Kathrin Höckel ist eine deutsche Filmemacherin, Autorin und Beraterin. Nach ihrer Ausbildung als Historikerin und Ökonomin arbeitete sie viele Jahre als Education Policy Analyst bei der OECD und fungierte als Beraterin für Regierungen und verschiedene Institutionen. Darüber hinaus war sie Fellow an der Harvard Graduate School of Education sowie dem MIT GNH & Wellbeing Lab mit Transformationsforscher Otto Scharmer. Ihr Fachgebiet bezieht sich das Verständnis von Bildung, was nicht alleine den wirtschaftlichen Aspekt sieht, sondern welchen Wert Bildungseinrichtungen bei der Persönlichkeitsentwicklung von Auszubildenden und Schülern haben. Einen genaueren Überblick über ihre Forschungsgebiete gibt ihre Homepage.

Im Dokumentarfilm Teachers for Life – Lernen aus Verbundenheit, den sie zusammen mit Regisseur Julian Wildgruber drehte, geht es um die Frage, inwiefern Bildung einen Beitrag dazu leisten kann, dass sich junge Menschen in der immer komplexer werdenden Welt zurechtfinden. Der Film, der auf dem diesjährigen DOK.fest München zu sehen ist, beschreibt anhand verschiedener Pädagogen, wie Bildung im 21. Jahrhundert aussehen kann und was sie leisten muss, damit es unserer Gesellschaft gelingt, komplexe Probleme wie den Klimawandel anzupacken.

Im Interview sprechen wir mit Kathrin Höckel über die Inspirationen zu Teachers for Life, den Stellenwert des Leistungsprinzips in der Schule sowie über die Beziehungskompetenz von Lehrerinnen und Lehrern.

Was war der Ausgangspunkt für Teachers for Life?

Die Motivation für Teachers for Life wie auch für meine eigene Arbeit im Bildungsbereich hängt mit vielen Problemen zusammen, denen wir in den letzten Jahren begegnet sind, die unsere Leben gefährden. Es geht mir um die Frage, wo man bei der Lösung ansetzen kann und was dazu führt, dass sich jemand engagiert, einen positiven Einfluss hat oder zumindest nicht mehr an diesem Prozess der Zerstörung teilnimmt. Es geht mir auch darum zu wissen, was jemanden indifferent macht oder zu einem Teil eines Wirtschaftssystems werden lässt, welches sich sehr destruktiv verhält. Zuletzt geht es um die Frage, inwiefern Bildung, als einer Form der Persönlichkeitsentwicklung, ein Bewusstsein schaffen kann für diese Probleme und vielleicht sogar zu einer Haltungsveränderung beitragen kann.

Es geht um ein Engagement für den Planeten und inwiefern Bildung einen positiven Beitrag für den Erhalt unserer Welt sein kann.

In der Dokumentation treffen wir auf viele verschiedene Lehrerpersönlichkeiten, wie die Therapeutin Helle Jensen, den Schulleiter Richard Dunne, die Referendarin Lisa Viehoff oder den Fußballtrainer Philippe Bretaud. Wie kam es zu dieser Auswahl der Protagonisten für den Film?

Wir haben uns für dieses Projekt nach Pädagogen umgeschaut, welche eine gewisse Haltung gegenüber Bildung repräsentieren. Diese umfasst, dass Bildung nicht nur als Qualifikation für Schulabschlüsse gesehen wird oder als Anhäufung von Wissensbeständen, sondern vielmehr als Persönlichkeitserweiterung verstanden wird. Ausgangspunkt ist dabei eine positive menschliche Beziehung.

Natürlich haben wir nach Pädagogen gesucht, die aufgrund ihrer Persönlichkeit etwas darstellen. Wir haben sogar einzelne Handlungsstränge oder Protagonisten verworfen, weil sie uns zu spezifisch waren oder diese gewisse Größe nicht hatten. Die Menschen, für die wir uns letztlich entschieden haben, durchliefen eine bestimmte biografische Entwicklung. Sie haben an einem frühen Punkt in ihrem Leben ein starkes, teilweise sogar traumatisches Erlebnis mitgemacht, aus dem sie die Stärke für ihre derzeitige Arbeit mit jungen Menschen ziehen. Alle Protagonisten in Teachers for Life haben eine solche Entwicklung durchlaufen, können auf diese zurückblicken und reflektieren, inwiefern dies sie qualifiziert, die Entwicklung eines anderen Menschen zu begleiten.

