Kritik

In Therapie Arte

„In Therapie – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 4. Februar 2021 (Arte)

Paris im Herbst 2015: Die Stadt steht noch unter dem Eindruck der verheerenden Anschläge, muss die vielen Wunden verarzten. Dadurch hat auch Psychotherapeut Philippe Dayan (Frédéric Pierrot) alle Hände voll zu tun. So hat seine Patientin Ariane (Mélanie Thierry) als Chirurgin die Folgen hautnah erlebt, muss sich jetzt mit ihrer kriselnden Beziehung auseinandersetzen. Adel (Reda Kateb) wiederum war als Polizist im Einsatz und leidet seither unter diesen Erlebnissen, wovon aber niemand etwas erfahren darf. Bei Léonora (Clémence Poésy) und Damien (Pio Marmaï) steht hingegen die schwierige Entscheidung an, ob sie ihr Kind behalten oder die Schwangerschaft abbrechen wollen. Und dann wäre da noch die Jugendliche Camille (Céleste Brunnquell), die nach einem Unfall zwei Arme im Gips hat und bei der Dayan feststellen soll, ob sie selbstmordgefährdet ist. Dabei hat er selbst genügend eigene Probleme, weshalb er den Kontakt zu seiner ehemaligen Therapeutin Esther (Carole Bouquet) aufnimmt, die er viele Jahre nicht mehr gesehen hat …

Am Rande der Gesellschaft

In seinen Filmen greift das französische Regie- und Drehbuchduo Eric Toledano und Olivier Nakache bei allem Unterhaltungswert immer wieder auf gesellschaftlich relevante bis brisante Themen zurück, rund um Menschen, die auf ihre Weise nicht dazu gehörten. In ihrem berühmtesten Werk Ziemlich beste Freunde erzählten sie von einem Querschnittsgelähmten und dessen Freundschaft zu einem Kleinkriminellen. In Heute bin ich Samba nahmen sie sich des Themas Immigration an. Alles außer gewöhnlich wiederum handelte von autistischen Jugendlichen und wie diese vom Sozialstaat und dem System im Stich gelassen wurden.

Insofern überrascht es nicht wirklich, wenn auch ihre erste Serie In Therapie ein Schlaglicht auf Menschen wirkt, die nicht mehr wirklich passen, in Verbindung mit einer stark gesellschaftlich ausgeprägten Komponente. Wobei die Geschichte um einen Psychotherapeuten nur zum Teil auf sie zurückgeht. Vielmehr kamen sie, zusammen mit Yaël Fogiel und Laetitia Gonzalez, auf die Idee, BeTipul ins Französische zu übertragen. Internationale Adaptionen der 2005 veröffentlichten israelischen Serie gab es zuvor bereits einige, in den unterschiedlichsten Sprachen. Der Clou hier ist, dass das Geschehen ins Paris Ende 2015 verlagert wird, unmittelbar nach den verheerenden Anschlägen, die 130 Menschen das Leben kostete.

Der Blick hinter die Fassade

Tatsächlich verhandelt die auf Arte ausgestrahlte Sendung aber nur zum Teil die brutalen Ereignisse. Bei den ersten beiden Geschichten – Ariane und Adel – haben sie arbeitsbedingt direkte Auswirkungen. Vor allem Adel ist nachhaltig davon geprägt, sucht er deshalb doch Hilfe beim Therapeuten, ohne das in der Form offen zugeben zu wollen. Letztere Eigenschaften teilt er dabei mit allen Figuren in der Serie, einschließlich Dayan. In den einzelnen Sitzungen geht es immer darum, hinter die Fassade zu schauen, herauszufinden, was Worte und Taten wirklich bedeuten, am Ende zu einer Erkenntnis zu kommen. Das geschieht mal mit den Patienten und Patientinnen, mal eher trotz ihnen. Tatsächlich ist In Therapie sehr stark von Konflikten geprägten, in den insgesamt 35 Folgen kann es schon mal böse krachen.

Dennoch ist die Serie insgesamt recht ruhig. Sie ist auch bedingt durch das Konzept nicht sonderlich abwechslungsreich. Ein Großteil von In Therapie spielt im Behandlungszimmer von Dayan, der Inhalt besteht ausschließlich aus Dialogen. So etwas kann natürlich schnell eintönig werden, zumal über einen so langen Zeitraum. Tatsächlich kommt es innerhalb der einzelnen Handlungsstränge schon auch zu Redundanzen, wenn sich die Gespräche immer wieder um dieselben Themen und Fragen drehen, ohne dass es zu einem spürbaren Fortschritt kommt. Da die Figuren mitunter auch sehr anstrengend werden können mit ihrer passiv-aggressiven Art, wird die Auseinandersetzung mit ihnen zu einem kleinen Geduldspiel, vor allem wenn die Probleme zu sehr Selbstzweck werden und mancher Konflikt konstruiert wirkt.

Mut zur Hässlichkeit

Zum Teil wird das durch das Format wieder aufgefangen. So sind die Folgen jeweils nur 25 bis 30 Minuten lang. Die lineare Ausstrahlung springt zudem mit jeder Folge zu einem anderen Handlungsstrang weiter, sodass die Stränge kontinuierlich rotiert werden. Außerdem stand In Therapie ein sehr gutes Ensemble zur Verfügung, welches die holprigen Ausflüge in die Psyche tapfer mitträgt und keine Scheu davor hat, sich von einer verletzlichen oder hässlichen Seite zu zeigen. Die französische Serie fordert dazu auf, genauer hinzusehen, selbst wenn es unangenehm und schmerzhaft ist. Ob das Ergebnis dazu geeignet ist, Vorbehalte gegenüber der noch immer von zu vielen tabuisierten Behandlung psychologischer Probleme aufzuheben, sei mal dahingestellt – dafür wird hier einfach ein zu negatives Bild vermittelt. Aber es ist doch faszinierend mitanzusehen, wie Menschen miteinander ringen, um Antworten auf Fragen zu erhalten, deren Existenz sie sich nicht immer bewusst sind.

Credits

OT: „En thérapie“
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache, Mathieu Vadepied, Pierre Salvadori, Nicolas Pariser
Drehbuch: David Elkaïm, Vincent Poymiro, Pauline Guéna, Alexandre Manneville, Nacim Mehtar, Eric Toledano, Olivier Nakache
Idee: Yaël Fogiel, Laetitia Gonzalez, Eric Toledano, Olivier Nakache
Musik: Yuksek
Kamera: Quentin de Lamarzelle, Mélodie Preel
Besetzung: Frédéric Pierrot, Carole Bouquet, Mélanie Thierry, Reda Kateb, Clémence Poésy, Pio Marmaï, Céleste Brunnquell, Elsa Lepoivre, Elsa Lepoivre

Bilder

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In Therapie – Staffel 1
„In Therapie“ folgt einem Psychotherapeuten und mehreren Patienten und Patientinnen während ihrer abwechselnden Sitzungen. Das ist zwar konzeptbedingt nicht sehr abwechslungsreich, zumal manche Konflikte eher erzwungen wirken. Dennoch ist die sehr gut besetzte Serie ein interessantes Porträt, sowohl einzelner von Krisen geplagter Individuen wie auch von Paris im Nachklang der Terroranschläge 2015.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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