das, was man gerade gesehen hat und das hat man so ja nicht, wenn man sich schnelle kurze Sachen unterwegs anschaut oder sei es auch alleine einen Film zu Hause, man hat einfach diesen Austausch nicht. Deswegen hoffe ich, dass das Kino so am Leben gehalten wird, weil es das so nirgendwo anders gibt in der Form. Und ich glaube es wäre fatal, wenn man nur noch auf solche kurzen Formate setzt. Die haben ihre Daseinsberechtigung und ich bin auch selbst manchmal froh, wenn ich schnell etwas wissen will und nicht viel Zeit habe, aber dann auf etwas stoße, womit ich mich näher auseinander setzen möchte. Aber dann brauchen wir eben auch die langen Formate, die meistens oder sehr oft zumindest eine gewisse Tiefe und Emotionalität haben, weil sie eben viel mehr Raum haben, um dann auch ein Thema anzugehen.

Welche Themen beschäftigen dich als junge und neugierige Filmregisseurin sonst noch und was folgt jetzt nach Roamers?

Man muss ja direkt gleich nachlegen, aber ja, ich hab mich wahnsinnig gefreut von der MFG Baden-Württemberg eine Förderung bekommen zu haben, für die Recherche zu neuem Stoff. Und da geht’s hoffentlich in diesem Sommer noch in die USA, um diesen Stoff zu recherchieren. Dann bin ich noch an einer dokumentarischen Serie dran, die bald gedreht werden soll. Und von den Themen bin ich sehr breit aufgestellt. Es gibt da sehr viele Filme, die ich unheimlich gern machen würde, aber die, die ich gerade angehe, handeln von True Crime (Dokumentar-Serie) und Transhumanismus am Beispiel der Unsterblichkeit und dem Thema, wie wir mit unserer eigenen Endlichkeit umgehen (Dokumentarfilm). Zu Zeiten wo Religion zumindest in weiten Teilen der Welt an Bedeutung verliert und immer weniger Menschen glauben, dass nach dem Leben noch etwas kommt, vereint es dies wieder mit Roamers zu sagen, ich habe nur dieses eine Leben und ich muss doch da alles herausholen und deswegen muss ich doch versuchen das zu verlängern. Am besten so, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenken muss, dass es irgendwann zu Ende ist und dass ich alles in dem Leben unterkriegen kann, was ich gern machen würde. Da trifft sich das wieder, schon ganz interessant. Also das ist ein Thema, das sehr wichtig ist und mich unheimlich beschäftigt, eben auch der Umgang mit Endlichkeit und dass man eben nur eine gewisse Anzahl an Chancen hat. Es kann jeden Tag zu Ende sein und wie gehen wir damit um?

Vielen Dank für deine Zeit und das tolle Interview!

Lena Leonhardt (Foto: Sebastian Bäumler)

Zur Person
Lena Leonhardt ist eine deutsche Filmregisseurin und Drehbuchautorin im Bereich Dokumentarfilm. 2017 erhielt sie für ihren Film Hundesoldaten den Grimme-Preis. Bekannt wurde sie zudem durch ihren 2019 erschienen Film Höhenflüge.



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Über den Autor

Freier Autor

Ich bin freiberuflicher Autor und seit vielen Jahren leidenschaftlicher Filmfan, wobei mein Fokus den kleineren Filmperlen gilt.

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