Athena Strates ist eine südafrikanische Schauspielerin mit deutschen Wurzeln. Ihre Ausbildung als Darstellerin absolvierte sie in Berlin und in Los Angeles. Dem Kinopublikum ist Strates vor allem wegen ihrer Rolle in The Good Liar – Das alte Böse bekannt, wohingegen man sie hierzulande auch wegen ihrer Mitarbeit an TV-Serien wie SOKO Kön, Die Chefin oder Deutschland 86 kennt. In ihrem neuesten Film A Perfect Enemy des katalanischen Regisseurs Kiké Maíllo, welcher auf dem Sitges Film Festival 2020 Premiere feierte, spielt Strates die Rolle der Texel Textor, einer undurchsichtigen Figur, die dem Stararchitekten Jeremiasz Angust, gespielt von Tomasz Kot, nicht nur einige Rätsel aufgibt, sondern ihn auch verstört, da sie mehr über seine dunklen Geheimnisse weiß, als ihm lieb ist.

Im Interview unterhalten wir uns mit Athena Strates über ihre Rolle, die Vorbereitung auf diese und die Zusammenarbeit mit Cast und Crew am Set von A Perfect Enemy.

Eines der wichtigsten Themen von A Perfect Enemy ist das Streben nach einer Form der Perfektion, in der Arbeit wie auch im Leben, wie es Jeremiasz beschreibt. Inwiefern sind Sie eine Perfektionistin?

Ich denke, dass man vieles im Leben besser oder anders machen kann, was aber nicht heißt, dass es automatisch perfekt sein muss. Im Film wird an einer Stelle gesagt, dass Perfektion nicht dann erreicht ist, wenn es nichts mehr hinzuzufügen, sondern wenn es nichts mehr wegzunehmen gibt. Ich habe begriffen, dass Perfektion etwas rein Individuelles ist und es nicht so sein muss für alle anderen. Meine Arbeit kann ich als perfekt empfinden, aber jemand anders wird dies vielleicht nicht so sehen.

Meiner Meinung nach ist Imperfektionismus erstrebenswerter, schöner und fürs Publikum vielleicht auch zugänglicher. Daher würde ich sagen, dass ich zwar keine Perfektionistin bin, aber bemüht bin, die beste Art zu finden, mich meiner Arbeit zu nähern.

Was hat Sie an der Rolle der Texel Textor und an der Geschichte von A Perfect Enemy interessiert?

Texel ist eine einzigartige Person, da sie den Perfektionismus, wie ihn Jeremiasz vertritt, nicht vertritt und dadurch zu einem sehr facettenreichen und freien Charakter wird. Ich habe die Rolle als eine Gelegenheit gesehen, meine verschiedenen Facetten als Schauspielerin zu zeigen. Jeder hat etwas von dieser Figur in sich, denn sie repräsentiert alles, was wir geheimzuhalten versuchen oder vor anderen wegschließen. Diese Dunkelheit und Rätselhaftigkeit zu spielen in einem Film, hat mich sehr gereizt.

Abgesehen davon fand ich die Geschichte, die das Drehbuch und der Roman erzählt, faszinierend. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal zu Ende gelesen hatte, war ich so schockiert wegen dieses überraschenden Endes, dass ich sogleich noch einmal von vorne begonnen habe zu lesen, damit ich diese ganzen Verknüpfungen und Details mitbekomme. Es ist eine sehr spannende Geschichte.

Wenn man als Schauspieler eine Rolle bekommt, die auf einer Vorlage basiert, ist dies nicht auch ein ziemlich enges Korsett? Welche Formen der Mitbestimmung oder Ausgestaltung der Rolle gab es für die Darsteller?

Es gab sehr viel Raum zu Improvisation, sehr viele Gelegenheiten, eigenen Impulsen zu folgen in einer Szene. Natürlich gibt es eine Vorlage, aber Texel ist eine laute und freche Person, der es egal ist, was andere von ihr denken. Das ist eine große Freiheit, die sie hat und die man auch als Darsteller bedienen muss, wenn man sie spielen will.

Abgesehen von der Arbeit mit dem Drehbuch und der Romanvorlage, gab es eine bestimmte Vorbereitung für die Rolle?

Im Vorfeld habe ich viele Interviews mit und Dokumentationen über Mörderinnen und psychisch gestörte Menschen gesehen. Es ging mir dabei um das Konzept zwischen Gut und Böse, was wir beide zwar kennen, aber bei einem psychisch gestörten Menschen entweder nicht vorhanden ist oder wo die Grenze sehr verschwommen ist. In deren Augen ist ein Mord kein Unrecht.

Diese Recherche war nötig für eine Rolle wie Texel, die eine sehr sympathische, aber auch eine sehr dunkle Seite hat.

Texel ist eine Figur, die in gewisser Weise auch eine äußerliche Transformation von einem Schauspieler verlangt. Inwiefern haben Sie bei der Wahl beispielsweise des Kostüms mitgewirkt?

