Inhalt / Kritik

Mary Reilly

„Mary Reilly“ // Deutschland-Start: 25. April 1996 (Kino)

Nach einer schweren Kindheit und einem Leben in Armut hat Mary Reilly (Julia Roberts) endlich einmal Glück. So dachte sie zumindest, als sie ihre Stelle als Hausmädchen bei dem angesehenen und wohlhabenden Arzt Dr. Henry Jekyll (John Malkovich) beginnt. Tatsächlich ist dieser ausgesprochen freundlich zu ihr, höflich und an ihrem Schicksal interessiert. Doch als der Doktor aufgrund seiner Arbeit immer mehr eingespannt ist und sich zur Unterstützung den neuen Assistenten Edward Hyde (ebenfalls Malkovich) engagiert, wird die Situation im Haus zunehmend kompliziert. So ist Hyde anmaßend und rücksichtslos, was Reilly gleichermaßen fasziniert wie abstößt. Vor allem aber scheint er ein finsteres Geheimnis zu verbergen …

Hochglanz-Horror alter Schule

In den 1990ern gab es eine kurze Phase, in der Hollywood das zuvor eher in die Schmuddelecke abgerutschte Horrorgenre wieder für sich entdeckte. Ob nun Francis Ford Coppolas Bram Stokers Dracula (1992) mit Gary Oldman, Mike Nichols’ Wolf (1994) mit Jack Nicholson und Michelle Pfeiffer oder Kenneth Branaghs Mary Shelleys Frankenstein (1994) mit Robert De Niro, die Liste an großen Namen vor und hinter der Kamera war beeindruckend. Die alten Monster wurden mit einem Aufwand wiederbelebt, wie man es seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Lange hielt diese Phase dabei aber nicht an, wohl auch weil die kommerziellen Erfolge zum Teil nicht so ganz den Erwartungen entsprachen.

Das gilt besonders für Mary Reilly, das 1996 als einer der letzten großen Titel erschien und dabei völlig baden ging. Die Einspielergebnisse waren katastrophal, die Kritiken meist mäßig. Dabei war auch hier der Starfaktor enorm. Regie führte immerhin der Brite Stephen Frears, der zuvor für Titel wie Mein wunderbarer Waschsalon und Gefährliche Liebschaften mit Kritikerlob überhäuft wurde. Dazu das prominente Ensemble, welches von Julia Roberts und John Malkovich angeführt wird. Die Erwartungen waren da im Vorfeld schon recht hoch. Umso größer waren aber die Enttäuschungen, was am Ende draus wurde. Denn trotz zahlreicher guter Elemente, überzeugend ist das hier nicht.

Perspektivenwechsel ohne Folgen

Wobei das erste Problem schon die Vorlage ist. Mary Reilly nimmt sich der berühmten Romanfigur Dr. Jekyll an, der durch ein Experiment sein böses Alter Ego Mr. Hyde zum Vorschein bringt. Der Film basiert dabei allerdings nicht auf dem Klassiker Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson, sondern dem Roman von Valerie Martin. Die erzählt das Geschehen aus dem Blickwinkel der Titelheldin, einem einfachen Hausmädchen, das zwischen die beiden Teilzeitmänner gerät. Nun hat es in den letzten Jahren zahlreiche Versuche gegeben, alte Geschichten mit einer weiblichen Perspektive neu zu deuten. Gretel & Hänsel machte aus dem bekannten Märchen beispielsweise ein feministisches Coming-of-Age-Drama.

Bei Mary Reilly wird jedoch nie klar, was genau der Perspektivenwechsel nun bringen soll. So ist die Titelfigur beispielsweise furchtbar nichtssagend. Nicht dass grundsätzlich etwas gegen zurückhaltende Figuren einzuwenden wäre. Wenn diese aber allein durch andere Figuren definiert wird, sei es durch deren Freundlichkeit oder Misshandlung, dann ist das schon recht wenig. Es gelingt Superstar Julia Roberts auch zu keiner Zeit, mal tatsächliche Akzente zu setzen, die über das Streichen der diversen Narben hinausgehen. John Malkovich hat da natürlich eine dankbarere Rolle, wenn er immerhin zwei sehr unterschiedliche Figuren mimen darf. Mehr als Standard liefert er dennoch nicht ab. Da hinterlassen Glenn Closes spärlichen Auftritte als Bordellbesitzerin schon mehr Eindruck. Die sind aber so selten, dass man deswegen allein nicht einschalten muss.

Schön, aber nicht spannend

Dass der Film bei den Figuren wenig bietet, ist auch deshalb tragisch, weil Mary Reilly als Horrorfilm kaum zu gebrauchen ist. So zeigt Stephen Frears zwar ein unerwartetes Talent in diesem Genre. Es gelingen dem eigentlich mehr auf Dramen spezialisierten Filmemacher durchaus ansprechende Bilder, die den geeigneten Rahmen bilden für einen schaurig-schönen Abend. Nur passiert innerhalb dieses Rahmens dann praktisch nichts. Sicher müssen Horrorfilme nicht zwangsweise mit Gewaltexzessen aufwarten, um eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Aber da sollte doch irgendetwas sein, was tatsächlich für Spannung sorgt. So aber bleibt ein atmosphärisch starkes Nichts, das am Ende ziemlich überflüssig ist, weder dem Genre, noch dem Motiv des persönlichen Abgrunds gerecht wird.

Credits

OT: „Mary Reilly“
Land: USA
Jahr: 1996
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Christopher Hampton
Vorlage: Valerie Martin
Musik: George Fenton
Kamera: Philippe Rousselot
Besetzung: Julia Roberts, John Malkovich, Michael Sheen, George Cole, Michael Gambon, Kathy Staff, Glenn Close

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Berlinale 1996 Goldener Bär Nominierung
Goldene Himbeere 1997 Schlechteste Regie Stephen Frears Nominierung
Schlechteste Hauptdarstellerin Julia Roberts Nominierung

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Mary Reilly
Die Erwartungen waren groß, die Enttäuschung leider auch. Wenn „Mary Reilly“ die berühmte Geschichte um Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus weiblicher Perspektive erzählt, dann ist das am Ende ziemlich nichtssagend. Aber auch als Horrorfilm enttäuscht das Werk, das zwar mit stimmungsvollen Aufnahmen punktet, daraus aber keine wirkliche Spannung erzeugt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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