Inhalt / Kritik

Chaos Walking

„Chaos Walking“ // Deutschland-Start: 17. Juni 2021 (Kino) // 14. Oktober 2021 (DVD/Blu-ray)

Als die Menschen den fernen Planeten New World besiedelten, waren die Hoffnungen groß, dort eine neue Heimat zu finden. Stattdessen endete die Kolonisierung in einem Desaster. Sämtliche Frauen sind im Krieg gegen die Ureinwohner Spackle gestorben, jede von ihnen brutal ermordet. Die Männer wiederum haben eine sonderbare Fähigkeit namens Noise entwickelt, die alle Gedanken hörbar macht und auch in Bilder verwandelt, die andere sehen können. Auch Todd Hewitt (Tom Holland) besitzt diese Fähigkeit und zeigt Talent darin, diese bewusst einzusetzen. Bis sie auftaucht und seine Gedanken bestimmt: Viola (Daisy Ridley). Dabei will sie nach ihrer Bruchlandung nur die Besatzung ihres Schiffes benachrichtigen. Todd setzt alles daran, ihr dabei zu helfen. Doch David Prentiss (Mads Mikkelsen), der Bürgermeister des kleinen Ortes, hat andere Pläne …

Ich sehe, was du denkst

Es gibt Leute, denen sieht man am Gesicht schon an, was in ihrem Kopf vor sich geht, noch bevor sie es selbst genau realisiert haben. Andere wiederum haben die Kunst des Poker Face derart perfektioniert, dass nicht der geringste Gedanke nach außen tritt und man letztendlich nur spekulieren kann. Doch was wäre, wenn diese Gedanken tatsächlich für jedermann erfahrbar wären? Wenn alles, was in uns vorgeht, ungefiltert mit anderen geteilt würde? Romanautor Patrick Ness (Sieben Minuten nach Mitternacht) nahm diese Vorstellung und strickte drumherum eine ganze Trilogie, welche die Grundlage für Chaos Walking bildet. Eine Vorstellung, die irgendwie faszinierend, gleichzeitig aber auch ziemlich erschreckend ist.

Der durchaus mit dem Science-Fiction-Genre vertraute Regisseur Doug Liman (Edge of Tomorrow, Jumper) verstärkte dieses Unheimliche noch durch eine kleine, aber feine Änderung. Anders als im Roman, wo Noise tatsächlich nur eine Art Grundrauschen bezeichnete, wenn sämtliche Gedanken hörbar sind, drücken sich diese in Chaos Walking auch als Bilder aus. Das geschieht teilweise unbewusst, wenn diese ähnlich zu Gedankenblasen in Comics um die Köpfe herumschwirren. Interessant ist aber, wie Todd und auch andere bewusst Bilder erschaffen können, um andere zu verwirren, abzulenken oder ihnen Angst einzujagen. Das bringt einige sehenswerte Momente mit. So ganz passt diese Interpretation aber nicht zum ursprünglichen Konzept. Sie wird auch nicht wirklich konsequent umgesetzt.

Figuren ohne Innenleben

Stattdessen besteht der Film über weite Strecken darin, dass Todd wie ein Mantra seinen Namen aufsagt, damit Viola seine Gedanken nicht hört und sieht. Schließlich ist er ein junger Mann, der das erste Mal einer Frau gegenübersteht, einer attraktiven noch dazu. Da spielen die Hormone schon mal etwas verrückt. Chaos Walking nutzt das jedoch vorrangig, um dezent peinliche Situationen durchzuspielen, die wohl für Unterhaltung sorgen sollen. Eine echte Annäherung der beiden Figuren findet jedoch nicht statt. Wenn Todd alles aufgibt und riskiert, um der hübschen Fremden zu helfen, dann wohl allein aus Prinzip. Weil das in diesen Filmen einfach so sein muss, nicht weil es sich aus der Beziehung der beiden ergibt, die in erster Linie eine Behauptung bleibt.

Damit zusammen hängt auch die schwache Figurenzeichnung. Während Todd noch tatsächlich wie ein Mensch aus Fleisch und Blut wirkt, woran der wie immer charismatische Tom Holland (Spider-Man: Homecoming) einen maßgeblichen Anteil hat, sind die anderen schon recht dünn. Prentiss ist fast schon die Karikatur eines Bösewichtes. Viola ist weder Damsel in Distress noch Powerfrau. Sie ist einfach nur da und entwickelt im Laufe der Geschichte nichts, was man selbst mit großen Wohlwollen eine Persönlichkeit nennen könnte. Das fällt vor allem über den langen Teil auf, wenn beide zusammen auf der Flucht sind. Was normalerweise die spannendste Phase sein sollte, ist schon sehr von Längen geprägt.

Unter den Möglichkeiten geblieben

Vereinzelte Höhepunkte gibt es aber schon. Allein die Kombination aus Science-Fiction- und Westernelementen, wenn Raumschiffe auf berittene Schurken treffen, ist immer wieder nett. Einige der verarbeiteten Gedanken lohnen auch, sich etwas näher und ausführlicher damit zu befassen. Außerdem sind da die besagten Szenen, in denen sich die Noise-Attacken verselbständigen und die auch einem Horrorfilm nicht schlecht stehen würden. Deswegen ist es umso bedauerlicher, dass Chaos Walking aus dem Ganzen nicht mehr herausholt. Lange in der Mache gewesen und aufgrund der vielen beteiligten großen Künstler und Künstlerinnen herbeigesehnt, ist am Ende ein recht belangloser Film daraus geworden. Das ist nicht so katastrophal, wie manche gern behaupten, bleibt aber doch weit unter den Möglichkeiten.

Credits

OT: „Chaos Walking“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Patrick Ness, Christopher Ford
Vorlage: Patrick Ness
Musik: Marco Beltrami, Brandon Roberts
Kamera: Ben Seresin
Besetzung: Tom Holland, Daisy Ridley, Mads Mikkelsen, Demián Bichir, Cynthia Erivo, Nick Jonas, David Oyelowo

Bilder

Trailer

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Chaos Walking
In „Chaos Walking“ sind alle Frauen tot, die Männer plagen sich mit hörbaren und sichtbaren Gedanken herum. Das Szenario der Romanadaption ist sicherlich interessant, einige der Ideen laden selbst dazu ein, ein wenig länger nachzugrübeln. Umso bedauerlicher ist, wie sehr der Film unter seinen Möglichkeiten bleibt: Die Hauptgeschichte zieht sich, die Figuren bleiben größtenteils nichtssagend.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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