Inhalt / Kritik

Plötzlich so still

„Plötzlich so still“ // Deutschland-Start: 8. März 2021 (ZDF)

Die Freude ist groß bei Eva (Friederike Becht) und Ludger (Hanno Koffler): das erste gemeinsame Kind! Das junge Glück wird jedoch bald auf eine erste Probe gestellt, als Ludger die Chance erhält, eine Fortbildung beim FBI zu machen. Davon hatte er immer schon geträumt. Doch es würde bedeuten, kurze Zeit nach der Geburt bereits für zehn Wochen ins Ausland gehen zu müssen. Die Situation ist für beide schwierig, dennoch entscheiden sie sich, dass er diese Chance wahrnehmen sollte. Tatsächlich schlägt sich Eva in der Abwesenheit ganz wacker, erlebt eine glückliche Zeit mit der jungen Sarah – bis diese kurz vor der Rückkehr von Ludger stirbt. Völlig aus der Bahn geworfen streift Eva durch die Stadt, ohne jemandem etwas zu sagen. Als sie dann ein anderes Neugeborenes entdeckt, das von seiner Mutter für einen Moment im Auto allein gelassen wurde, tröstet sie es zuerst – und nimmt es spontan mit sich nach Hause, als Ersatz für ihr totes Kind …

Extremerfahrung: Verlust des eigenen Kindes

Sie gehört sicherlich zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann: das eigene Kind verlieren. Danach weiterzumachen, ein normales Leben zu führen, für viele ist das undenkbar. Immer wieder zerbrechen Paare auch an dieser Belastung. Besonders hart wird es dabei natürlich, wenn das Kind sehr jung stirbt oder auch sehr plötzlich. In Plötzlich so still tritt beides auf einmal auf, wenn eine Mutter nur wenige Wochen nach der Geburt ihr Baby tot vorfindet. Erschwerend kommt hinzu, dass sie in dem Moment alleine ist und es keine erkennbare Todesursache gibt. Die Entdeckung ist daher nicht nur ein Schock. Die Situation ist für sie auch völlig unwirklich.

Für das Publikum gilt das genauso. Zumindest darf man an der einen oder anderen Stelle sich fragen, wie glaubwürdig das ist. Wenn sich Eva in einer Kurzschlussreaktion ein fremdes Baby schnappt und daran glauben will, es sei das eigene, ist das eine Sache. Ob ein Vater, wie es in Plötzlich so still geschieht, das eigene Kind nicht mehr wieder erkennt, nachdem er es kurze Zeit nach der Geburt hat für mehrere Monate verlassen müssen, dürfte so manchen vor den Fernsehern daheim übel aufstoßen. Vor allem aber, dass Ludger ausgerechnet in dem Fall der Entführung ermitteln soll, den seine eigene Frau begangen hat, ist natürlich sehr konstruiert und vom Zufall abhängig.

Porträt eines Zusammenbruchs

Man sollte den ZDF-Film Plötzlich so still daher weniger als ein realistisches Drama betrachten, welches sich in der Form andauernd zutragen könnte. Stattdessen hat Lars-Gunnar Lotz (Tage des letzten Schnees) einen Film inszeniert, der sich auf ungewöhnliche Weise mit den Themen Tod, Verlust und Trauer auseinandersetzt. Es geht also weniger um die Umstände des Ereignisses, sondern die Auswirkungen auf die betroffenen Menschen. Was macht es mit einem, wenn das eigene Kind stirbt? Wie reagiert eine Mutter, wenn sie ihr totes Baby in den Armen hält und in dem Moment nicht einmal weiß, ob sie vielleicht eine Schuld an dem Tod hatte?

Als eine solche Was-wäre-wenn-Überlegung ist Plötzlich so still durchaus sehenswert. Der Film gibt dem Publikum einiges zum Nachdenken mit auf den Weg. Vor allem aber ist er natürlich eine sehr emotionale Erfahrung, die gerade Eltern nahegehen wird. Friederike Becht (Du sollst nicht lügen) hat dabei die dankbarere, wenngleich deutlich schwierigere Rolle einer Mutter, die innerlich zerbricht und dabei nach den außen hin den Anschein einer heilen Welt bewahren muss. Hanno Koffler (Freier Fall) dient da stärker als Kontrast, als ruhiger, besonnener Ehemann, der unbedingt anderen helfen will, aber im entscheidenden Moment nicht für seine eigene Frau da ist. Das lässt viele Fragen offen, etwa zum Thema Kindbindung oder Geschlechterrollen. Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen und von der emotionalen Wucht der Erfahrung überrollen lassen, die an niemandem spurlos vorübergeht.

Credits

OT: „Plötzlich so still“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Lars-Gunnar Lotz
Drehbuch: Matthias Wehner
Musik: Matthias Weber
Kamera: Eva Katharina Bühler
Besetzung: Friederike Becht, Hanno Koffler, Nadja Bobyleva, Morgane Ferru, Katharina Behrens, Idil Üner, Christian Beermann

Bilder

Interview

Hanno Koffler Interview Plötzlich so stillSind Eltern-Kinder-Verbindungen instinktiv oder antrainiert? Und wie bereitet er sich auf solche emotionalen Filme vor? Diese und andere Fragen haben wir Hauptdarsteller Hanno Koffler in unserem Interview zu Plötzlich so still gestellt.

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Plötzlich so still
In „Plötzlich so still“ stirbt ein Baby, die Mutter nimmt in ihrer Verzweiflung ein anderes, welches es dann für das eigene ausgibt. Die Geschichte des Dramas ist an mehreren Stellen konstruiert. Sehenswert ist es aber allein schon für die emotionale Wucht der Erfahrung, zumal der TV-Film auch die eine oder andere universelle Frage aufwirft.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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