Sowohl James Rogan als auch James Gay-Rees haben an unterschiedlichen Dokumentation mitgewirkt, ob als Produzent, Autor oder als Regisseur. Rogan führte Regie bei vielen Produktionen fürs Fernsehen, beispielsweise über Prinzessin Diana, Vladimir Putin oder die britische Komikertruppe Monty Python. Eine seiner letzten Arbeiten, welche auf dem Sender BBC One ausgestrahlt wurde, war Stephen: The Murder That Changed a Nation über den Mord an Stephen Lawrence, welcher in seiner Heimat für Furore sorgte. Für diese Dokumentation wurde Rogan für den BAFTA nominiert in der Kategorie beste Regie.

James Gay-Rees hat sich vor allem als Produzent hervorgetan und wirkte, wie auch Rogan, an zahlreichen national wie auch international gefeierten Produktionen mit. Zu seinen bekanntesten Projekten zählen Amy über die Sängerin Amy Winehouse, Senna über den Formel-Eins-Fahrer Ayrton Senna sowie Diego Maradona über den bekannten brasilianischen Fußballer.

Bei der Doku-Serie 1971: Das Jahr, in dem die Musik alles veränderte, die auf Apple TV+ zu sehen ist, wirkten sowohl Gay Rees, als einer der Produzenten, wie auch Rogan, als einer der drei Regisseure, mit. Erzählt wird in acht Episoden über das Jahr 1971, über die Künstler und deren Musik und inwiefern diese die politischen, sozialen wie auch wirtschaftlichen Ereignisse des Jahres widerspiegelt.

Im Interview reden wir mit den beiden über die Idee von Musik als eine Art trojanisches Pferd, über die soziale Verantwortung des Künstlers und darüber, was sie über das Jahr 1971 gelernt haben während der Recherche sowie der Dreharbeiten.

Die Serie hat eine sehr interessante Struktur, weil sich jede Episode nicht nur aus eine ausgewählte Zahl an Künstlern konzentriert, sondern immer auch auf ein Thema, beispielsweise dem Vietnamkrieg oder der Frauenrechtsbewegung. Wie kam es zu dieser Struktur der Serie?

James Gay-Rees: Das Buch, auf dem die Serie basiert, ist 1971 – Never a Dull Moment: Rock Golden Year des britischen Musikjournalisten David Hepworth und in diesem geht er chronologisch vor. Für jeden Monat listet er auf, was an neuer Musik oder neuen Alben veröffentlicht und produziert wurde. Dieser Ansatz war faszinierend, aber für einen Dokumentarfilm oder für eine Serie erzählerisch etwas eingeschränkt. Während der Recherche bemerkten wir, was 1971 für ein interessantes Jahr überhaupt war, nicht nur auf die Musik bezogen, sondern auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Daraus entstand die Idee, die Ereignisse in der Welt mit der Musikgeschichte des Jahres zu verbinden. Letztlich spiegelt die Musik dieses Jahres viel von dem wider, was sich in der Welt ereignete. Als wir diese Idee weiter verfolgten, kristallisierten sich bestimmte Oberthemen heraus, auf denen wir dann die einzelnen Episoden basierten. Vor allem bot diese eine Gelegenheit zu untersuchen, wie Künstler mit dem Scheitern der Gegenkultur der 1960er umgingen, also wie sich Ereignisse wie die Trennung der Beatles, die Manson-Morde oder die schlimmen Ereignisse auf dem Altamont-Konzert der Rolling Stones in der Musik wiederfand. Es ging uns darum, das Spektrum an Reaktionen auf diese Ereignisse zu erforschen, denn gleichzeitig gab es den Anstoß für so eine facettenreiche und lebendige Musik.

In einigen Episoden wird von Musik als eine Art trojanisches Pferd gesprochen. Wie ist das gemeint?

James Rogan: Dieses Konzept kam von einem Interview, dass James mit Jimmy Iovine, einem legendären Musikproduzenten aus den USA führte. Im Jahre 1971 war Iovine noch ein Teenager und retrospektiv beschreibt er, wie Musik es schaffte, politische Themen in die Heime der Menschen zu bekommen. Wenn man beispielsweise an Marvin Gayes What‘s Going On? denkt, ist dies auf der einen Seite ein wunderbar komponiertes, schön gesungenes Musikstück, doch andererseits schaffte es dieses Stück mit seiner Anti-Kriegs-Botschaft in die Wohnzimmer vieler Familien, die Richard Nixon in vielen seiner Reden die „schweigende Mehrheit“ nannte. Ob dies etwas bewirkte, sei dahingestellt, aber Fakt ist, dass sich auf einmal ein Dialog ergab der Eltern mit ihren Kindern, die natürlich wussten, von was Marvin Gaye in seinem Song erzählte.

