Kritik

Felicita

„Felicità“ // Deutschland-Start: 15. Januar 2021 (Amazon Prime Video)

Es ist ein wirklich schönes Haus, das Tim (Pio Marmaï) und Chloé (Camille Rutherford) zusammen mit ihrer kleinen Tochter Tommy (Rita Merle) bewohnen, groß und geräumig, malerisch gelegen mit einem riesigen Garten drumherum. Es hat nur einen kleinen Haken: Es gehört gar nicht ihnen, sie haben sich nur heimlich darin eingenistet, solange die eigentlichen Besitzer verreist sind. Aber das ist bald vorbei, der Sommer geht zu Ende, Tommys erster Schultag steht an. Von einem normalen Alltag sind die drei dabei weit entfernt, den kennen sie gar nicht. Und selbst der, den sie haben, wird an dem Tag auf eine harte Probe gestellt, als es zu einem unerwarteten Ereignis kommt, welches sie vor schwierige Entscheidungen stellt …

Ein heimliches Leben abseits der Gesellschaft

Das Artwork von Felicità mit den drei Hauptfiguren, die gebückt an etwas vorbeischleichen, dürfte den einen oder anderen an die unvergessliche Szene aus Kajillionaire erinnern, wo ebenfalls Vater, Mutter und Tochter sich etwas verrenkten, um ungesehen an jemandem vorbeizukommen. Ohnehin gibt es eine Reihe verblüffender Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Filmen. Im Mittelpunkt stehen jeweils Familien, die etwas abseits der Gesellschaft leben und das mit Regeln und Gesetzen nicht so genau nehmen. Das Leben ist für sie ein Abenteuer, das sie für sich selbst bestimmen müssen. Und noch etwas gleicht in den beiden Werken: Die eigentliche Hauptfigur ist die jeweilige Tochter, die in einer solchen Familie aufwächst und für sich entscheiden muss, welchen Weg sie einschlagen will.

Aber es gibt auch Unterschiede, massive Unterschiede sogar. So war Kajillionaire zwar ein sehr verschrobener Film, aber doch gleichzeitig recht geradlinig. Man wusste dort recht schnell, woran man ist, wer die Figuren sind und in welche Richtung sich das bewegt. Felicità ist da deutlich unberechenbarer. Ein Grund dafür ist, dass Regisseur und Drehbuchautor Bruno Merle sehr ausgiebig mit der Wahrheit spielt. Immer wieder werden in der Familie Geschichten erzählt, die sich später als erfunden herausstellen. Fantasien überlagern die Wirklichkeit. Der Film verzichtet zudem auf erklärende Einführungen. Im Gegenteil: Regelmäßig entdecken wir Details oder sehen Szenen, deren Sinn erst deutlich später klar wird.

Das hat teilweise ein bisschen etwas von einem Krimi, wenn wir uns auf die Suche nach der Wahrheit machen. Da gibt es eine mysteriöse Vorgeschichte, einen unheimlichen Dachboden, Elemente, die man eher im Genrekino vermuten würde. Tatsächlich handelt es sich jedoch bei dem Beitrag vom MyFrenchFilmFestival 2021 um eine Tragikomödie. Allerdings eine, die anders als Kajillionaire ganz extreme Schwankungen in der Tonalität aufweist. Da erfreuen ausgelassene, farbenfrohe Szenen aus einem Familienabenteuer das Herz, nur um im nächsten Moment unerwartete Abgründe zu enthüllen. Skurrile Einfälle wie die Auftritte des französischen Rappers Orelsan und blutiger Ernst geben sich die Hand, kommen zusammen, ohne dass je eine Einheit daraus würde.

Unberechenbarer Genremix

Normalerweise sind solche Schwankungen eine Schwäche, wenn die jeweiligen Filmschaffenden einfach nicht so recht wussten, was sie tun sollten. Bei Felicità wird daraus aber selbst ein Abenteuer, welches das Publikum unentwegt herausfordert. So wie Tommy, die im Laufe des Films immer wieder vor Entscheidungen gestellt wird. Das ist dann auch so etwas wie das Hauptthema: Wir alle müssen mit den Konsequenzen leben für das, was wir tun und nicht tun. Selbst kleine Details können große Auswirkungen haben. Unser Leben, das ist ein Reisebericht voller genommener und verpasster Abzweigungen, an deren Ende wir selbst stehen als die Summe dieser vielen Entscheidungen.

Das hört sich ein wenig verkopft an. Und doch ist Felicità vor allem ein Wechselbad der Gefühle, wenn sich innerhalb der liebevoll-dysfunktionalen Familie rührende, komische und erschreckende Momente abwechseln, ohne immer darauf vorbereitet zu sein. Konstant ist dafür das starke Zusammenspiel des Ensembles. Pio Marmaï (Lieber Antoine als gar keinen Ärger) und Camille Rutherford (Bon Voyage – Ein Franzose in Korea) gefallen als Paar, das eine ganz eigene Beziehung pflegt. Eine wirkliche Entdeckung ist jedoch Rita Merle, die Tochter des Filmemachers, die als aufgewecktes Kind mal die Welt erkundet, sich dann wieder vor ihr zurückzieht und ihre Ruhe haben will – wortwörtlich. Für einen regulären Coming-of-Age-Film wäre das zwar zu wenig. Aber wer etwas Reguläres will, der wird mit dieser auch der tollen Bilder wegen sehenswerten Sonderbarkeit vermutlich eh wenig Freude haben.

Credits

OT: „Felicità“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Bruno Merle
Drehbuch Bruno Merle
Musik: Pygnmy Johnson
Kamera: Romain Carcanade
Besetzung: Pio Marmaï, Rita Merle, Camille Rutherford

Bilder

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Felicità
„Felicità“ folgt einer skurril-dysfunktionalen Familie, die in ihrer eigenen kleinen Welt lebt und sich dabei nicht so wirklich viel um Alltag und Gesetze kümmert. Aber auch der Film schert sich nicht um Regeln, wenn im fliegenden Wechsel komische, rührende und finstere Elemente aufeinanderfolgen, man hier immer wieder nach der Wahrheit suchen muss – selbst wenn diese erfunden ist.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort