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Früchte des Zorns The Grapes of Wrath

„Früchte des Zorns“ // Deutschland-Start: 27. März 1953 (Kino) // 1. Februar 2010 (DVD)

Vier Jahre saß Tom Joad (Henry Fonda) im Gefängnis, nachdem er einen Mann totgeschlagen hatte. Jetzt ist er wieder draußen, auf Bewährung. Doch die Freude, wieder zurück bei seiner Familie sein zu können, währt nur kurz. Denn als er und der ehemalige Prediger Jim Casy (John Carradine) die alte Heimat aufsuchen, müssen sie feststellen, dass die meisten das Land verlassen haben. Eine Folge von Sandstürmen hat die Gegend verwüstet und die Landwirtschaft unmöglich gemacht. Die Hoffnung der Leute ruht nun auf Kalifornien, wo sie wohl tatkräftige Männer und Frauen zum Obstpflücken suchen. Auch Familie Joad will dort ihr Glück versuchen. Und so macht sich Tom mit seinen Eltern  (Jane Darwell, Russell Simpson) und den anderen auf den Weg. Was zunächst so hoffnungsvoll klang, macht bald aber Ernüchterung Platz, denn es gibt nicht genügend Arbeit für alle …

Umjubeltes Dokument einer schwierigen Zeit

Auch wenn man den Namen John Ford vor allem mit dem Westerngenre in Verbindung bringt, so hat der Regisseur, der mit vier Oscar-Auszeichnungen bis heute den Rekord hält, in seiner langen Karriere diverse andere bedeutende Filme gedreht. Der vermutlich wichtigste: Früchte des Zorns. Wenn irgendwo mal wieder die wichtigsten amerikanischen Filme bestimmt werden, dann ist das Drama von 1940 fast immer dabei. Und das aus gutem Grund: Die Adaption von John Steinbecks ein Jahr zuvor erschienenem Roman hielt fest, was es bedeutete, während der Great Depression Ende der 1920er auf einmal keine Lebensgrundlage mehr zu haben. Eine Folge von Dürren und Stürmen hatte die Farmer ihres Einkommens beraubt, soziale Sicherungssysteme gab es nicht.

Entsprechend düster ist der Ton des Films. Wenn Tom zu Beginn durch das verlassene Haus seiner Familie streift, auf der Suche nach irgendwelchen Menschen, dann hätte das genauso in einen Horrorfilm gepasst. Und auch später setzen John Ford und Kameramann Gregg Toland (Citizen Kane) auf sehr dunkle Aufnahmen. Viele Szenen spielen bei Nacht oder in geschlossenen Gebäuden, wohin sich kein Licht mehr verirrt. Das ist dann nicht sonderlich subtil, etwa bei den klaustrophobischen Bildern von der Farm, die eindeutig auf einem Studiogelände aufgebaut wurde. Wirkungsvoll ist es aber schon, gerade zu Beginn herrscht eine gespenstische, unheilvolle Atmosphäre, die einen bereits ahnen lässt, dass die Reise in Richtung Westen keine sehr glückliche sein wird.

Auswüchse eines menschenverachtenden Kapitalismus

Wobei Früchte des Zorns nur zum Teil von den verheerenden Auswirkungen der Natur spricht, welche die Misere erst ausgelöst haben. Wichtiger noch ist, wie Steinbeck und damit der Film voll Bitterkeit die Großgrundbesitzer anklagt, welche die Not der einfachen Bevölkerung für sich ausnutzen. So empört sich Tom an einer Stelle, wie ein Mann über so viel Land verfügen kann, während die meisten nicht einmal wissen, wovon sie ihr Essen bezahlen sollen. Er ist es dann auch, der im Laufe des Films eine Wandlung durchmacht. Ist er zu Beginn ein Mann, der ohne großes Zögern einen anderen umgebracht hat und nur nach einem eigenen Vorteil sucht, wächst er mit der Zeit in die Rolle eines Vorkämpfers für die vielen Menschen und mehr Verteilungsgerechtigkeit. Kein Wunder also, dass es trotz der erfolgreichen Vorlage Vorbehalte bei der Umsetzung gab: Man wollte schließlich nicht als Kommunist gelten.

Diese historische Komponente macht Früchte des Zorns natürlich zu einem wertvollen Zeitdokument, welches an das große Elend der 1930er erinnert, ohne sich daran zu weiden. Gleichzeitig erzählt der Film aber auch eine Geschichte, in der man sich rund 80 Jahre später noch immer problemlos wiederfinden kann. Gerade zu Zeiten, in denen die Schere zwischen Arm und Reich wieder weit auseinandergeht, größere Teile der Bevölkerung einfach abgehängt werden und keine Chance mehr haben, Teil des gesellschaftlichen Lebens zu sein, da sind die Ereignisse des Dramas erschreckend aktuell. Zu der wirtschaftlichen Not kommt noch das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein – was jede Menge Wutpotenzial mit sich bringt.