Inwiefern haben Künstler eine soziale, wenn nicht gar politische Verantwortung?

James Gay-Rees: Ich glaube, das hängt sehr von der Ära ab, in welcher Musik oder Kunst generell kreiert wird. Darüber hinaus hat es sehr viel mit der Musikindustrie zu tun und den Ereignissen, welche Politik und Gesellschaft beschäftigen. Was die Musik zu Beginn der 70er Jahre angeht, kann man feststellen, dass viele der Themen, welche behandelt werden, von Rassismus bis hin zu Geschlechterbildern, uns heute noch sehr vertraut sind. Wenn eine Serie, wie die unsere, Künstler dazu inspirieren kann, ihre Musik auf die Ereignisse der Gegenwart auszurichten, wäre dies toll. Musik hat die Kraft, Themen und Ideen aufzugreifen, die keiner wirklich anspricht oder kann die auf ihre einzigartige Weise ausdrücken.

James Rogan: Der englische Poet Percy Bysshe Shelley hat einmal von Dichtern als den inoffiziellen Gesetzgebern unserer Zeit gesprochen. Ich glaube, dass Künstler, egal ob Schriftsteller, Maler oder Filmemacher, immer wieder Momente in ihrem Schaffen haben, in welchem sie diese Rolle übernehmen. Als Pablo Picasso sein Gemälde Guernica über den spanischen Bürgerkrieg schuf, Marvin Gaye ein Album wie What’s Going On? aufnahm oder John Lennon die ersten Takte von Imagine anstimmte, übernahmen diese Künstler diese Rolle, die ihnen Shelley zugedachte. Sie sprachen darüber, wie sie die Welt sehen und über sie dachten, was eine der schönsten Gaben ist, die ein Künstler hat.

Was haben sie beide über das Jahr 1971 und seine Musik herausgefunden, was sie noch nicht wussten oder was sie überrascht hat?

James Gay-Rees: Was mich persönlich sehr überraschte, war wie eng verknüpft Musik, Gesellschaft und Politik waren. Wie James gerade sagte, war es faszinierend, diese Momente noch einmal zu erleben, als Künstler etwas mit ihrer Musik bewegten, die Menschen ansprachen und relevante Themen ansprachen. Die Musik des Jahres 1971 kannte ich schon sehr gut, als wir das Projekt begannen, doch ihren Hintergrund wie auch ihre Relevanz wurde mit durch die Arbeit an dieser Produktion erst so richtig bewusst. Ich hoffe natürlich sehr, dass Musik etwas zum Positiven bewegen kann in unserer Welt, doch ob dies wirklich so ist, bleibt umstritten. Nicht umstritten ist hingegen, dass beispielsweise ein Song wie What’s Going On? einen großen Beitrag zu einer gesellschaftlichen wie auch politischen Diskussion darstellt.

James Rogan: Das Tolle an der Arbeit an einer Dokumentation ist sich bewusst zu sein, was man nicht weiß. Wenn man dann mit Menschen spricht und Aufnahmen aus jener Zeit sieht, lernt man so unglaublich viel dazu – wie auch der Zuschauer hoffentlich. Eine interessante Beobachtung, die wir gemacht haben war, als wir beispielsweise einem politischen Aktivisten aus der Zeit Songs aus dem Jahre 1971 vorspielten und wir sehen konnten, wie er oder sie auf einmal wie in einer Zeitkapsel in diesen Moment damals zurückreiste. Sowohl für uns wie auch unseren Gesprächspartner waren solche Momente immer sehr emotional, denn es entstand auf einmal eine Brücke zwischen 1971 und dem 2020 oder wann auch immer wir das Interview führten. Natürlich ist Musik ein Quell der Freude und man kann sich bei ihr entspannen, doch zu sehen, wie sie eine Form der Erinnerung für jemanden sein kann, war erstaunlich.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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