Gleichzeitig zeigt die Dokumentation Menschen, die vielleicht nicht unbedingt für die Rolle des Pädagogen prädestiniert waren, die aber durch diese Entwicklung zu dieser pädagogischen Haltung gelangten. Es geht auch darum den Begriff des Lehrers und der Lehrerin nicht nur auf den Bereich der Schule zu beziehen, sondern weit zu fassen. Diesen Weg kann jeder beschreiten.

Teachers for Life

Lehrer zu sein, bedeutet mehr als nur die Weitergabe von Schulwissen, sondern sollte auch Interesse am Schüler beinhalten.

An einer Stelle fragt Richard Dunne einen seiner Schüler, wie er sich gefühlt habe, als er eine Geometrie-Aufgabe gelöst hat. Wird die Frage, wie man sich mit einer Aufgabe oder einem Fach fühle, in der Schule zu wenig gestellt?

Das ist wirklich eine tolle Szene und überhaupt nicht gestellt. Letztlich kam es zu diesem Moment und es war ein großes Glück, dass die Kamera dabei lief. Denn was man an dieser Szene sieht, ist, dass sich dieser Schulleiter sehr für seine Schüler interessiert, sie nicht nur nach technischen Aspekten fragt und ob sie etwas verstanden haben, sondern auch, wie sie sich bei der Bewältigung von Aufgaben fühlen. Diese persönliche Ebene wird vielleicht im Schulsystem bisweilen noch unterschätzt und wenn Teachers for Life eins zeigen will, dann, dass Bildung nicht einfach nur Wissen beinhaltet, sondern auch Interesse am Schüler und wie es diesem geht, wenn er eine Aufgabe macht.

Natürlich ist Schule ein Ort, an dem gewisse grundlegende Kompetenzen beigebracht werden und es führt zu weit, wenn man sie nur auf die Gefühlsebene fokussieren will. Jedoch bin ich der Ansicht, dass Schule sehr viel schöner, freudvoller und abwechslungsreicher werden kann, wenn man diese Beziehungs- und Gefühlsebene stärker beachten würde.

Es wird an vielen Stellen auch von der Beziehungskompetenz von Lehrern und Lehrerinnen gesprochen. Sollte diese ihrer Meinung nach bei der Formulierung von Lehrplänen eine größere Rolle spielen?

Zukunftskompetenzen nehmen, wie ich es momentan bei der Entwicklung von Schule und Bildung beobachte, einen sehr viel größeren Raum ein als früher. Es gibt dabei keinen festen Kanon, doch gehen sie von Kreativität, Unternehmertum bis hin zu Empathie und einem Verständnis von Werten. Diese soft skills werden immer wichtiger und es gibt derzeit Überlegungen, inwiefern man diese auch, ähnlich wie kognitive Kompetenzen bei der PISA-Studie, erfassen kann. Es geht dabei um die Frage, wie eine Schulkonstellation aussehen muss oder kann, damit diese Fähigkeiten entwickelt werden.

In Teachers for Life schauen wir uns diese Zukunftskompetenzen insbesondere bezogen auf die Rolle des Pädagogen an. Zur Beziehungskompetenz gehört unter anderem eine geschulte Wahrnehmung, was man beispielsweise sieht, wenn Philippe Bretaud seine Spieler vom Rande des Fußballfeldes aus betrachtet. Es geht auch um den Perspektivwechsel, was man auch am Beispiel Bretauds gut zeigen kann, wenn dieser von seiner eigenen Biografie, seinen Problemen als Teenager ausgeht und sich fragt, was seine Nachwuchsspieler brauchen. Deswegen sagt er, dass sie nicht nur ernstes Training brauchen, sondern auch das Spiel.

Die Entwicklung einer Beziehungskompetenz hat zudem sehr viel mit einer Kenntnis über sich selbst zu tun und wie gut man die eigene Persönlichkeit in die pädagogische Arbeit miteinbringen kann. Diese Kompetenz sollte bei der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften eine besondere Rolle spielen, denn man kann sie lernen, trainieren und weiterentwickeln. Wenn man an dieser Kompetenz arbeitet, kann man sie auch an die Schüler weitergeben, was dann hoffentlich letztlich positive Auswirkungen hat auf unsere aller Zusammenleben.

