Kritik

Chouans! - Revolution und Leidenschaft

„Chouans! – Revolution und Leidenschaft“ // Deutschland-Start: 11. Dezember 2020 (DVD)

1793 liegt die Französische Revolution zwar schon ein paar Jahre zurück, doch noch immer ist keine Ruhe eingekehrt im Land. Während die Regierung unbarmherzig die Anhänger des Königshauses verfolgt, formiert sich in der Bretagne Widerstand. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den königstreuen Chouans, welche die Revolution rückgängig machen wollen, und den Regierungstruppen. Dies hinterlässt auch Spuren bei der Familie des Grafen Savinien de Kerfadec (Philippe Noiret). Während sein Sohn Aurèle (Stéphane Freiss) mit den Chouans sympathisiert, ist Adoptivsohn Tarquin (Lambert Wilson) überzeugter Revolutionär. Eines haben die beiden jedoch gemeinsam: Sie hegen Gefühle für Céline (Sophie Marceau), die de Kerfadec ebenfalls als Kind bei sich aufgenommen hat …

Der Traum von der Gleichheit

Kaum ein Großereignis in der europäischen Geschichte wird heutzutage wohl derart romantisch idealisiert wie das der Französischen Revolution. Die Vorstellung, dass die einfachen Bürger sich erhoben, den ausbeuterischen Adel stürzten und sich die Freiheit erkämpften, die sorgt da schon für so manch glänzendes Auge – vor allem in Zeiten, in denen ganz grundsätzlich Misstrauen vor „denen da oben“ herrscht und die wachsende Schere zwischen arm und reich die Sehnsucht nach Enteignung befeuert. Dabei wird dann gerne mal vergessen, dass die Revolution zum Teil auch großes Leid für die einfache Bevölkerung brachte. Dass es im Volk auch Kräfte gab, die einen solchen kompletten Umsturz gar nicht wollten.

Rund zwei Jahrhunderte nach den Anfängen der Revolution wollte Philippe de Broca an eben diese Ambivalenz erinnern. Dabei verzichtete der Regisseur und Co-Autor darauf, die ikonischen Momente zu verewigen, die wir mit dem Ereignis in Verbindung bringen. Hier gibt es eben keinen Sturm auf die Bastille, nicht die Hinrichtung des Königs oder das Verlesen von Manifesten. Stattdessen zeigt Chouans! – Revolution und Leidenschaft die Auswirkungen dieser Zeit anhand einer Familie, in der die Widersprüchlichkeit ausgearbeitet wird. Der Riss geht hier nicht entlang der zu erwartenden Sollbruchstellen – die Mächtigen auf der einen Seite, die Unterdrückten auf der anderen –, sondern mitten durchs Volk.

Komplexer Kampf der Ideen

Spannend ist Chouans! – Revolution und Leidenschaft dann auch vor allem in den Szenen, in denen die Komplexität der damaligen Lage erläutert oder zumindest angedeutet wird. Das kann sehr bitter werden, wenn inmitten der auch ideologischen Kämpfe viele auf der Strecke blieben. Dann und wann baute de Broca aber auch humorvollere Zwischeneinlagen ein, beispielsweise als in einer postrevolutionären Welt alle Begriffe rund um Adel und Königshaus abgeschafft werden sollen. Aber was macht man dann mit der Bienenkönigin? In dem Moment ist das natürlich absurd. Und doch ist das ein interessantes Beispiel, wie Menschen versuchen eine Welt zu definieren, die nicht so einfach den eigenen Vorstellungen folgt.

Leider wollte sich de Broca aber nicht allein auf diese Themen verlassen. Statt eines Films, der sich um das Gedankliche kreist, wollte er lieber etwas Spürbares haben und baute deshalb noch etwas umständlich ein Liebesdreieck ein. Das ist nicht nur voller Klischees, sondern setzt auch voraus, dass gleich zwei der drei Kinder von de Kerfadec adoptiert sind, um sich nicht in Inzestregionen zu begeben. Der Glaubwürdigkeit von Chouans! – Revolution und Leidenschaft hat dies auch nicht unbedingt viel gebracht. Das wird dann einem Publikum gefallen, das sich in großen, besonders tragischen Liebesgeschichten verliert. Es führt aber auch dazu, dass der Film etwas überladen ist. Kein Wunder, eigentlich war dieser fürs Fernsehen konzipiert mit einer Länge von vier Stunden, die fürs Kino auf zweieinhalb runtergekürzt werden mussten.

