Inhalt / Kritik

Possessor

„Possessor“ // Deutschland-Start: 1. Juli 2021 (Kino)

Im Jahre 2008 arbeitet Tasya Voss (Andrea Riseborough) als Profikillerin, doch ihre Vorgehensweise ist sehr viel anders als die ihrer Kollegen. Mittels einer Verbindung über ihr Gehirn zu einer Maschine dringt sie in die Gedanken einer unbeteiligten, mit der Zielperson aber in irgendeiner Form bekannten Person ein und lässt diese das Attentat ausführen. In der Vergangenheit bewies Tasya, dass sie zuverlässig ist, weshalb die Bezahlung ihrer Auftragsmorde ihr sowie ihrer Familie, ihrem Mann Michael (Rossif Sutherland) und der gemeinsamen Tochter, ein gutes Leben sicherte, natürlich ohne, dass sie etwas von der eigentlichen Arbeit Tasya wissen würden. Jedoch fordert das konstante Hineinversetzen in andere Personen, die Kopie deren Verhaltensweisen und Persönlichkeit, ihren Tribut, denn immer wieder wird Tasya geplagt von Visionen und Albträumen, die sie selbst tagsüber verfolgen. Ein Test nach jedem Auftrag soll zwar sicherstellen, dass Tasya ihre eigene Persönlichkeit nicht verliert, aber selbst diese muss die Killerin sich in letzter Zeit immer wieder antrainieren, was ihre Psychologin und Betreuerin in große Sorge versetzt.

Aufgrund dieser Entwicklungen und ihrer fragilen Gesundheit will Tasya eigentlich aufhören mit dem Job, doch ein letzter Auftrag könnte für sie die finanzielle Unabhängigkeit bedeuten, weshalb sie letztlich zusagt. Im Namen des Stiefsohns des mächtigen IT-Unternehmers John Parse (Sean Bean) soll Tasya ihn sowie seine Tochter Ava (Tuppence Middleton) töten, sodass die Kontrolle des Unternehmens an den Auftraggeber übergeht. Da Tasyas Firma eine ganz eigene Agenda mit diesem Auftrag verfolgt, macht sie sich daran, Colin Tate (Christopher Abbott), Avas Geliebten, genauer zu studieren, dessen Körper sie für den Mord übernehmen möchte. Beim Auftrag selbst geht jedoch etwas schief, sodass Tasya nun gefangen ist in einem fremden Körper.

Fremde Körper

Bereits mit einem ersten Spielfilm Antiviral bewies Brandon Cronenberg, dass er zwar viele der Themen des filmischen Schaffens seines Vaters David Cronenberg übernommen hatte, aber eine ganz eigene, unverwechselbare Handschrift hatte. Damit sich dieser erzählerische wie visuelle Stil weiterentwickelt, machten er und Kameramann Karim Hussain einige Experimente mit der Bildsprache, mit Verzerrungen und anderen Stilmitteln, welche als Vorbereitung dienten zu ihrer zweiten Kollaboration Possessor. Diese abermalige Mischung von Horror und Science-Fiction, welche auf dem Sundance Film Festival 2020 ihre Premiere feierte, thematisiert das Verhältnis des Körpers zum Kommerz, oder vielmehr die Frage, ob unsere Körper noch wirklich uns gehören.

In gewisser Weise führt Cronenberg einen Gedanken weiter, den er bereits in Antiviral angerissen hatte und der sich auf die Beziehung von Körper und Moderne bezog. Ähnlich einem Avatar in einem immersiven Online-Spiel schlüpft die von Andrea Riseborough gespielte Tasya in immer verschiedene Rollen, übernimmt deren Persönlichkeit und Verhaltensweise, was wiederum zu einem Vergessen der eigenen Person und damit des Körpers führt. Die letzte Instanz, zu der Technologie vermeintlich keinen Zugang hatte, ist damit gefallen, was Konzepte wie Persönlichkeit, Familie und Identität generell die Sicherheit nimmt. Nicht nur erzählerisch spiegelt sich diese Unsicherheit wider, beispielsweise in den Dialogen zwischen Tasya und ihrer Betreuerin, sondern auch visuell, in der intensiven Nutzung von Verzerrungen, Überblendungen und dem Licht, was Possessor zu einer sehr besonderen Erfahrung für den Zuschauer macht, auch körperlich.

Feindliche Übernahme

Die Technologie in dieser alternativen Version des Jahres 2008 ist bereits fest in der Hand von Unternehmen, welche sie für ihre naturgemäß wirtschaftlichen, profitorientierten Interessen nutzen. Das Konzept der feindlichen Übernahme erhält in der Welt von Possessor noch eine ganz neue Konnotation, denn letztlich kontrolliert jemand wie Tasya einen fremden Körper, macht ihn sich zu eigen und „erlöst“ diesen dann durch einen Suizid von den Folgen der blutigen Tat. Diese Idee erinnert bisweilen an das Kino von Cronenbergs Vater David, beispielsweise an eXistenZ, da der Körper mittlerweile nicht mehr nur Eigentum des Menschen ist, sondern für andere, fremde Interessen benutzt werden kann.

In der bereits erwähnten Unsicherheit Tasyas über ihren eigenen Körper und ihre Persönlichkeit, wie auch später durch den von Christopher Abbott gespielten Colin Tate, zeigt sich der dystopische Charakter von Possessor. Wirklich besitzen, wie der Titel impliziert, kann man eigentlich nichts mehr, sodass alles einem aus den Händen gleitet, was sich im Spiel von Abbott wie auch Riseborough zeigt, die eigentlich beide Opfer eines tyrannischen, alles kontrollierenden System sind, und im spannenden Finale des Films um das kämpfen, was ihnen noch bleibt.

Credits

OT: „Possessor“
Land: Kanada, UK
Jahr: 2020
Regie: Brandon Cronenberg
Drehbuch: Brandon Cronenberg
Musik: Jim Williams
Kamera: Karim Hussain
Besetzung: Andrea Riseborough, Christopher Abbott, Rossif Sutherland, Tuppence Middleton, Sean Bean, Jennifer Jason Leigh

Bilder

Trailer

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Possessor
"Possessor" ist eine erschreckende Dystopie, in der sich Elemente des Horrorgenres sowie des Science-Fiction vereinen. Neben der verstörenden, interessanten visuellen Sprache des Films sind es darüber hinaus die Schauspieler und die Vision Brandon Cronenbergs, welche den besonderen Reiz dieses Werkes ausmachen.
9von 10

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