Gerade in einer sehr diversen Gesellschaft kann eine gute Beziehungskompetenz ein positiver Beitrag zum Zusammenleben sein. Ich bin davon überzeugt, es hätte einen positiven Einfluss, wenn man einen höheren Stellenwert auf die Beziehungskompetenz im Bereich der Bildung setzen würde.

Teachers for Life

Ein Appell in „Teachers for Life“: Schule sollte ein Ort der Freude, der Kreativität und der Leidenschaft sein.

Teachers for Life spricht davon, was in Bezug auf Bildung möglich ist und beschreibt nicht, was gerade beispielsweise im deutschen Bildungssystem falsch läuft, aber dennoch gibt es indirekt Kritik, so auch am Leistungsprinzip. Hat die Leistungsorientierung ihrer Meinung nach einen zu hohen Stellenwert in der Schule?

Am Leistungssystem als solchem ist gar nichts auszusetzen. Der Mensch ist durchaus dafür gemacht, sich zu messen und in einem Wettbewerb mit anderen zu konkurrieren. Jedoch ist problematisch an der Art und Weise, wie dieses System beispielsweise in der Schule ausgedrückt wird, die Reduktion. Das Leistungsprinzip, ausgedrückt durch Noten und Abschlüsse, schaut mehr auf bestimmte Arten von Leistung, vor allem auf kognitive Leistungen. Es ist zudem sehr generalisierend, weil davon ausgegangen wird, dass alle zu einem bestimmten Punkt die selbe Leistung erzielen, doch dabei der Blick auf Vielfalt verloren geht. Es scheint so eine Art Ranking zu geben von Kompetenzen von Formen der Intelligenz, die wünschenswert sind und andere, die getrost unter den Tisch fallen können.

Wenn man es zuspitzend sagen will, gewinnen im derzeitigen Schulsystem vor allem diejenigen, die gelernt haben, Wissen abzuspeichern und es zu einem bestimmten Zeitpunkt abzurufen. Die kommen dann im System Schule gut klar, doch es ist schade, weil so viele andere junge Menschen dabei auf der Strecke bleiben. Wenn sich jemand von einer mangelhaften Leistung zu einer befriedigenden verbessert hat, wird dies oft noch als mittelmäßiger Erfolg gewertet, doch für den Schüler stellt diese eine enorme Leistung dar, die zu wenig gewürdigt wird. In diesem simplifizierten Leistungssystem lässt sich nicht alles erfassen und es reduziert den Blick.

Wenn eine Bewertung begleitet wird mit einer viel umfassenderen Wertschätzung von anderen Formen der Intelligenz oder der Leistung, wäre dies sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung in meinen Augen.

Um es mit Richard Dunne zu sagen, wie fühlten sie sich bei den Dreharbeiten? Was waren besonders schöne oder inspirierende Momente?

Letztlich haben es viele dieser Momente in den Film geschafft. Personen wie Richard Dunne haben uns sehr beeindruckt mit ihrem Engagement und ihrer Weise zu kommunizieren. Als Schulleiter kennt er jeden Schüler und kann in einer gefüllten Aula auf einen jungen Menschen zeigen, diesen mit Namen ansprechen und mit dieser Person ins Gespräch kommen.

Es gab auch so viele witzige Momente, wie beispielsweise, als wir in dem Schulgarten gefilmt haben und die Schüler eine Chilischote probieren. Da mussten wir uns hinter der Kamera zusammenreißen, dass wir mit unserem Lachen die Aufnahme nicht stören.

Diese Momente spiegeln genau das wider, was Schule sein könnte. Wenn man den Fokus etwas anders ausrichten würde und mehr darauf eingehen würde, was junge Leute wollen, wie man sie begeistern kann und wo man sie abholen kann, wäre dieser Ort sehr viel lebendiger für alle Beteiligten. Vielleicht kann Schule dann von einem Ort, an dem sich viele langweilen, oder vor dem sich viele gar fürchten, zu einem Ort der Freude, der Kreativität und der Leidenschaft werden. Das wäre mein großer Wunsch und wenn wir mit dem Film einen Beitrag dazu leisten können, wäre dies toll.

Vielen Dank für das nette Gespräch.



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