Kritik

Ein verrücktes Huhn Tendre poulet

„Ein verrücktes Huhn“ // Deutschland-Start: 11. August 1977 (Kino) // 31. Juli 2015 (DVD/Blu-ray)

Es ist ein glücklicher, wenn auch etwas schmerzhafter Zufall, der Lise Tanquerelle (Annie Girardot) und Antoine Lemercier (Philippe Noiret) wieder zusammenführt. Eigentlich ist die Kommissarin nur mal wieder zu schnell in Paris unterwegs, als sie dabei einen Fahrradfahrer umfährt, der sich als ihre alte Jugendliebe entpuppt. Die Wiedersehensfreude ist trotz der Umstände groß, die beiden beschließen, die alten Tage wiederaufleben zu lassen. Die Sache hat nur einen Haken: Antoine, der inzwischen als Professor arbeitet, lehnt die Polizei grundsätzlich ab, weshalb Lise ihren Beruf verschweigen muss. Und das ist gar nicht so einfach, steht sie nach dem Mord an einem Abgeordneten doch schwer unter Druck, den Täter zu überführen – zumal der es nicht bei einer Leiche belässt …

Gut gelauntes Spiel mit Gegensätzen

Gegensätze ziehen sich an, heißt es immer mal wieder. Und größer könnten die Gegensätze zwischen Lise und Antoine kaum sein. Sie ist aufgekratzt, wirbelt ständig umher, schnauzt als Polizistin jeden an, der ihr in Weg kommt. Er ist dafür umso zurückhaltender, ein freundlicher, unscheinbarer Herr, der es jedoch im Gegensatz zu ihr als Altlinker nicht wirklich mit Staatsorganen hat. Dass die beiden dadurch eigentlich nicht so wirklich zusammenpassen, ist klar. Ebenso klar ist aber auch, dass sie trotzdem füreinander bestimmt sind, so sieht es das Gesetz der Liebeskomödie nun einmal vor. Und zumindest teilweise ist Ein verrücktes Huhn auch genau das.

Aber eben nur teilweise. Genauer ist die Verfilmung eines Romans von Claude Olivier und Jean-Paul Rouland eine Mischung aus Komödie, Romanze und Krimi. Gleich zu Beginn von Ein verrücktes Huhn stolpert man über eine Leiche, sogar wortwörtlich, später werden noch einige andere hinzukommen. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer könnte das getan haben? Und aus welchem Grund? Wie in einem regulären Krimi bedeutet dies, dass Lise durch die Gegend fährt, Verdächtige befragt und anderweitig nach Spuren sucht. Das Publikum kann es sich derweilen daheim gemütlich vor dem Bildschirm machen und selbst ein bisschen miträtseln, wer denn dahinter steckt.

Kuriose Figuren im Dauereinsatz

Doch auch wenn im Laufe der hundert Minuten so mancher Mann recht plötzlich tot umfällt, das Ganze ist immer mit Humor verbunden. So ist eine der anfänglichen Hauptverdächtigen die junge, hübsche Christine Vallier (Catherine Alric), welche die Menschen mit einem großen Lächeln, dabei tendenziell aber weniger Kleidung empfängt. Eine Mischung aus gute gelaunter Unschuld und durchtriebener Versuchung. Allgemein legt Regisseur und Co-Autor Philippe de Broca (Chouans! – Revolution und Leidenschaft) den Fokus bei Ein verrücktes Huhn stark auf die kuriosen Figuren. Nahezu alle haben sie irgendwelche komischen Macken, sind auf die eine oder andere Weise überzeichnet – von Lises Verwandtschaft, mit der sie zusammenwohnt, über selbstverliebte Kollegen bis zu Antoine, der es gar nicht leiden kann, wenn er beim Essen gestört wird.

Das ist dann kein besonders anspruchsvoller Humor. Vieles hier ist schon sehr albern gehalten, darunter eine herrlich bescheuerte Verfolgungsjagd oder ein Verhör, das vieles sein mag, praktisch sicher nicht. Gleichzeitig kann der Film aber auch ziemlich absurd werden, was dann oft mit den verschrobenen Männern und Frauen zusammenhängt, die sich hier so herumtollen. Diese überdrehte Art wird dabei mit viel Charme verbunden, dazu gibt es immer wieder auch schöne Bilder von idyllischen wie völlig kaputten Orten. Passt nicht zusammen? Stimmt. Aber das ist dann doch auch wieder passend bei einem Film, der viel mit Kontrasten und Gegensätzen spielt und selbst in den schrecklichsten Momenten sich noch ein Lächeln bewahrt. Ein Lächeln, das sich auch im Publikum wiederfinden sollte, sofern es sich an diesem etwas eigenen, nostalgisch stimmenden Mix erfreuen kann.

Credits

OT: „Tendre poulet“
Land: Frankreich
Jahr: 1977
Regie: Philippe de Broca
Drehbuch: Philippe de Broca, Michel Audiard
Vorlage: Claude Olivier, Jean-Paul Rouland
Musik: Georges Delerue
Kamera: Jean-Paul Schwartz
Besetzung: Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Hubert Deschamps, Paulette Dubost, Guy Marchand

Bilder

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Ein verrücktes Huhn
In „Ein verrücktes Huhn“ treffen eine Polizistin und ein Professor aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten und dabei doch auch wieder Gefühle füreinander entwickelt. Allgemein ist die Romanadaption ein Spiel mit Kontrasten, kombiniert Krimi, Komödie und Romanze zu einem albern-charmanten Film, der besonders von seinen diversen kuriosen Figuren lebt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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