Kritik

Der Mieter Leichtlebig

„Der Mieter“ // Deutschland-Start: 31. Juli 2015 (DVD)

Schon seit Wochen sind die Bewohner der englischen Hauptstadt in Angst und Schrecken, denn es geht ein Serienmörder um, der stets an einem Dienstagabend zuschlägt und bereits sieben blonde Frauen auf dem Gewissen hat. An den Tatorten hinterlässt er nur seine Signatur, einen Zettel mit einem Dreieck und der Unterschrift „Der Rächer“. Alleine schon, weil seine Tochter Daisy (June Tripp) vom Typ her in das Schema des Mörders fallen würde, ist das Ehepaar Bunting (Marie Ault und Arthur Chesney) froh, sie noch immer bei sich wohnen zu haben und in Joe (Malcolm Keen), einem Polizisten, einen potenziellen Schwiegersohn gefunden zu haben, der Daisy beschützen kann. Als ein weiterer Mord geschieht, wird Joe von seinen Vorgesetzten mit dem Fall des „Rächers“, betraut, für ihn eine Chance, nicht nur seine geliebte Daisy zu beeindrucken, sondern auch sich in der Hierarchie Scotland Yards einen Namen zu machen. Zudem betrieben die Buntings eine kleine Pension, in der sich eines nebelverhangenen Abends ein neuer Mieter (Ivor Novello) einquartiert, dessen Verhalten dem Ehepaar von Anfang an seltsam vorkommt. Als Frau Bunting immer mehr die Ahnung beschleicht, ihr neuer Mieter könne der „Rächer“ sein, unterrichtet sie ihren Mann von ihrer Vermutung, doch erst als der vermeintliche Mörder Interesse an Daisy zeigt und diese den Annäherungsversuchen nicht abgeneigt zu sein scheint, beschließen die Buntings, es sei an der Zeit zu handeln.

Der erste echte Hitchcock-Film

In den 1920er Jahren hatte Regisseur Alfred Hitchcock zwar schon ein paar Einträge in seiner Filmografie vorzuweisen, dennoch ist Der Mieter der „erste echte Hitchcockfilm“, wie es der Filmemacher in seinem berühmten Interview mit Francos Truffaut selbst sagt. Als Inspiration diente ihm eine Aufführung des Theaterstücks Who is He?, welches auf dem Roman Jack the Ripper oder Der Untermieter der englischen Schriftstellerin Marie Adelaide Belloc Lowndes bezieht. Die Aussage Hitchcocks passt durchaus, zeigen sich doch in diesem frühen Film schon die Elemente jenes Spannungskinos, für das der Regisseur bekannt wurde und immer noch ist, doch auch viele Verweise auf das Kino des Expressionismus.

Im Grunde enthält Der Mieter eben jene Formel, welche für das Kino eines Alfred Hitchcock wegweisend wurde und letztlich genauso für viele andere Filmschaffende. Ausgangspunkt sind jene Alltagscharaktere wie die Buntings oder der manchmal etwas großmäulig auftretende Joe, die sich einer Bedrohung gegenübersehen, die sie weder verstehen, noch wirklich zu fassen kriegen. Der an Jack the Ripper angelehnte „Rächer“ ist eine unberechenbare Gestalt, die sich der Logik der Ermittler und deren Talente immer wieder erfolgreich entzieht sowie durch ihr blutrünstiges Verhalten schockiert. Hitchcock inszeniert diese Begegnung als einen universellen Schock, welcher das Weltbild der Buntings ins Ungleichgewicht bringt und die letztlich anfällig macht für Paranoia, was sich schon bald bei der Ankunft des Mieters zeigt, der sich zwar bisweilen seltsam verhält, aber bei genauem Hinsehen erst durch Angst und Übereifer zum vermeintlichen Täter auserkoren wird.

Es sind jene Verdachtsmomente, mit denen Hitchcock spielt, mit den Vermutungen der Figuren wie auch des Zuschauers spielt, wobei nicht zuletzt auch gewisse Vorbehalte gegenüber Charakteren hinzukommen. Wie später in der Figur des von Anthony Perkins gespielten Norman Bates in Psycho macht das Verhalten des Mieters ihn verdächtig, seine etwas hypersensible Art, seine nächtlichen Ausflüge wie auch sein Erscheinungsbild, welches sich von Charakteren wie Joe sehr unterscheidet. Diese Abweichung von dem eher rustikalen Bild von Maskulinität, für das Joe steht, verstärkt noch jenen Verdacht dem Mieter gegenüber, sowie den Antagonismus der beiden Figuren, nimmt der Polizist sein Gegenüber doch in mehr als nur einer Hinsicht als Bedrohung wahr.

Eine Geschichte über den Londoner Nebel

Doch es ist nicht nur die Dramaturgie, die Der Mieter bis heute noch sehr unterhaltsam und spannend macht, sondern auch seine Ästhetik, insbesondere die Darstellung der englischen Hauptstadt und ihrer verzweigten Straßen. Ähnlich dem Bild der Stadt in Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder ist Urbanität in Hitchcocks Film zugleich Zeichen der Moderne und des Fortschritts, aber auch jener Dunkelheit, die sich hierbei ergibt und sich durch Gestalten wie Jack the Ripper zeigt. Bereits das erste Bild der Stadt, welche in Nebel gehüllt ist, der anscheinend die ganze Handlung über sich nicht verzieht, verweist auf dieses Verständnis hin, auf einen Ort, an dem sich das Unheimliche mit dem Fortschrittsbestreben der Moderne begegnen.

Zwar schon nicht mehr ganz dem Expressionismus verschrieben, zeigen sich in Der Mieter doch deutliche Spuren des Kinos eines Paul Lenis oder Robert Wiene, deren Werke Hitchcock bisweilen zu seinen wichtigsten Inspirationen als Filmemacher zählt. Dies verbindet die Inszenierung mit Mitteln wie der Überlagerung von Bildelementen, beispielsweise, wenn Daisy und ihre Mutter den Schritten des Mieters über ihnen lauschen, dessen Profil durch die Zimmerdecke hindurch scheint. Generell ist es erstaunlich, wie sehr der Spannungsaufbau von Der Mieter abhängig ist von Geräuschen, was interessanterweise auch alleine über das Bild dieser Elemente, wie dem Kuckuck aus der Uhr oder der knarzenden Treppe, gut funktioniert.

Credits

OT: „The Lodger – A Story of the London Fog“
Land: UK
Jahr: 1927
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Eliot Stannard
Kamera: Baron Ventimiglia
Besetzung: Ivor Novello, June Tripp, Malcolm Keen, Marie Ault, Arthur Chesney

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Der Mieter (1927)
„Der Mieter“ ist eine frühe Arbeit Alfred Hitchcocks, ein wichtiges Werk, welches bereits viele der Elemente enthält, die für sein Werk wichtig sind. Die raffinierte Spannungsdramaturgie sowie das Spiel mit der Bildebene beweisen das Talent des Regisseurs, der seinen Zuschauer bewusst lange im Dunkeln lässt und Informationen vorenthält oder diese in einem anderen Licht erscheinen lässt.
7von 10

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