Ein Lichtblick voller Pathos

Dennoch ist Früchte des Zorns kein durch und durch pessimistischer Film. Zum Ende hin weicht die Adaption von der Quelle ab und findet einen hoffnungsvoll stimmenden Ausblick darauf, dass es zumindest anders kommen kann. Das geht mit einem gesteigerten Pathos einher, welcher nicht so wirklich zu dem dokumentarischen Stil des Vorangegangenen passt und dessen Sprache im Kontext einer einfachen Bevölkerung kaum überzeugt. Ansonsten aber ist die mit Henry Fonda (Die letzte Schlacht, Die 12 Geschworenen) sehr gut besetzte Geschichte einer Familie im Überlebenskampf ein packend unmittelbares Drama, das den etwas abstrakt gewordenen Begriff der Great Depression beeindruckend veranschaulicht.

Credits

OT: „The Grapes of Wrath“
Land: USA
Jahr: 1940
Regie: John Ford
Drehbuch: Nunnally Johnson
Vorlage: John Steinbeck
Musik: Alfred Newman
Kamera: Gregg Toland
Besetzung: Henry Fonda, Jane Darwell, Russell Simpson, John Carradine, Charley Grapewin, Dorris Bowdon, O.Z. Whitehead, John Qualen, Eddie Quillan

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1941 Bester Film Nominierung
Beste Regie John Ford Sieg
Bestes Drehbuch Nunnally Johnson Nominierung
Bester Hauptdarsteller Henry Fonda Nominierung
Beste Nebendarstellerin Jane Darwell Sieg
Bester Ton Edmund H. Hansen Nominierung
Bester Schnitt Robert L. Simpson Nominierung

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Früchte des Zorns
„Früchte des Zorns“ nimmt uns mit in die USA der 1920er und zeigt uns anhand einer Familie, wie die Menschen zur Zeit der Great Depression ums Überleben kämpften. Die bittere Anklage eines menschenverachtenden Kapitalismus, der die Not der einfachen Bevölkerung skrupellos ausnutzt, beeindruckt dabei bis heute, selbst wenn der Schluss nicht so ganz ins Bild passt.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Hier zeigte John Ford, dass er nicht nur Western kann. Es ist sogar ein recht kapitalismuskritischer, über zwei Stunden dauernder Film geworden. Und das vom eher konservativen John Ford.
    So enthält dieser Klassiker die heute immer noch gültigen Aussagen von Dumping Löhnen und Arbeitskampf und von Aufwieglern (Gewerkschaftler gab es noch nicht).
    In den 30er Jahren herrschte die große Depression in Amerika. Großfamilie Joad wird von ihrem Land vertrieben und zieht mit Sack und Pack, Oma und Opa nach Westen teilweise auf der legendären Route 66 zum Obstpflücken. Sie reisen in einem optisch hervorragend umgesetzten LKW, der völlig überladen nur vom Rost zusammengehalten wird. Tausende von Arbeitssuchenden werden wie die Joads auf der Suche nach Arbeit wie die Rinder durchs Land getrieben, von angeheuerten Hilfspolizisten gegängelt, verprügelt und sogar ermordet. (Exprediger Jim, John Carradine).
    Die stimmungsvolle Schilderung der Verhältnisse in s/w beeindruckt immer noch. Das hat John Steinbeck in seiner Romanvorlage aber noch konsequenter und damit viel härter durchgezogen. Der Hungertod dräut dort drastischer. Da muss die schwangere Rosasharn (Dorris Bowdon) schon lebensspendende Muttermilch opfern.
    Hier genügt ein abschließendes Gespräch zwischen Mutter Joad (Oscar für Jane Darwell) und Sohn (Henry Fonda). Ihm geht der Gedanke der Gewerkschaften nicht aus dem Kopf. Weil er gesucht wird, verlässt er die Familie, um gegen die Ungleichheit und Ungerechtigkeit des Raubtierkapitalismus anzukämpfen. Mehr war in Hollywood 1940 nicht drin. Dafür ein staatliches Migrantenlager mit allen Annehmlichkeiten der Zeit.
    Mutter Joad hat das letzte Wort ‘Die Reichen die kommen und gehen, sie sterben. Aber wir sind nicht totzukriegen. Uns wird es immer geben‘ und dann fügt sie den Satz hinzu, der vor der Wiedervereinigung 1990 bei uns Geschichte gemacht hat ‘Wir sind das Volk!‘.
    Eine literarische Filmadaption über das zeitlose Elend der Landbevölkerung und den gnadenlosen Kampf ums Überleben. Der Titel kann Gegenstand von Interpretationen sein. Wer oder was sind denn nun die Früchte des Zorns?

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