Ich habe sehr viele Impulse mitgegeben während der Drehzeit und schon vorher, bei der Vorbereitung. Alleine mit dem Requisitendepartment habe ich viel über Details gesprochen, wie beispielsweise, was Texel in ihrem Rucksack hat, dessen Inhalt praktisch ihre Geschichte erzählt. Bei ihrem Kostüm waren wir zuerst eher auf der sicheren Seite, haben aber dann immer mehr experimentiert, wurden mutiger und haben verschiedene Dinge ausprobiert. Das hat viel Spaß gemacht und in diesem Entscheidungsprozess habe ich meinen Beitrag zu geleistet.

Eine meiner Lieblingsszenen ist die auf der Flugzeugtoilette, wenn der Film nicht nur inhaltlich, sondern auch formal eskaliert. Wie war es, diese oder andere Szenen zu drehen?

Es war körperlich sehr anstrengend, weil wir, also Tomasz Kot und ich, uns in Kunstzement, eine Substanz aus Mehl und Farbe, bewegen mussten. Der Ort war, wie jede Flugzeugtoilette eben, sehr eng und wir waren bis zur Hüfte in diesem Kunstzement, haben dort drin gekämpft und diese mehrmals drehen müssen. Als wir die Szene das erste Mal drehten, haben wir vor Ort den Boden kaputtgemacht und mussten den reparieren. Es war ein großes Chaos, aber im Dienste eines wie ich finde tollen Höhepunktes im Film.

Obwohl mir die Arbeit an dieser Szene irre viel Spaß gemacht hat, ist es nicht meine Lieblingsszene. Es gibt im Drehbuch mehrere Szenen, in denen Texel von ihren Erfahrungen mit der Figur der Isabelle schildert. Die erste spielt in der VIP-Lounge am Flughafen, beginnt ganz unschuldig und wird immer dunkler, bis Jeremiasz es nicht mehr ertragen kann und flüchtet. Kiké Maíllo, der Regisseur, wollte, dass ich diese Erzählung improvisiere und mich nur an ein paar Eckpunkten, die für die Handlung wichtig sind, orientiere. An dem Tag, als er dann zu mir kam und mir sagte, gleich wäre es so weit und wir würden sie Szene drehen, habe ich mir zehn Minuten Zeit genommen und bin in mich gegangen. Als es dann so weit war, habe ich einfach drauf losgeredet und erst nach 25 Minuten aufgehört. Mit der Zeit kam ich wieder aus der Rolle heraus und nahm wahr, dass alles um mich herum noch immer still waren, bis einer anfing zu klatschen und die anderen mit einstimmten. So etwas habe ich noch nie bei einem Filmdreh erfahren. Das war einer der besten Momente meiner Karriere als Schauspieler und bestimmt auch meines Lebens.

Texel ist eine faszinierende Figur, gerade in diesen Dialogszenen. Wirkt sie zunächst nur etwas verwirrt, will man sich als Zuschauer, ähnlich wie Jeremiasz, eigentlich mit der Zeit eher von ihr distanzieren, ohne vorher zu wissen, was sich eigentlich hinter ihrer Fassade verbirgt.

Das stimmt. Ich finde es genauso faszinierend, dass man sehr viel Sympathie mit dieser Figur hat, sie aber im Verlauf der Handlung sehr unbequem für den Protagonisten wie auch den Zuschauer wird.

Können Sie uns etwas zu Ihrer Zusammenarbeit mit Tomasz Kot und Regisseur Kikê Maíllo sagen?

Kiké ist ein sehr engagierter und sehr leidenschaftlicher Regisseur, mit dem mir die Arbeit an diesem Film sehr viel Spaß gemacht hat. Er verfolgt eine sehr klare Vision, gibt seinen Darstellern aber auch viel Freiraum, hat mich zum Beispiel in meiner Interpretation Texels stets unterstützt und motiviert, diese Ideen mit in die Darstellung einfließen zu lassen.

Die Arbeit mit Tomasz hat auch sehr viel Spaß gemacht, macht es eigentlich noch immer, da wir gerade A Perfect Enemy gemeinsam promoten und deswegen zusammen Interviews führen. Natürlich hat er mehr Erfahrung als ich, aber dies stand niemals zwischen uns.

Insgesamt war es eine tolle Erfahrung mit diesen beiden talentierten Künstlern zusammengearbeitet zu haben, beim Dreh und bei den zwei Wochen Vorbereitung vor den eigentlichen Dreharbeiten.

Gibt es denn ein Traumprojekt oder eine Traumrolle für Sie?

Das ist eine schwierige Frage, die mir schon sehr oft gestellt wurde, aber ich konnte sie bisher nicht richtig beantworten. Texel ist eine einzigartige Rolle, die man gerade als Frau im Schauspielberuf nicht immer angeboten bekommt, auch weil in der Romanvorlage Texel ein Mann ist und eigens für den Film die Rolle verändert wurde. Ich will einfach weiter kraftvolle, tiefe und komplexe Rollen spielen, so wie Texel eben in A Perfect Enemy.

Vielen Dank für das nette Gespräch.



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