Wer etwas tiefer in die Materie einsteigen möchte, der sollte deshalb lieber mit der Langfassung liebäugeln, die beim deutschen DVD-Release mit auf der Disc ist. Aber auch in der einfachen Version hat Chouans! – Revolution und Leidenschaft eine Menge zu bieten. Große Schlachten sollte man sich von der französischen Produktion zwar nicht erwarten, dafür hat das Budget dann doch nicht gereicht. Es geht auch weniger um den Bürgerkrieg als solchen als vielmehr die Figuren, die daran teilhaben. Blut fließt dennoch, immer wieder werden Menschen hingerichtet oder anderweitig getötet. Dazu gibt es eine Mischung aus Herzblut und Geistigkeit, aus noblen Ideen und irdischem Terror, die mehr als einmal die Frage stellt, ob der Zweck wirklich die Mittel heiligt.

Credits

OT: „Chouans!“
Land: Frankreich
Jahr: 1988
Regie: Philippe de Broca
Drehbuch: Daniel Boulanger, Philippe de Broca
Musik: Georges Delerue
Kamera: Bernard Zitzermann
Besetzung: Philippe Noiret, Sophie Marceau, Lambert Wilson, Stéphane Freiss, Jean-Pierre Cassel, Charlotte de Turckheim, Raoul Billerey

Bilder

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 1989 Bester Nachwuchsdarsteller Stéphane Freiss Sieg
Beste Kostüme Yvonne Sassinot de Nesle Nominierung

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Chouans! – Revolution und Leidenschaft
„Chouans! – Revolution und Leidenschaft“ spielt in den Folgejahren der Französischen Revolution und macht anhand einer Familie die Zerrissenheit des Landes deutlich. Das Liebesdreieck ist dabei umständlich eingearbeitet. Insgesamt ist der Film aber ein interessanter Einblick in eine chaotische, gewaltsame Zeit, in der ein Kampf der Ideologien viele Opfer forderte.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    VORSICHT SPOILER!!

    Ein munteres Spektakel vom revolutionären Frankreich mit besonderem Blick auf die Bretagne. Hier führt eine Gruppe königstreuer, katholischer Nationalisten einen Kampf gegen die neuen revolutionären Herren: die hier Republikaner heißen. Diese bunt zusammengewürfelte Armee von Bauern, verunsichert das Establishment durch Überfälle. Drum nennen sie die Neuen Herren auch Wegelagerer (‘Chouans‘).
    Philippe de Broca hat ein pralles Gesellschaftsbild gezeichnet, in dem sich je nach Sachlage die Zugehörigkeit zum einen oder zum anderen Lager ergab.
    Im Mittelpunkt steht der Graf de Kerfadec (Philippe Noiret). Seiner Kinder mischen in den Wirren des Bürgerkrieges heftig mit: sein leiblicher Sohn Aurèle (Stéphane Freiss), sowie sein angenommenes Findelkind Tarquin (Lambert Wilson) und seine Tochter Céline (Sophie Marceau). Eigentlich hat der Graf mit Politik nichts am Hut. Er baut lieber Flugmaschinen. (Wir sind im Zeitalter der Gebrüder Montgolfier!)
    Eine Vielzahl von Personen macht den Plot vor allem gegen Ende etwas unübersichtlich. Hier sei nur Jean-Pierre Cassel als königstreuer Baron erwähnt oder Olympe (Charlotte de Turckheim), ein Mannweib mit durchaus femininen Ausstattungen.
    Die Welle der revolutionären Aktionen schlägt über dem Zuschauer zusammen mit allen Zutaten einer Revolution: Erschießungen (auch von Kindern), der Einsatz der Guillotine, Überfälle, Kanonendonner u.v.a.m.
    Aber auch die Liebe kommt nicht zu kurz: Graf Kerfadec hält sich nach dem Tod seiner Frau eine junge Gespielin, Céline probiert mal den echten Grafen aus, dann mal das Findelkind. Die Regie hält bis zum Schluss Tempo und Spannung hoch, auch wenn man am Ende den Überblick zu verlieren droht. Dem wird durch ein märchenhaftes Ende abgeholfen: alle sind tot, nur Aurèle und Céline entschweben in einem von Vater Kerfadec konstruiertem Fluggerät, nachdem sie zuvor schon großen Mut bewiesen hatten und als letzten Ausweg von einer hunderte von Metern hohen Klippe ins Meer gesprungen waren. Temperamentvolles Abenteuer, das man entspannt genießen kann.

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